Der Mensch – "ein Entwurf auf etwas Ungeheures hin" Guardinis Bild vom Menschen
Romano Guardini (1885–1968) wirkte inspirierend auf Theologen, Philosophen und Hörer aller Fakultäten, als Prediger vor der Studentengemeinde in der Münchner Kirche St. Ludwig, als Vordenker der „Liturgischen Bewegung" und als spiritueller Wegbegleiter der Gemeinschaft weltoffener Katholiken, die sich der Burg Rothenfels verbunden wusste. Verehrt wurde er besonders von Joseph Ratzinger. Noch in den Tagen vor seiner Emeritierung griff er Guardinis berühmte Wendung von 1922 auf: „Ein Vorgang von unabsehbarer Tragweite hat eingesetzt: Die Kirche erwacht in den Seelen." Im vergangenen Jahr erschienen die ersten Bände einer neuen Reihe mit Guardini-Studien, die Anlass bieten, sich mit dem Denker, seinem Werk und seinen theologischen Impulsen heute vertieft zu beschäftigen.
Michael Wladika spricht hymnisch von einem „Jahrhundert-Denker für die Gegenwart". Guardini, der scheue, mitunter schwermütig gestimmte Religionsphilosoph hätte sich dagegen mutmaßlich verwahrt. Seine sprachlich fein nuancierten Beobachtungen und Betrachtungen zu Gestalten der Weltliteratur, über Augustinus oder Pascal, zu Formen des Betens und zur Christologie sind durch eine hohe Sensibilität gekennzeichnet. Damit sind Guardinis Werke genuin Ausdruck der Person. Zu Recht betont Wladika auch die Diagnose der Gegenwart. Guardini lebte in der Zeit, deren Geist und Ungeist er sorgsam wahrnahm und stellte kulturtheoretische Überlegungen dazu an, stets auf der Überlieferung des Christentums fußend.
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die renommierte Religionsphilosophin und im deutschen Sprachraum mit Guardinis Werk vertraut wie niemand sonst, skizziert die Grundlagen der Anthropologie, die dieser entfaltet. Gott wolle den „Menschen ringen sehen", als jemanden, der frei und stark sei: „Die Liebe will, dass man mit ihr kämpft, dass man um Klärung für sein eigenes Leben kämpft, dass man sich kämpfend mit allen Fragen auf Gott einlässt." Das „Ringen Gottes mit dem Menschen", der die Mitwirkung des Menschen wolle, scheine die „Mitte von Guardinis Denken" zu sein. Deutlich wird hier, dass Romano Guardini quer steht zu allen modernen und postmodernen Lehren der Selbstverwirklichung, ebenso auch des Existenzialismus, so dass etwas verwunderlich anmutet, dass Wladika den Begriff für Guardinis spezifische Form eines christlichen Existenzialismus aufgreift.
Die christliche Existenz aber bleibt für den Denker stets eingebettet in den Raum des Glaubens der Kirche, die alle Zeiten und alle Orte umschließt, integriert also in die Pilgergemeinschaft. Der Gläubige mag sich einsam fühlen, aber doch ist er nie auf sich selbst gestellt. Er lebt immer in Beziehung, auch wenn er in dieser Beziehung zu seinen Mitmenschen und auch zu Gott Entfremdung und Enttäuschung oder die bloße Dunkelheit erfahren kann. Ebenso staunend erfährt der Leser, dass Sokrates als „Gamechanger aller Gamechanger" vorgestellt und sogar von Wladika als „Vorläufer Christi" angesehen wird. Bei aller Wertschätzung für die platonische Philosophie und auch für die besondere Gestalt des Sokrates darf nicht die hohe Ambivalenz der Person außen vor bleiben, denn die hedonistische Lebensweise und manche Abgründe der bacchantisch gestimmten griechischen Antike, so etwa die auch im sokratisch-platonischen Kreis praktizierten und geduldeten Lebens- und Liebesformen, stehen im diametralen Gegensatz zum Evangelium. Guardini verehrte die platonische Philosophie, aber als „Vorläufer Christi" hätte er – ein kühner Gedanke – Sokrates kaum angesehen.
Verdienstvoll ist, dass Albrecht Voigt selten beachtete Darlegungen Guardinis würdigt, nämlich dessen Nachdenken über den Embryo im Mutterleib, den er von Anfang an ganz und gar als einen „lebendigen Menschen" begreift und somit Abtreibung scharf ablehnt. Der Mensch ist, so legt Voigt dar, von Anfang an Person und verfügt über eine unantastbare, aber in Geschichte und Gegenwart so oft angetastete Würde.
Verwunderlich erscheint, dass Harald Seubert Guardinis Buch Die Kirche des Herrn als postumes Werk deklariert. Erstmals ist der Band nicht im Todesjahr, sondern bereits 1965 erschienen, also durchaus zu Lebzeiten des Verfassers. Anerkennenswert indessen ist die Beobachtung, dass Seubert Guardinis „Gestaltdeutungen" von Rilke oder Hölderlin in einen „dialogischen Rahmen" eingebettet sieht. Der Religionsphilosoph seziert nicht analytisch, er beschreibt tastend und auf gewisse Weise mit hörendem Herzen die Gestalten und ihre Werke, ihr Ringen mit dem Glauben oder mit Fragen, die die Sphäre des Glaubens berühren. Philemon Dollinger schließlich widmet sich der religiösen Sprache des Denkers, der eine bestimmte Musikalität zu eigen ist. Guardini wähle nicht „religiöse Wörter", die auch „unecht" verwendet werden könnten. Die Voraussetzung des religiösen Sprechens sei für ihn das „Schweigen", denn „wirklich", also „echt" oder, ins Heute übertragen, authentisch könne nur sprechen, wer auch schweigen könne. Bernhard Dolma charakterisiert Guardini gänzlich als Mann der Kirche, der sich in den „Lebensraum" des Glaubens habe hineinziehen lassen. Sein theologisches Denken sei auf die „Wahrnehmung der Gesinnung Gottes" konzentriert und führe zur Anbetung.
Dieser Aufsatzband schenkt Einblicke in die Denkweise Romano Guardinis und macht mit Aspekten seiner christlichen Anthropologie vertraut. Er weckt Neugierde auf das Werk Guardinis, auch wenn einige der in diesem Buch angestellten Überlegungen Fragen aufwerfen und zum kritischen Nachdenken Anlass geben.
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