Der Gärtner und der Tod

Abschiedsmelodie

Vielleicht der Tod, nicht aber das Sterben entzieht sich der Beschreibbarkeit. Georgi Gospodinov zeichnet die letzten Wege seines Vaters nach, der an Krebs erkrankt ist und Abschied nehmen muss von der Welt, so wie auch der Autor die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit bezeugt. Gospodinov schenkt seiner Leserschaft sprachlich oft einfühlsame Wahrnehmungen der Gebrechlichkeit und der Augenblicke der Endlichkeit. So oft hat sein Vater „halb so wild“ gesagt, auch im Angesicht des Todes tut er das noch. Wer loslassen kann und muss, bleibt jedoch selten gelassen – auch wenn aus dem Sterben-Müssen ein Sterben-Dürfen wird.  

Gospodinov, und das erklärt manche Emphase, manches Pathos, wünscht sich, ein Buch über die „Sehnsucht nach dem Leben“ zu schreiben, nicht ein „Buch über den Tod“. Doch ist beides nicht verknüpft? Der Vater, der seinen Garten liebte, wird als „wahrer Held“ dieses autobiographisch getönten Romans sterben, mit ihm auch alle „Geschichtenerzähler“. Nur die Geschichten würden bleiben, so der Autor. Auch dies darf leise bezweifelt werden. In den plastischen Wendungen der Erinnerungen zeichnet Gospodinov lebensvolle, tatkräftige Personen, stellt ihre Eigenschaften vor, illustriert ihre Beherztheit und den Wandel ihrer Lebensgänge. Der Vater muss Tabletten nehmen, die anfangs helfen – und die Leserschaft weiß aus eigener Erfahrung: Bei vielen Erkrankungen ist das so. Es gibt Phasen der Aufhellung, vorübergehende Linderung, manchmal sogar eine Remission. Die Dosis wird variiert, reduziert, erhöht, bis letztlich die Medikation nicht mehr ausreichend ist und nur noch palliativ geholfen werden kann.

Das Miterleben fällt nicht leicht, es tut auch weh, und es mündet in die Erkenntnis, dass die eigenen Kräfte nie ausreichen, dass von Willen und Anstrengung, von Training und Übung die Rede ist, doch letztlich hat niemand den Fortgang des Lebens in der eigenen Hand. Es ist schön und auch traurig, wenn es zu Ende geht – und das bleibt es auch, wenn die letzte Wegstrecke vollendet ist. 

Gospodinov erinnert sich: „Neben allem anderen gelang es meinem Vater, jeden Ort in einen Garten zu verwandeln, jedes Haus in ein Zuhause. Das ist eine besondere Fertigkeit. Jede Wohnung, in die wir irgendwann einmal zogen, und wer weiß warum, aber wir zogen oft um, wurde irgendwie zu einem Heim. Deshalb fühle ich mich jetzt neben allem anderen heimatlos.“ Diese Zeilen wecken Mitgefühl, und zugleich wird sichtbar, dass Hinterbliebene nicht oder nicht ganz von dem Verstorbenen berichten, sondern von sich selbst, von der eigenen Trauer, von dem Platz, der nicht mehr besetzt ist. Aus dem Gärtner, so Gospodinov, sei ein Garten geworden. Weiterhin schreibt er: „Ob die Blumen nicht in Wahrheit heimliche Periskope der Toten sind, die unter ihnen liegen und die Welt durch ihre Stängel beobachten?“ Zugegeben, Bilder und Fantasien wie diese mag es geben, sie sprechen von Traurigkeit und machen auch ratlos. Es fällt schwer, die Toten ruhen zu lassen. Sie gehen durch die Welt der Erinnerungen, bleiben den Angehörigen nahe. Gläubige Menschen verweilen vor Gräbern und schauen über diese hinaus. Das Gefühl der Trauer kann dennoch übermächtig werden. Die „bezaubernde Unbeständigkeit“ des Lebens endet.

In allem Schmerz darf nicht vergessen werden, dass es für viele Menschen auch gut und wahrhaft erlösend ist, wenn sie gehen dürfen, wenn keine Medizin mehr etwas für sie tun kann und alles getan ist. Man mag das säkular als Segen der Endlichkeit begreifen, ebenso religiös deuten als Heimgang in einen Frieden, der höher ist als alle Vernunft.

Dem Autor Gospodinov fällt es sichtbar schwer, Abschied zu nehmen, und begibt sich in die Sphäre des Trostes, wenn er über Rosen nachsinnt. Manche treiben „wunderschöne Blüten“: „Wir sind es gewohnt, uns über die Rose zu beugen, um an ihr zu riechen. Dabei verbeugen wir uns auch unbewusst vor dem Gärtner, der die Rose gezogen hat, aber auch vor dem himmlischen Gärtner, der die Idee von der Rose gezogen hat.“ Der himmlische Gärtner ist ein schönes Bild – und Gospodinov denkt über den verlassenen Garten Eden nach: „Hat das Unkraut auch ihn überwuchert?“ Trübsinn scheint auf, ein Paradies ist offenbar ohne Menschen nicht vorstellbar. Aber auf den „göttlichen Blickwinkel“ kommt der Autor wieder zu sprechen, der „außerhalb der linearen Zeit“ liege, „von wo aus derjenige, der auf uns herabschaut, uns gleichzeitig in unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sieht“.

Auch Hoffnungslichter sind Teil dieser Erzählung. Georgi Gospodinov findet trostreiche Wendungen, manchmal nur Gedankensplitter, bleibt aber so gedankenvoll, dass er in allem die Schwere des Daseins spürt. Er beschreibt eine Reise voller Schwermut. Nur am Ende, als ein „leichter Frühlingsregen über grünen Feldern“ sichtbar wird, sieht er schattenhafte Gestalten, in denen er seinen Großvater und seinen Vater sehen kann oder sehen möchte, „wie sie den Hügel hinuntergehen, bis zur Hüfte im Gras“: „Man hört Glocken von Kühen und Schafen. Irgendwo, versteckt in den Bäumen, ruft ein Kuckuck, schicksalhaft und leicht. Halb so wild.“

Georgi Gospodinovs Roman ist wie eine Abschiedsmelodie. Wer dieses Buch liest, mag schwermütig werden oder bleiben – oder auch, wider alle Hoffnung, Hoffnung haben, dass die Endlichkeit des Lebens zwar unausweichlich ist, aber nicht das letzte Wort über alle und auch über uns sein muss.

Der Gärtner und der Tod
Alexander Sitzmann (Übersetzung)
Der Gärtner und der Tod
240 Seiten, gebunden
Aufbau 2025
EAN 978-3351042615

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