Kunst

Logbuch aus dem Dunkeln

Seit dem verheerenden Zyklon spricht die Welt wieder einmal von Birma. Es scheinen immer erst Katastrophen geschehen zu müssen, dass sich die Weltöffentlichkeit für die wenigen Informationen, die aus dem Land dringen, interessiert und so bewusst macht, dass inmitten der südostasiatischen Urlaubsparadiese eine Militärdiktatur herrscht, wie es sie vielleicht nur noch in Nordkorea gibt. Der katastrophale und weltweite Empörung auslösende Umgang mit den existenziellen Nöten der Zivilbevölkerung nach dem vernichtenden Zyklon Anfang Mai 2008 hat einmal mehr gezeigt, dass eine egoistische und menschenverachtende Militärjunta das Land kontrolliert. Statt alle Kräfte in die Aufräumarbeiten, die Versorgung mit Trinkwasser und Medikamenten sowie den Wiederaufbau zu stecken, hielt man sich damit auf, internationale Hilfsorganisationen zu schikanieren und ein deplatziertes Verfassungsreferendum aller Umstände zum Trotz abzuhalten. Derlei Regierungsgebaren reiht sich ein in eine unendliche Reihe unglaublicher Methoden, bei denen die gewaltsame und rücksichtslose Niederschlagung des Aufstands der Mönche im vergangenen Jahr oder die nun schon fast zwanzig Jahre anhaltende Arrestation der populären oppositionellen Politikerin Aung San Suu Kyi nur die Spitze des diktatorischen Eisbergs darstellen.

Über das totalitäre Regime in Birma ist genug bekannt, als dass jemand behaupten könne, er habe davon nichts gewusst. Sämtliche Sachbücher, Analysen und Expertisen haben aber nichts daran ändern können, dass die Welt untätig zusieht, wie dieses Land zugrunde geht. Am Ende sind es meist die humanitären Organisationen, die eine Existenz auf minimalem Niveau ermöglichen. Der kanadische Comiczeichner Guy Delisle hatte die Möglichkeit, seine Frau Nadège mit dem gemeinsamen Sohn Louis auf einer 14 Monate dauernden Mission einer solchen Organisation (Ärzte ohne Grenzen) in das Land zu begleiten und zu erleben, wie umständlich und kafkaesk sich der Alltag in dem Land der grünen Uniformen gestaltet. In seinem Tagebuch "Chroniques Birmanes" hat er seine Erlebnisse und Beobachtungen festgehalten - von den ganz banalen Alltagssorgen angefangen über die Debatten nach dem Sinn und Zweck humanitärer Interventionen bis hin zur Penetranz der allgegenwärtigen Überwachung. Dabei ist ihm erneut ein faszinierender Comic gelungen, der in bitterer Ironie die Niederträchtigkeit der tyrannischen Willkür aufdeckt und die Absurditäten der Lebensumstände enthüllt. Delisle steht mehr als einmal völlig perplex vor den Herausforderungen, die ihm der birmanische Alltag bereitet.

Delisle ist nicht nur der Erfinder des Sachbuch-, Doku- und Reportagecomics, sondern auch sein unerreichter Meister. Intelligent und mit Witz durchschaut er die gesellschaftlichen Verhältnisse, in die er sich (meist freiwillig) begibt und bringt diese anekdotisch auf den Punkt. Bereits in seinen persönlichen retrospektiven Betrachtungen der chinesischen Provinzstadt "Shenzhen" sowie der nordkoreanischen Hauptstadt "Pyonyang" hat er seine Beobachtungs- und Dokumentationsgabe hinlänglich unter Beweis gestellt. Nun hat er sich vom Stadtbeobachter zum Sprachrohr eines ganzen Landes gemacht, und wäre sein Comic in Birma erhältlich, stieße es sicher auf großes Interesse. Doch allein sein bissiger Witz und seine Ironie, die den administrativen und bürokratischen Nonsens des birmanischen Alltags offen legen, werden den staatlichen Zensoren nicht gefallen.

