Der Fremde "Killin' an Arab" - das Buch, der Film, das Lied
„Aujourd’hui, maman est morte.“ François Ozon ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Regisseure aus Frankreich. Wohl kein anderer hätte sich sonst an die Verfilmung des umstrittenen Romans Der Fremde von Albert Camus in Zeiten der Political Correctness und Cancel Culture wagen können. François Ozon, der auch das Drehbuch verfasste, gelingt eine würdige Annäherung an die Literaturvorlage und schafft Raum für eine Neuinterpretation.
Der Fremde: Kontroverse Literaturvorlage
Meursault, der Protagonist des Films und Romans, hat keinen Vornamen und ist ein „Pieds-Noirs“ wie sein Schöpfer Camus. Als Pieds-Noirs wurden gemeinhin Franzosen u. a. Europäer bezeichnet, die in französisch besetzten Regionen Afrikas lebten. Der Film spielt in Algier, 1938; gedreht wurde allerdings in Marokko. Die Kamera von Manu Dacosse fängt beeindruckende Bilder der Kasbah Tangers und des Strandes ein, an dem sich das „Unglück“ abspielt. Die anderen, französischen Figuren haben alle Vornamen: seine Freundin Marie, Raymond, Emmanuel, Céleste; der getötete Araber im Roman allerdings ausdrücklich nicht. Dieser Umstand brachte u. a. dem Roman den Vorwurf der kolonialistischen Perspektive ein; Albert Camus ging es allerdings allein um die existentielle Bedeutung des Menschseins. Der Roman sollte als Vehikel dienen, um die damals moderne Perspektive des Existentialismus (siehe auch: Sartre oder Moravia) darzustellen: die Absurdität der menschlichen Existenz. Dass Meursault teilnahmslos wirkt und auch seine Liebe zu Marie sowie alles andere als bedeutungslos einstuft, wird ihm schließlich zum Verhängnis. Denn er wird eigentlich nicht für den Mord an einem Araber verurteilt, sondern für seine antisoziale Einstellung gegenüber der Moral der Gesellschaft und ihrer Institutionen (Kirche, Justiz etc.). François Ozon schafft es, die zentrale Aussage des Romans zu vermitteln und fügt am Ende noch eine Art Rehabilitation Camus’ an, indem er dem arabischen Opfer einen Namen gibt. Damit zitiert er den Roman Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung des algerischen Autors Kamel Daoud, der als bewusste Entgegnung auf Camus 2013 erschien.
L’Étranger: Ein kalter bitterer Wind
François Ozon geht im Nachspann seiner Literaturverfilmung sogar noch weiter, denn er spielt den Song Killin’ an Arab von The Cure ein, der 1978 eine ähnlich heftige Debatte auslöste wie 1942 der Roman von Albert Camus. Sicherlich war der Refrain des Songs schlecht gewählt, denn er konnte schnell zu einer Parole rassistischer Jugendlicher mutieren, obwohl er von The Cure allein als literarische Hommage gedacht war. Die Band distanzierte sich später von dem Song und forderte selbst Radiostationen auf, ihn nicht mehr zu spielen. Dass François Ozon ihn in seiner Verfilmung des literarischen Klassikers am Ende anspielt, ist eine willkommene ironische Anspielung des ansonsten sehr ernsten Stoffes. Besonders hervorzuheben ist die darstellerische Leistung des Hauptdarstellers Benjamin Voisin, der Meursaults Innenwelt mimisch umsetzen muss. Pierre Lottin als Zuhälter und „Kumpel“ Meursaults ist ebenso beeindruckend wie Rebecca Marder als Freundin Marie. „Jeder Mann, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, läuft Gefahr, zum Tode verurteilt zu werden.“ Camus selbst fasste sein Debüt mit diesem Satz zusammen, um das moralische Urteil der Gesellschaft über Meursault auf den Punkt zu bringen. Denn er wird nicht für den Mord verurteilt, sondern dafür, dass er sich weigert, sich gesellschaftlichen Konventionen anzupassen und beim Begräbnis seiner Mutter nicht zu rauchen, nicht zu essen oder danach nicht ins Kino zu gehen. Aber vielleicht war es ja gerade dieser Verlust, der Tod seiner Mutter, der ihn von all diesen Bindungen löste und ihn orientierungslos zu dem Mörder macht, der er nunmehr für alle Zeiten bleibt. „Aujourd’hui, maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas.“ („Heute ist Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“) Denn ein Mensch ohne soziale Beziehungen oder Liebe ist gar kein Mensch: „Cause a man without love is no man at all / But a cold bitter wind passing by.“ (Moby Grape: Bitter Wind)
Alle Rezensionen von Juergen Weber
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