Literatur

Ein Mann mit zwei Seelen

Als ich diesen Roman zur Hand nahm, habe ich mir auf "Arte" drei Abende hintereinander jeweils drei Stunden lang Ken Burns' Dokumentation über den Vietnamkrieg angesehen. Mit anderen Worten: Ich war allerbestens eingestimmt auf dieses - es sei gleich gesagt - grandiose Vietnam-Buch.

Nur eben: Ken Burns' Dokumentation zeigte den Vietnamkrieg aus amerikanischer Sicht. Sicher, es kamen auch Nord- und Südvietnamesen zu Wort, doch letztlich bleibt einem Amerikaner nur eine amerikanische (klar, auch da gibt es ganz unterschiedliche Werthaltungen) Perspektive. Fast alles, was ich bislang über den Vietnamkrieg gelesen habe, stammt von westlichen Autoren. Es war viel Eindrückliches und Bewegendes dabei.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Viet Thanh Nguyen habe ein politisches Ziel, lese ich in einem Porträt über ihn: Er wolle die Hegemonie der amerikanischen Kultur über die Erinnerung an eine Katastrophe brechen, die überall auf der Welt "Vietnamkrieg" heisst, in Vietnam aber "Amerikanischer Krieg".

Man geht Bücher meist nicht ohne Vorkenntnisse beziehungsweise Voreingenommenheit an, weshalb denn auch meine gleich benannt werden sollen. Jedenfalls die, die mir bewusst sind. Mich faszinieren dieses Land und seine Leute, dreimal war ich auch selber vor Ort. Kurz und gut: Ich begegne so recht eigentlich allem Vietnamesischen mit Sympathie. Soweit die Ausgangslage.

"Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern", sagt der namenlose Erzähler, der Sympathisant des Titels, ein kommunistischer Agent, der seinen südvietnamesischen General ins amerikanische Exil begleitet, am Anfang dieses Romans. "Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin."

Die Geschichte beginnt im April 1975, der Zeit der amerikanischen Kapitulation. Alle im Süden wollen raus aus dem Land, in die USA. "Ein Marineinfanterist nuschelte in ein Megafon, dass sie eine Schlange bilden sollten. Das entsprach jedoch nicht dem natürlichen Verhalten meiner Landsleute. Die ihnen angemessene Vorgehensweise in Situationen von hoher Nachfrage bei geringem Angebot bestand in Stossen, Schubsen, Drängeln und Schieben, und wenn das alles nichts half, in Bestechung, Schmeichelei, Übertreibung und Lüge. Es war ungewiss, ob diese Eigenschaften genetisch bedingt, kulturell tief verwurzelt oder einfach evolutionärer Entwicklung geschuldet waren."

Auch Prostituierte haben sich eingefunden, sie wollen ebenfalls in die USA. Und auch hier zeigt der Autor seinen scharfsinnigen Witz. "Ich hatte immer Respekt vor der Professionalität von Prostituierten, die ihre Unaufrichtigkeit offener zeigten als Anwälte, beides Berufsgruppen, die nach Stunden abrechneten."

"Der Sympathisant" ist eine gescheite und gut erzählte Geschichte, die gleichzeitig Kriegsroman, Einwanderergeschichte und Agententhriller sowie politische und kulturelle Aufklärung ist. "Und ich war besonders wütend, als er zugab, nicht einmal zu wissen, dass Montagnard einfach der französische Sammelbegriff für die Dutzenden von Minderheiten war, die im Hochland lebten."

Was mich an diesem Buch am meisten begeisterte, waren die vielen, cleveren kulturellen Einsprengsel. "Oder litt ich an Paranoia, dieser durch und durch amerikanischen Charaktereigenschaft?" Oder: "Er war in den Vierzigern, eine Kreuzung aus Anwalt und Politiker, mit der Aggressivität des Ersteren und der Geschmeidigkeit des Letzteren, was in seiner Kopfform zum Ausdruck kam." Oder: "Die Erörterung moralischer Zweifel war so langweilig wie die Erörterung von Familienstreitigkeiten, ausser die direkt Betroffenen interessierte das keinen Menschen." Oder: "Wie der westliche Mensch, so langweilte sich auch der östliche Mensch dann am meisten, wenn er sich an seinen eigenen Gestaden aufhielt."

Man wird nicht nur bestens unterhalten, sondern sieht Asien mit anderen Augen, nachdem man "Der Sympathisant" gelesen hat.

Der Sympathisant
Viet Thanh Nguyen

Der Sympathisant


Blessing 2017
Originalsprache: Englisch
528 Seiten, gebunden
EAN 978-3896675965
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller

Zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren

Bernhard Schlink erzählt in seinem neuen Roman Olga Rinkes Leben vor dem Hintergrund zentraler Epochen der jüngeren deutschen Geschichte.

Lesen

Fremder im eigenen Seelenhaus

Hansen will sich an seinem sechzigsten Geburtstag umbringen. Er mag einfach nicht mehr. Entschluss und Datum stehen eigentlich fest.

Lesen

Tunnel ins Ego

"Der Tunnel" ist die argentinische Version von Sartres "Der Ekel", aber es ist keine Kopie, sondern eine eigenständige Version der Schilderung des bürgerlichen Ennui des Nachkriegsexistentialismus.

Lesen

Familiäre Zusammenhänge

Ein Roman über Menschen auf der Suche nach ihren Wurzeln, die lernen, in der eigenen Vergangenheit und der ihrer Vorfahren Kraft zu finden für die Gestaltung und die positive Bewältigung ihres eigenen Lebens.

Lesen

Deutschland in rechtsradikaler Hand

Was, wenn in Deutschland eine rechtsradikale Partei die Macht ergreift? Martin Schäuble hat sich dieser Frage angenommen und daraus einen Jugendroman gemacht, der auch für Erwachsene spannende Lektüre ist.

Lesen

Wiedersehen in Berlin

Das Berliner Biotop der Achtziger ist um eine Attraktion reicher. Chrissie, die Nichte von Erwin, dem Kneipenwirt, mischt mit. Herr Lehmann und Co tauchen auch wieder auf und Sven Regener schwelgt wieder in seinem schelmischen schwarzen Humor, diesmal sogar auf Wienerisch.

Lesen
Der Alltag der Welt
Die Geschichte von Herrn Sommer
Der Fremde
Der Sieger bleibt allein
Tuareg
Ein Glückskind
Wovon die Wölfe träumen
Bahnhofsprosa
Die Möwe
Eine Zeit ohne Tod
Rosas Rückkehr
Das trunkene Schiff
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018