Der Herr hält unsere Hand Geistliche Vertiefungen
Verborgen vor der Welt, zunächst nach einigen Wochen im Apostolischen Palast in Castel Gandolfo, dann im Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan, lebte Benedikt XVI. nach seinem Amtsverzicht vom 28. Februar 2013 bis zu seinem Tod am 31. Dezember 2022. Der emeritierte Papst, dessen geistliche Schriftauslegungen vor und im Pontifikat eine teilnahmsvolle Hörer- und Leserschaft fanden, hielt dort im kleinen Kreis seiner Hausgemeinschaft sonn- und feiertags Predigten, die er schriftlich nicht ausarbeitete, die aber auf besonderen Wunsch der ihn umsorgenden Schwestern aufgezeichnet wurden. Der erste Band mit diesen Predigten ist nun erschienen und schenkt Einblicke in den spirituellen Nachlass des Papstes aus Bayern.
Erzbischof Georg Gänswein, der ehemalige Privatsekretär des Pontifex, und der vormalige Vorsitzende der Ratzinger-Stiftung, Federico Lombardi SJ, legen einführend dar, dass die Predigten, zu denen auch bislang unveröffentlichte Ansprachen aus dem Pontifikat gehören, dem Rhythmus des Kirchenjahres folgen. Die publizierten Texte zeigen Joseph Ratzingers beständiges Suchen nach dem Antlitz Christi, nach der Begegnung mit Gott in den Lesungen des Alten und Neuen Testaments und die stete Bemühung darum, den Glauben der Kirche zum Leuchten zu bringen. Ob im Amt des Erzbischofs von München und Freising, als Kardinalpräfekt in Rom oder als Papst der Weltkirche, jedesmal aufs Neue gelingt dem Theologen, dem die einfach gläubigen Christen so sehr am Herzen lagen, die Schrifttexte zu vergegenwärtigen und geistlich zu erschließen, ob auf dem Petersplatz oder wie hier, vor einem kleinen Kreis an aufmerksamen Zuhörern. Als dem emeritierten Papst zunehmend die Stimme versagte, verzichtete er ab 2017 auf den Predigtdienst.
Benedikt XVI. kennzeichnet in der Fastenzeit das Eintreten Jesu in das „Drama des menschlichen Daseins". Er setzt sich der Einsamkeit in der Wüste aus. Die Antworten auf die Fragen des Teufels seien die „großen Versuchungen“, die offensichtlich erscheinen, so als seien sie Antworten von Menschen. Sie verweisen auf die Gegenwart. Der Wohlstand mache den Menschen nicht gut. Er führt ihn tiefer in Gottvergessenheit hinein, in die Selbstzerstörung. Benedikt XVI. spricht auch von der Versuchung in der Geschichte der Kirche, in der die „Schwachheit Gottes“ ausgeschlossen werden sollte: „Jesus ist nicht gekommen, um uns vom Leiden zu befreien, sondern um uns durch das Leiden zu befreien, damit wir in dieses Geheimnis der Verwandlung eintreten können, das zum Wesen der Liebe gehört.“ Der Kampf gegen das Böse sei der Kampf der Liebe gegen die „Kälte des Herzens“. So ließe sich auch sagen, dass die eigentliche Reform, die Erneuerung der Kirche, sich niemals mit Macht erwirken ließe, ob von kirchlichen Autoritäten, synodalen Institutionen oder bloßen parlamentarischen Mehrheiten, sondern stets ein Weg der Liebe, ein Weg der Erneuerung in Christus ist, der nicht am Leid vorbei, sondern durch das Leid hindurchführt. Benedikt XVI. findet oft Formulierungen in der Sprache des Gebetes: „Begeben wir uns also in die Nachfolge Christi, indem wir demütig herabsteigen, um im Alltag unseres Lebens unser Tagewerk zu verrichten, es im Licht Christi auszuüben, damit wir so, während wir herabsteigen, auch mit ihm hinaufsteigen können.“
Weiterhin stellt Benedikt XVI. kleine Streifzüge in die Theologie- und Kirchengeschichte an. Die „Fleischwerdung Christi“ habe das Bilderverbot überwunden. Christus sei die „Sichtbarkeit Gottes“ und der gläubige Mensch berufen, das Antlitz Christi zu suchen und zu schauen, um sich Christus durch ein Leben im Glauben gleichzugestalten, so dass die Christen selbst zu „wahren Bildern Gottes“ werden können. Besonders wichtig ist dies zu einer Zeit, in der die Schläfrigkeit des Christen zugenommen habe. Oft spricht Benedikt XVI. die Gefahr der Banalisierung an, die Verweltlichung von Glauben und Kirche. Notwendig sei es, und er verweist hier besonders auf seinen Nachfolger Franziskus, sich gegenseitig wachzurütteln, auch „brüderliche Zurechtweisung zu pflegen, einander zu ermahnen und gegenseitige Verantwortung zu übernehmen“. Bedroht sei der christliche Glaube von einem „religiösen Analphabetismus", bei dem selbst die Grundlagen des Christentums in Vergessenheit geraten.
Immer wieder lädt Benedikt XVI. zum „neuen Leben" in Christus ein, um in seiner Liebe zu leben, in Gemeinschaft mit ihm und allen, die er zu sich rufe. Das Gebet darum, sich an der Hand des Herrn festzuhalten, empfiehlt er nachdrücklich, denn die „Beziehung zu Gott" sei die „grundlegende Beziehung" des Lebens – in der Kirche, in der Gemeinschaft der Glaubenden: „In der Kirche ist der Himmel mitten unter uns gegenwärtig: in der Gemeinschaft der Gnade, der Gemeinschaft der Sakramente, im gemeinsamen Hören des Wortes, in der Gemeinschaft der heiligen Eucharistie. Der goldene Stoff der Kirche: Ein Stück Himmel ist auf Erden gegenwärtig. Wir müssen diese Kirche lieben, dieses Gold der Gegenwart Gottes suchen und darum beten, dass es nicht durch unsere Sünden beschmutzt wird." Dazu gehört auch die Gefährdung durch den Relativismus. Wer das Evangelium oder den Glauben zurechtschneide, verkürze, reduziere und vereinfache, der fürchte sich vor der Wahrheit – der Glaube müsse in der Ganzheit verkündet werden. Ein Christsein nach eigenem Gutdünken sei nie genug.
In seinem langen Leben hat Benedikt XVI. oft theologische Gedanken und die Wahrheit des Glaubens in hoher Einfachheit, verständlich und anschaulich, dargelegt, und so zeigen auch diese bislang unbekannten Predigten die geistliche Tiefe des einfach gläubigen Arbeiters im Weinberg, der zum Papst bestellt wurde. Dieses Buch eignet sich auch für Gläubige, Suchende und Sehnsüchtige, ja selbst für Menschen, die nicht an Gott glauben, aber vielleicht neugierig sind auf den Reichtum der christlichen Spiritualität, die hier vorgestellt und vergegenwärtigt wird.
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