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Alexander Lernet-Holenia: Der Graf Luna Vergangenheits­bewältigung auf Österreichisch

30. Juli 2026
von Ralf Höller

Zehn Jahre lang, von 1945 bis 1955, war Österreich in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Der Weltkriegshauptschuldige Deutschland hatte bereits nach vier Jahren Fremdherrschaft seine Souveränität zurückerlangt. Österreich, fanden die Siegermächte, sei zwar beim sogenannten Anschluss 1938 „das erste freie Land“, „das der Hitlerschen Aggression zum Opfer fiel.“ Ganz eindeutig verhielt es sich freilich nicht; „für die Beteiligung am Krieg auf Seiten Hitlerdeutschlands“, meinten die Alliierten, trage Österreich schon eine „Verantwortung, der es nicht entgehen kann.“

In jenem annus mirabilis der nationalen Wiedergeburt erschien Alexander Lernet-Holenias Roman Der Graf Luna. Es ist eine Geschichte von kollektivem Trauma und persönlicher Schuld, die sich in der Zerrissenheit der Titelfigur und natürlich auch im Abarbeiten des Autors an seinem Protagonisten (nicht der Graf Luna, sondern sein Gegenspieler im Roman, ein Alexander Jessiersky) manifestiert. Und je tiefer Lernet-Holenia schürft, desto mehr erwächst in der Leserschaft der Eindruck, jenes ominöse 1955 sei, nach 1919 und 1945, zu einem dritten annus horribilis geraten.

Kurz zur Handlung: Im Anschluss an die Besetzung Österreichs durch die Deutschen – von der einheimischen Bevölkerung offenbar gewollt, von der ultrarechten, aber eben doch nicht nationalsozialistischen Regierung unter Kanzler Kurt Schuschnigg vergebens zu verhindern versucht – gehört Alexander Jessierskys Firma zu den Gewinnern: Sie erwirbt zu Expansionszwecken vom Grafen Luna einige seiner Ländereien, gegen dessen Willen. Um das Unrecht perfekt zu machen, landet Luna als Staatsschädling im KZ Mauthausen, später im benachbarten Lager Ebensee. Lunas Schicksal bleibt ungewiss, vermutlich hat er die Torturen nicht überlebt. Sein Gespenst – Luna taucht nie in persona auf – geistert fortan durch den Roman.

Das Ganze wird ungemein spannend geschildert. Ein vermeintlich sein Recht einfordernder Luna plagt Jessierskys Gewissen, reizt seine Phantasie und veranlasst ihn zu Handlungen, die er nicht mehr zu kontrollieren vermag. Vier Menschen müssen sterben. Der Sühne seiner Taten kann sich Jessiersky immer wieder entziehen – zumindest scheinbar, indem er jedes Mal Rechtfertigungsgründe findet. In seinem Unterbewusstsein jedoch brodelt es. Die Kontraste haben im Roman eine geografische Entsprechung. So verlagert sich die Handlung von Wien zunächst ins Gebirge, ins steirische Salzkammergut, wo Lernet-Holenia ganz nebenbei einige großartige Naturschilderungen gelingen. Der finale Showdown findet in Rom statt, unterirdisch, in dem Gewirr von Katakomben, die eine dem antiken Hades nachempfundene Parallelwelt darstellen.

Sämtliche Romane des k. u. k. Nostalgikers Lernet-Holenia, vermerkt der emeritierte Literaturprofessor Wynfrid Kriegleder im Nachwort, sind „gattungsmäßig zwischen Kriminalliteratur und Phantastik einzuordnen“. Alle haben den Untergang der k. u. k. Monarchie zum Thema (ein Konservativen wie Rückwärtsgewandten unerfüllbarer Wunsch), setzen sich mit dem Verlust, aber auch mit der eigenen Schuld an diesem auseinander und – auch das ist ihnen gemein – weigern sich, eine allgemein gültige Lösung zu präsentieren. Urteile soll bitte schön die werte Leserschaft selber fällen.

