Der Siebenjährige Krieg 1756 – 1763

Friedrich der Glückliche und sein Verbleib in einem exklusiven Klub

Nur vier europäische Herrscher bekamen von der Historikerzunft den Beinamen "der Große" verpasst: der antike König Alexander, der Frankenkaiser Karl, der russische Zar Peter I. und der Preußenkönig Friedrich II. (Um präzise zu sein: Auch eine weibliche Monarchin, Katharina II. von Russland, erntete dieses Attribut). 

Der ehrgeizige Friedrich hatte ganz bewusst solchen Ruhm gesucht. Das honorige Prädikat wurde ihm 1745 verliehen. Da war der politisch noch junge royale Dachs und militärisch ebenso begeisterte wie begabte Stratege gerade mal ein halbes Jahrzehnt auf dem Thron, hatte aber den Erzfeind Österreich in vier aufeinanderfolgenden Schlachten, die er selber angeführt hatte, geschlagen – und die reiche Provinz Schlesien Preußens Territorium einverleibt. 

Wie groß er wirklich war, wollte Friedrich zu einem ihm geeigneten Zeitpunkt nachdrücklich unter Beweis stellen. Dazu fiel er ohne vorherige Erklärung und hinreichende Kriegsgründe in Sachsen ein, das bis dato dem österreichischen Einflussbereich zugerechnet war. Wie von Friedrich vorausgesehen, konnte eine solche Provokation nicht unbeantwortet bleiben. Der Rattenschwanz an Reaktionen, die der Überfall nach sich zog, sprengte freilich die Vorstellungskraft sogar eines derart weitblickenden Genies, wie es Friedrich nun einmal war, zumindest in seiner Selbsteinschätzung.  

Mitte des 18. Jahrhunderts machten sieben Großmächte die internationale Politik unter sich aus. Drei von ihnen: Spanien, Schweden und die Türkei, waren bereits im Niedergang und ihre ehemals mächtigen Reiche in Stadien des Abbröckelns und des Verfalls begriffen. Die Übriggebliebenen: Großbritannien, Frankreich, Österreich und Russland, zankten sich um die Vorherrschaft. 

Die britisch-französische Rivalität wurde vorwiegend in Übersee ausgefochten, in den Kolonien von Nordamerika und auf dem indischen Subkontinent. Europa war nur Nebenkriegsschauplatz – für die Briten. Frankreich besaß zwar die mit Abstand größte Armee, teilte seine Kräfte jedoch unklug ein und war in zu viele Scharmützel involviert. Schließlich wurde der ehemalige koloniale Platzhirsch aus Indien verdrängt und verlor Kanada an den Erzrivalen. Im Gegenzug war Großbritannien endgültig zur Weltmacht aufgestiegen. 

Und in Europa? Schien der 1756 begonnene Krieg kein Ende zu nehmen. Zunächst reihte Friedrich eine Kette von Siegen aneinander, dann verließ ihn das Schlachtenglück. Der sich entwickelnde Abnutzungskrieg nutzte den Feinden: Österreich und Russland verfügten über ein Mehrfaches der Einwohner Preußens und konnten ihre militärischen Kontingente nach Verlusten leichter wieder mit neuen Soldaten auffüllen. Preußen konnte das nicht und war bald nur noch in der Defensive.  

Nach der Schlacht bei Kunersdorf an der Oder wäre Preußen fast untergegangen. Anfang 1760 wurde Berlin von russischen Truppen eingenommen. Nach den üblichen Plünderungen zogen sich die Besatzer, strategisch nicht nachvollziehbar, wieder zurück, ohne die feindliche Infrastruktur zu zerstören. Friedrich, den mittlerweile kaum noch einer seiner leidgeplagten Untertanen einen Großen nannte, konnte sein Glück kaum fassen und sprach von einem ‚Mirakel‘. 

Noch wunderbarer wirkte sich ein zweites unvorhergesehenes Ereignis aus: Zu Beginn des Jahres 1762 starb, völlig überraschend, die Zarin Elisabeth II. Ihr Nachfolger, Peter III., wechselte anschließend sofort die Seiten. So fand Friedrichs brisantes Abenteuer ein halbwegs versöhnliches Ende. Gerade seine Risikofreude und seine Allesodernichtsstrategie war es, die den durchaus zu fürchtenden Herrscher einer verfeindeten Macht zum glühenden Verehrer Preußens und unverhofften Bundesgenossen werden ließ. Wäre Peter nicht bald nach seiner Inthronisierung ermordet und die kurzfristige russisch-preußische Allianz unter Zarin Katharina II. wieder rückgängig gemacht worden – wer weiß, wohin den plötzlich wieder großen Friedrich sein unverdientes Fortune noch geführt hätte.

Alles in allem endete der schlimmste Krieg des 18. Jahrhunderts mit einem Unentschieden. Ein Ziel hatte Friedrich erreicht: Preußen war in die Riege der europäischen Großmächte aufgestiegen. Mochte ihm selber auch ein Zacken aus der Krone gefallen sein, sein Glanz als Herrscher und Militärstratege – siehe Zar Peter III. –wirkte nach sieben durchwachsenen Kriegsjahren kaum ermattet. Aber um welchen Preis? Auch diesen beleuchtet die allseits überzeugende Darstellung des Historikers und Militärexperten Gerhard P. Groß (der seinen Namen, was die Qualität seines Schaffens betrifft, im Gegensatz zu Friedrich dem Glücklichen verdient): Geschätzt 850.000 Soldaten ließen ihr Leben auf den Schlachtfeldern oder starben an den Folgen ihrer Verwundungen, auch an Seuchen oder durch Kälte. Auch viele Zivilisten in Sachsen und Schlesien waren von den Kriegshandlungen betroffen, für sie bedeuteten jene sieben Jahre nichts als Ärger, Stress und Kummer.

Eine weitere Stärke des vorliegenden Werks ist die Detailfreude. Sie schlägt sich nicht nur in den strategischen und taktischen Erläuterungen nieder. Auch der soldatische Alltag oder das Leben auf den Kriegsschiffen (die vor allem in Nordamerika zum Einsatz kamen), für einen Teil der Leserschaft unbekanntes Terrain, werden anschaulich geschildert. Insgesamt liefert Groß ein komplettes Panorama einer entscheidenden Epoche europäischer Geschichte. Die zahlreichen Bebilderungen, Karten und Porträts lockern den Inhalt auf, der in seiner Kompaktheit bisweilen etwas fordernd wird. Groß' Sprachstil, ohne Redundanzen, knapp und präzise, trägt nicht minder dazu bei, einen sehr komplexen Sachverhalt allgemeinverständlich darzustellen.
 

Der Siebenjährige Krieg 1756 – 1763
Der Siebenjährige Krieg 1756 – 1763
159 Seiten, broschiert
Reclam 2023
EAN 978-3150114483

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