Der Absprung Orientierungslos
Die russische Schriftstellerin M., die im – wahrscheinlich deutschen – Exil lebt, reist aus der Stadt B. zu einer Lesung über die Stadt H. ins benachbarte Ausland, strandet jedoch wegen eines Bahnstreiks und nach dem Verlust des Ladegeräts ihres Smartphones in der nördlichen Grenzstadt F. am Meer und lässt sich ziellos in der Stadt treiben.
In „Der Absprung“ beschreibt Stepanova ihre Beobachtungen, Assoziationen und umherstreifenden Gedanken, die jedoch in der ersten Hälfte des Buchs wenig Überraschendes oder Tiefsinniges entdecken lassen. Man quält sich ein bisschen bis zum Wendepunkt der Geschichte etwa in der Mitte des dünnen Romans. Dann allerdings wird die Lektüre durchaus spannend und die Überlegungen anregend. Manches Ereignis wird von M. nämlich anders wahrgenommen und gedeutet, als man erwarten würde. Schließlich gelingt es ihr, sich von der Allgegenwart der russischen Politik, die sie in ihren Gedanken und Assoziationen alptraumartig verfolgt, zu befreien.
Auf einer Metaebene handelt der Text von Heimat- und Orientierungslosigkeit im Exil, dem Gefühl von Fremdheit und Sinnlosigkeit und dem Wunsch, unbelastet von der Vergangenheit und der Herkunftskultur in eine andere Haut schlüpfen zu können. In diesem Sinne bietet das Buch Einblicke in das Seelenleben einer entwurzelten Autorin, die am Ende alles abschütteln kann, den ersten Schritt in ein neues Leben tut und der Versuchung widersteht, in ihr altes Ich zurückzufallen.
Alle Rezensionen von Eva Lacour