Nun würde es einem anspruchsvollen Schriftsteller wie Lernet-Holenia niemals einfallen, sich einem Publikum aufzudrängen. Lieber stellt er ihm eine Falle. Eine in allen seinen Romanen lauernde ist der Erzähler; diesem ist nie zu trauen: Mal stellt er sich mit einer Portion Zynismus über den Protagonisten und korrigiert dessen eindimensionale Wahrheiten (allmählich dämmert es, dass der Graf Luna nicht als Person, sondern als Wahnvorstellung existiert), mal streut er en passant einen politischen Kommentar ein, der den Überzeugungen des Autors zu entsprechen scheint. Nicht alles, was der Erzähler von sich gibt, darf man in bare Münze wechseln. Ernst nehmen sollte man dies schon! Vor allem, wenn Lernet-Holenia zur Provokation ansetzt (fast könnte man meinen, er habe später in Thomas Bernhard einen Epigonen gefunden). Ein Beispiel gefällig, wie im Roman etwa das Auftreten der US-Besatzer gegenüber der Wiener Bevölkerung kommentiert wird? Voilà:

„Zwar waren ihnen die kontinentalen Verhältnisse ganz unbekannt; mit nachtwandlerischer Sicherheit aber fischten sie die von ihnen bishin bekämpften sogenannten faschistischen Elemente der Bevölkerung heraus, warfen ihren Verdacht auf die sogenannten nichtfaschistischen und begannen, von den sogenannten Faschisten in Handel und Wandel unterstützt, ja geradezu im Verhältnis einer gewissen Abhängigkeit von ihnen, eine Stellung gegen den bisherigen sogenannten Verbündeten im Osten [die Sowjetunion] aufzubauen. Auf diesem ihrem Wege war der Kampf gegen das sogenannte Dritte Reich in der Tat nur etwas vorübergehend Überschätztes gewesen.“

Lernet-Holenia schien es ein Bedürfnis gewesen zu sein, sich stets zwischen alle Stühle zu setzen und möglichst viel Kritik auf sich zu ziehen. Wynfrid Kriegleder hat sich die Mühe gemacht, noch einmal in sämtliche nach Erscheinen von Der Graf Luna gedruckte Rezensionen zu schauen. Sein Fazit: „dreißig positive […], zwölf gemischte und acht ausgesprochen negative Besprechungen.“ Dazu passt, dass der Autor in den Medien „einerseits als reaktionärer Monarchist, andererseits als Sympathisant der Sowjetunion bezeichnet wurde.“

Dem Roman attestiert Kriegleder, nicht nur „gute Literatur“, sondern auch „heute wieder […] lesenswert“ zu sein. Warum? Weil er sich „einem gerade heute aktuellen Problem“ widmet, indem er „als Protagonisten einen Paranoiker ins Zentrum stellt“ und sozusagen das „Porträt eines Verschwörungstheoretikers“ erstellt.

Der Graf Luna ist im Wiener DVB Verlag erschienen. Das Kürzel steht für Das Vergessene Buch. Der Name ist Programm: Verleger Albert Eibl, 1990 geboren, hat sich die Wiederentdeckung und vor allem die publikumsfreundliche Wiederaufbereitung ehemals durchaus beachteter, inzwischen aber in den Hintergrund getretener Autor(inn)en zur Aufgabe gemacht. In Verbindung mit dem exzellenten Nachwort ist ihm dies hier vortrefflich gelungen.

Ob andere Werke Lernet-Holenias folgen? Es wäre zu wünschen. Auch Ich war Jack Mortimer (1933), Die Standarte (1934), Der Baron Bagge (1936) und Mars im Widder (1941/1947) sind allesamt Pageturner, darüber hinaus gute Literatur und tiefgründiger Psychologie verpflichtet, was dem Autor unter anderem die begehrteste literarische Auszeichnung unseres Nachbarlandes einbrachte, den Großen Österreichischen Staatspreis.

Alle Rezensionen von Ralf Höller

Buchcover von Der Graf Luna
Alexander Lernet-Holenia
Der Graf Luna
288 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-90324448-1
DVB 2026