Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg

Warum die Bauernkriege nicht zum Erfolg führen konnten

„Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition.“ So beginnt Friedrich Engels sein Buch über die Bauernkriege. Sie waren seiner Meinung nach einer der ersten Versuche in der deutschen Geschichte, sich gegen die bestehende Ordnung aufzulehnen. Engels schrieb sein Buch mit zwei Jahren Abstand zu einer weiteren historischen Niederlage, der fehlgeschlagenen bürgerlichen Revolution von 1848/49.

Engels erklärt im Vorwort, er habe sein Werk nach „der augenblicklichen Erschlaffung […] nach zwei Jahren des Kampfes“ verfasst, gleichsam zur Motivation, nun nicht nachzulassen. Wohl vergebens, denn bis zum nächsten Revolutionsversuch, dem vom November 1918, sollten noch eine Reihe von Jahrzehnten ins Land ziehen. Engels schrieb sein Werk im Londoner Exil. Als einzige Quelle stand ihm dort das dreibändige Standardwerk von Wilhelm Zimmermann, Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges, zur Verfügung, das jener sieben Jahre zuvor beendet hatte.

Der Autor tut sich schwer mit dem Begriff „Revolution“. Von diversen Vorworten zu verschiedenen Auflagen abgesehen, benutzt Engels ihn im Text nur ein einziges Mal. Und tut recht daran: Schaut man genauer hin, mündeten die Revolten (es gab viele lokale und regionale Erhebungen, aber kein einheitliches Vorgehen, weder örtlich noch zeitlich; grobe geografische Eingrenzung: zunächst nördlich, dann auch südlich der Alpen, in Thüringen, Oberschwaben, Württemberg, Franken und am Oberrhein, später auch in Tirol und Salzburg; grober Zeitrahmen: Sommer 1524 bis Sommer 1526) keineswegs in eine Revolution.

In erster Linie ging es den Aufrührern (es erhoben sich nicht nur die Bauern; sie wurden von unzufriedenen Städtern unterstützt) um ihre persönlichen Lebensumstände, um die Abstellung ihrer Beschwerden. Sie forderten weniger Abhängigkeit und mehr Rechte, die Reduzierung der Anzahl ihrer Dienste und die Verringerung der Menge ihrer Abgaben. Ihr größtes Feindbild war der Klerus. Von der weltlichen Macht der Kirche und den Privilegien einzelner Geistlicher und Adliger abgesehen wurde die gesellschaftliche Ordnung als Ganzes während der Erhebungen nicht angetastet.

Eine Revolution wäre, meint Engels, ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen. Das Überspringen des bürgerlichen Zeitalters sieht die marxistische Lehre nicht vor. Es gab auch, von den Knappen in den Bergbauzentren abgesehen, kein hinreichend entwickeltes Industrieproletariat. So konnte der Aufstand der Bauern und Städter unmöglich gelingen. Solche verfrühten Projekte dienten laut Engels bestenfalls als Katalysator für die brutale Reaktion der herrschenden Klassen, die nach unterdrückten Aufständen zuverlässig einsetzte.

Hinzu kam der Makel der Regionalität der Aufstände: „Bei einer zentralisierten Nation“ wären, wenn auch keine echte Revolution, so doch „die großartigsten Resultate erzeugt“ worden. Die kleinteiligen Aufstände stufte Engels als „Lokalborniertheit“ ein, eine Eigenschaft, welche die kleinbürgerliche mit der ebenfalls mühsam niedergeschlagenen bürgerlichen Erhebung drei Jahrhunderte später gemeinsam hatte: „Wer nach den beiden Revolutionen von 1525 und 1848 und ihren Resultaten noch von Föderativrepublik faseln kann, verdient nirgend anders hin als ins Narrenhaus.“

Engels’ Bauernkriegebuch ist auch heute noch lesenswert. Vor allem seine Einordnung der Ereignisse – der man nicht unbedingt immer folgen muss – liefert nicht nur Historikern reichlich Diskussionsstoff. Flüssig und unterhaltsam geschrieben ist seine Darstellung allemal. Wem die Zeit fehlt, sich durch einen der passend zum 500-jährigen Jubiläum auf den Markt geworfenen, sich in Ereignisgeschichte erschöpfenden, mehrhundertseitigen Schinken zu beißen, bietet Engels’ Buch auch dank seiner Kürze und seines analytischen Ansatzes eine lohnende Alternative.

Der deutsche Bauernkrieg
Der deutsche Bauernkrieg
Mit einem Essay von Heinrich Detering
200 Seiten, broschiert
Reclam 2023
EAN 978-3150143339

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