Delisle scheut aber auch nicht, kritisch die Abläufe und Lebensumstände des Heers der internationalen Helfer, Funktionäre und Diplomaten zu betrachten. Nicht selten begegnet er der seltsam gespielten Humanität dieser Menschen, einer Mischung aus Resignation, diplomatischer Lebensferne und persönlicher Sorglosigkeit. Darüber hinaus ist er selbst nicht Teil des karitativen und sozialen Trosses und folglich in den diesbezüglichen Debatten stets außen vor. Sein Tagebuch ist daher auch ein Stück persönliche Verarbeitung der eigenen Isolation inmitten der internationalen Interventionisten. Allen Außenseitertums zum Trotz greift er eine Debatte auf, die die internationale Helfergemeinde seit Jahren bewegt. Wann hört humanitäre (Not-)Hilfe auf und wo beginnt die Substitution staatlicher Fürsorgepflicht? Eine schwierige Frage, auf die es keine allgemeingültige Antwort gibt. Die birmanische Mission von Ärzte ohne Grenzen wird schließlich eingestellt, da sie in den Krisengebieten keine humanitäre Hilfe leisten dürfen und in den zugänglichen Gebieten unter miserablen Arbeitsbedingungen nur noch eine Gesundheitsversorgung sicherstellen, die in die Hände eines verantwortungsbewussten Staates gehört. Auch wenn das birmanische Staatswesen alles andere als pflichtbewusst ist, sollte man ihm nicht den Gefallen tun, es von solchen Aufgaben zu entmündigen, lässt Delisle einen internationalen Funktionär sagen. Insofern ist auch das bewusste Einstellen der eigenen Tätigkeit eine elementare Aufgabe humanitärer Organisationen.

Delisles Zeichenstil ist schlicht und auf das wesentliche beschränkt. Keine Dekoration, nichts ist ausgeschmückt, gefüllt, geschönt. Der Comicleser wird mit den puren Eindrücken des Zeichners konfrontiert - auch das eine Hommage an die Verdienste des klassischen Sachbuchs. Die einzige grafische Verfremdung findet sich in seinem minimalistischen Zeichenstil. Diese Neutralität und Bescheidenheit schafft den nötigen Raum, der Wirkung der Bilder genügend Geltung zu verschaffen. Die französischen Originale seiner Arbeiten sind von einer einzigartigen sprachlichen Raffinesse geprägt, an die die deutschen Übersetzungen leider nicht ganz heranreichen. Insofern lohnt es sich nicht nur aus Gründen des zeitlichen Vorsprungs (eine deutsche Ausgabe gibt es noch nicht), zur französischsprachigen Ausgabe zu greifen. Zuweilen sind es aber auch die textfreien Episoden, die den nachhaltigsten Eindruck beim Leser hinterlassen. Ihre Sprachlosigkeit steht für sich und die bildlich dokumentierten Erlebnisse.

"Chroniques Birmanes" ist ein wunderbar eindringlicher Comic, der nahezu alle Aspekte des Lebens in der birmanischen Diktatur thematisiert, ohne dabei wie ein Sammelsurium an Impressionen daherzukommen. Guy Delisle hat mit "Chroniques Birmanes" einmal mehr nachgewiesen, dass er ein Maestro des Doku-Comics ist - intelligent und feinfühlig, aber vor allem eins: rücksichtslos deutlich. Er berichtet darin von Internetzensur, medialen Raubkopien und dem massiven Drogenkonsum im sogenannten Goldenen Dreieck im Norden des Landes; von den Stromausfällen, der drückenden Hitze in der Trocken- und dem ununterbrochenen Regen während der Regenzeit; von der Selbstisolation der humanitären Gemeinde, ihrer Mission und ihrem Scheitern; von der britischen Kolonialarchitektur, den buddhistischen Tempeln und den Strohhütten der urbanen Ausläufer und Dörfer; von der militärischen Repression und der buddhistischen Hoffnung auf Erlösung. Alles passt wie in einem Puzzle zusammen, ähnlich wie schon in seinen Stadtbetrachtungen. Delisles Beobachtungen fügen sich ein weiteres Mal zu einem ironisch-sarkastischen Lehrstück über eine der dunkelsten Ecken dieser Welt zusammen. Wer Birma verstehen will, muss diesen Comic lesen!

Chroniques birmanes
Guy Delisle

Chroniques birmanes


Delcourt 2007
262 Seiten, broschiert
EAN 978-2756009339

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