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Egon Erwin Kisch: Der Rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg Egon Erwin Kisch in Spanien

19. April 2026
von Ralf Höller

Die Schriftsteller Willi Bredel und Egon Erwin Kisch trafen sich im Sommer 1937 in Madrid. Beide waren Kommunisten, beide wollten ihren Beitrag im Spanischen Bürgerkrieg zugunsten der Republik und gegen die von General Franco angeführten, von den faschistischen Mächten Deutschland und Italien unterstützten Aufständischen leisten. Und sie wollten die Solidarität aller Demokraten in Europa und Amerika anmahnen, die nach mittlerweile über einem Jahr äußerst brutaler Kriegführung am Erlahmen war.

In dieser Situation plante Kisch einen Beitrag über die Tiere im Madrider Zoo. Täglich wurde die Hauptstadt vom Umland aus und aus der Luft bombardiert, was die schutzlosen Insassen hinter Gittern „zum Gotterbarmen zittern" ließ. Bredel schüttelte nur den Kopf: „Hunderttausende Menschen hätten nicht weniger Angst als die Tiere", meinte er, und seien „ebenfalls schutzlos diesem Granatentod ausgeliefert." Von Kisch forderte er daher, statt über die hilflosen Tiere über die armen Menschen zu schreiben.

Kisch wiederum warf Bredel Naivität vor: „Wen in der Welt", entgegnete er, „interessiere schon die Todesqual der Bevölkerung von Madrid? Wenn die Menschen draußen aber erführen, wie harmlose Leoparden, Hyänen, Wölfe, aber auch Affen, gar nicht zu reden von den Lieblingstieren der Menschen – die Elefanten und Seehunde –, von Granaten zerfetzt werden und grausam verbluten, erschüttere das auch die sonst Gleichgültigsten." Klingt das nicht merkwürdig aktuell?

Dann verfasste Kisch doch einen Artikel über das Leiden der Menschen in Madrid und ihren heroischen Widerstand gegen die faschistische Übermacht. Darin schildert er die Verwüstungen der „zweimalhunderttausend Schrapnelle und Fliegerbomben", die seit Ausbruch des Bürgerkriegs auf Madrid herabregneten. Doch bleibt Kisch nicht bei der traurigen Vergangenheit, sondern befasst sich mit der Zukunft, die Madrid – entgegen aller Erwartungen, dass die Hauptstadt längst in die Hände des Feindes hätte fallen müssen, was sie sich jedoch weigert zu tun – durchaus noch bleibt; und vergisst auch nicht, die Ursachen und Hintergründe zu schildern, die diesen Konflikt heraufbeschworen haben. Mutter Madrid heißt diese brillant geschriebene Reportage, die an Herz und Hirn gleichermaßen appelliert und so vieles auf den Punkt bringt, auf engstem Raum und in nüchternen, pointierten und dennoch poetischen Sätzen.

Kisch und Bredel werden in Spanien bleiben. Während Bredel sich freiwillig bei den Internationalen Brigaden für den Einsatz an der Front meldet, setzt sich Kisch als Berichterstatter kaum weniger der Gefahr aus: In keinem Konflikt waren bis dahin so viele Journalisten gestorben wie in jenen drei Jahren der kriegerischen Auseinandersetzung in Spanien – und auch nicht annähernd so viele Zivilisten. Ihre Opferzahl wird vorsichtig auf dreihunderttausend geschätzt. Erst im darauffolgenden Sommer verlassen beide Spanien, als die Internationalen Brigaden aufgelöst werden und, von deutschen und italienischen Bomberpiloten abgesehen, fast nur noch Spanier in Spanien kämpfen.

Im vorliegenden Band sind alle heute noch auffindbaren journalistischen Arbeiten Kischs rund um den Spanischen Bürgerkrieg vereint; ergänzt durch Briefe des Autors aus Madrid und von der Front, aber auch durch Erinnerungen von Weggefährten wie Willi Bredel, Alfred Kantorowicz, Gustav Regler oder Ludwig Renn. Bislang nicht veröffentlichte Fotos vertiefen den Eindruck, den die bislang „umfassendste Sammlung von Kischs Reportagen und Texten aus Spanien" vermitteln und „seine Bedeutung als Chronist, engagierter Reporter, Zeitzeuge, Literat und vor allem Mensch belegen."

So lautet die Einschätzung von Georg Pichler und Joachim Gatterer, den verdienstvollen Herausgebern des Bandes. Kisch hat mit seinen Texten schon damals den Europäern (die lieber wegsahen und -hörten) Ohren und Augen geöffnet, was Faschismus in Politik und Alltag bedeuten und welche Folgen er haben kann. Die Berichte und Briefe von Kisch und über ihn lassen sich alle heute noch sehr gut lesen – nicht nur von historisch und literarisch Interessierten oder journalistisch Ambitionierten, sondern von allen, die sich ernsthaft mit dem Phänomen auseinandersetzen und nach Antworten suchen, wie man mit Faschisten und dem Faschismus am besten umgehen kann.

Alle Rezensionen von Ralf Höller

Buchcover von Der Rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg
Egon Erwin Kisch, Georg Pichler (Hrsg.), Joachim Gatterer (Hrsg.)
Der Rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg
308 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-99065150-6