György Dalos' unterhaltsamer Rückblick auf den Zerfall einer großen Dynastie
Gleich vier europäische Monarchen verschwanden gegen oder nach Ende des Ersten Weltkriegs, und ihre Throne gleich mit ihnen: der Hohenzollernkaiser Wilhelm, sein Habsburger Kollege Karl, der türkische Sultan Mehmed und der russische Zar Nikolaj. Ihre Ordnungszahlen, der Vollständigkeit halber, waren II, I, V und wieder II. Auf die Inhaber der ersten drei Nummern wartete ein erträgliches Los; sie mussten ins Exil, durften dort aber weiterhin ein Luxusleben führen. Nur der zweite Nikolaj aus dem Haus Romanow zog eine glatte Niete. Allerdings hatte sich dieses Schicksal abgezeichnet. Nachdem der Zar einen Volksaufstand, mehrere Attentate und eine Revolution überlebt hatte, wurde ihm der nächste Umsturz, ausgeführt von den Bolschewiki, zum Verhängnis.
Diesen Weg in die Katastrophe, die politische wie auch die persönliche, versucht György Dalos nachzuzeichnen. Der Autor mutet sich dabei einen schwierigen Spagat zu: Einerseits muss er recht gerafft die historische Entwicklung im ausgehenden 19. und den ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts schildern, was vor ihm bereits zahlreiche Historiker in unzähligen Spezialabhandlungen unternommen haben, und andererseits der ungewöhnlichen Tragik der Familie Romanow gerecht werden, die sich in mannigfaltigen Schilderungen oft wenig seriöser Natur niedergeschlagen hat, bis hinein in den bunten Klatschblätterwald unserer Tage.
Dalos kapriziert sich auf die Person des Zaren, ohne ins Seichte abzudriften. Zugute kommt ihm seine Ausbildung als Historiker, die ihn fünf Jahre an der Moskauer Lomonossow-Universität verbringen ließ und ihn, das hat er einigen westeuropäischen Wissenschaftlern voraus, mit so sicherer Kenntnis der russischen Sprache ausstattete, dass die Auswertung der Originalquellen erster Hand erfolgte. Zusätzlich verfügt Dalos über reichlich Expertise als Schriftsteller; seine Romane Balaton-Brigade, Die Beschneidung, Der Gottsucher, Jugendstil, Seilschaften, Der Versteckspieler - die meisten drehen sich um den autobiografischen Helden Tamás Cohen - sind allesamt überaus lesenswert (wofür auch der Umstand spricht, dass der Schreiber dieser Zeilen für die Aufzählung ohne den Beistand von wikipedia auskam).
Was aber ist neu an Dalos' Biografie? Ähnlich Christopher Clarks Abhandlung über Wilhelm II. gelingt es dem Autor, jenseits der bereits hinlänglich kolportierten und allzu sehr strapazierten Klischees einen Menschen zu zeichnen, der über ungeahnte Charakterstärken, eine umfassende Bildung und umfangreiche Sprachkenntnisse (neben Russisch sprach Nikolaj Englisch, Französisch und Deutsch perfekt, wie übrigens auch der Ordinalzahlkollege Wilhelm) verfügte - und dennoch, gemessen an seiner bedeutenden Stellung und seinem geringen Einfluss - ein allenfalls mittelmäßiger Herrscher war. Hier tun sich wieder Parallelen zu Wilhelm auf: Auch Nikolaj war zu unbeleckt, untalentiert und wohl auch desinteressiert auf seinem eigentlichen Gebiet, der Politik. Wie Wilhelm den Weisungen der Militärs erlag Nikolaj den Einflüsterungen aus seinem privaten Umfeld, der zahlreichen Onkel aus der Zarenfamilie und vor allem, über seine deutschstämmige Gattin Alexandra, des Priesters und Mönchs Grigorij Rasputin.
Paradoxerweise geriet eine der wenigen liberalen Maßnahmen, die nach dem fehlgeschlagenen Aufstand von 1905 eingeführt wurden, Nikolaj zum Verhängnis. Die Pressefreiheit und die nun mögliche unzensierte Berichterstattung aus dem Zarenpalast machte das Herrscherpaar zum Gespött der Leute. Hinzu kam Nikolajs Unfähigkeit, Kriege zu führen, deren Führung mitzugestalten oder wenigstens die Niederlagen zu erklären. Lieber tauchte Nikolaj in solchen Situationen ab. Zeigte er sich doch einmal in Uniform auf dem Schlachtfeld (natürlich nur vor oder nach den Kampfhandlungen), gelang es ihm durchaus, seine Untertanen mitzureißen, so bei der teilweise erfolgreichen Brussilow-Offensive im Ersten Weltkrieg. Unterm Strich aber standen demütigende Niederlagen im russisch-japanischen Waffengang 1905 und ein knappes Jahrzehnt später in der trotz gewaltiger Überlegenheit verlorenen Schlacht bei Tannenberg gegen die Deutschen.
Persönliches Pech hatte Nikolaj auch reichlich. Am Tag seiner Inthronisierung starben durch eine Massenpanik über tausend Menschen. Sein einziger Sohn litt an der damals unheilbaren Hämophilie, was ein Leben in Vorsicht erforderte und die Erpressbarkeit gegenüber Ärzten, Wunderheilern und Gesundbetern erhöhte. Auch die Revolution war kein einmaliges Ereignis, sondern ein langwieriger Prozess über drei Jahre hin, mit Systemveränderungen von der Monarchie über eine bürgerliche Demokratie hin zum Kommunismus bolschewistischer Prägung, gefolgt von einem Bürgerkrieg. In dessen Verlauf drohten die antikommunistischen "Weißen" den Exilort der Zarenfamilie, Jekaterinburg, zu überrennen, was die dortigen Befehlshaber, mit erst nachträglicher Deckung der Parteizentrale, veranlasste, das Zarenproblem durch Erschießung des kompletten Romanowclans aus der Welt zu schaffen.
Nikolaj hatte die wichtigsten Einflüsse, denen seine Herrschaft unterlag, stets falsch eingeschätzt: die Leidensbereitschaft seines Volks, die Kampfkraft Japans, den Willen deutscher, österreichischer und, nur wenig geringer ausgeprägt, auch russischer Militärs zum Krieg, die Macht der Monarchen, einen solchen zu verhindern, die Wirkung Rasputins und schließlich die Gewalt der Revolution. "Was den Zar selbst betrifft", schreibt Dalos an einer Stelle, die auch als Fazit gelten könnte, "der nicht so schlicht gestrickt war und in moralischen Begriffen dachte, so konnte offenbar weder sein Verstand noch sein Gefühl die Tragweite des Geschehens erfassen."
Nebenbei beantwortet Dalos' Buch, das auf 200 Seiten alles Wissenswerte vereint und entsprechend kurzweilig geschrieben ist, auch die Frage, ob es ratsam ist, die Politik den Profis zu überlassen. Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts betreffend muss sie eindeutig mit "Ja" beantwortet werden.
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