Dustin Breitenwischer: Dazwischen

Den Bildschirm im Blick

"The one thing we seek with insatiable desire ist to forget ourselves." Ralph Waldo Emersons Zitat aus "Circles" ist der vorliegenden Publikation aus gutem Grund vorangestellt. Um das Phänomen der ästhetischen Erfahrung geht es dem Autor dieser anspruchsvollen Lektüre über das "Dazwischen". Der Autor ist überzeugt, dass der "Mensch im Spannungsverhältnis von Selbst und Welt wesentlich dazwischen ist, wobei zu klären ist, wie sich dieses Dazwischen-Sein in eine Theorie des ästhetischen Erfahrens übersetzen lässt". Im Kraftfeld von Pragmatismus, Hermeneutik und Rezeptionsästhetik entfaltet sich für den Leser eine spannende Lektüre, die sich auch mit so zeitgemäßen Themen wie Rap (Eminem) oder Kunst beschäftigt.

Das "Dazwischen" in der Kunst

Die pragmatische Ästhetik behauptet, die Kunsterfahrung gründe in der ästhetischen Alltagserfahrung. In diesem Sinne müsse die hier vorliegende Studie auch als eine Apologie des Kunstwerks gelesen werden, wie der Autor selbst betont. Von der Malerei Edward Hoppers und der Konzeptkunst Sol LeWitts über die Photographie Catherine Opies und die Rapdichtung Eminems bis hin zu Siri Hustvedts Roman The Blazing World vollzieht der Autor eine Geschichte des "Dazwischen", die es tatsächlich in sich hat. So wird etwa anhand einiger Songtexte des Rappers Eminem und Siri Hustvedts Roman The Blazing World (2014) gezeigt "wie außerordentlich Eminem die Möglichkeiten der Rapdichtung und Rapmusik nutzt, um die Grenzen lyrischer und selbstästhetisierender Subjektivität auszuloten, zu überschreiten und rückwendig zu verteidigen, während Hustvedt die Form des Romans neuerlich herausfordert und spielerisch in die Bereiche zwischen Kunst und Wirklichkeit, Vorstellung und Darstellung eindringt, um darin den Möglichkeiten ästhetischer Praxis und Erfahrungen im Spannungsfeld von Verdichtung und Entgrenzung poetisch nachzuspüren" . Wie bei Goethes Zauberlehrling werde Eminem die Geister, die er rief, nämlich nicht mehr los.

Im Fokus: Das postkoloniale Subjekt

Die hier vorliegende Studie wolle sich emphatisch an die Kunst wenden und mit ihr zeigen, dass gerade das Denken einer US-amerikanischen Philosophietradition in Form der pragmatischen Ästhetik Deweys neue Zugänge zu Kunst, Individuum und Gesellschaft zu gewinnen ermögliche. Das postkoloniale Subjekt als paradigmatische Form prekär positionierten Daseins stehe dabei im Mittelpunkt. Da das Ästhetische unter radikalen Ideologieverdacht geriet ("its believed to superess difference"), soll nicht identitätsindifferent und generalisierend daran laboriert werden. Literatur und Kunst würden stets nur auf die Negation als imperialistischer Illusion verweisen, als "different and rivalling aesthetics". In den weiteren Kapiteln geht es um Räume des emotionalen Einlassens und der intellektuellen Abstraktion, der performativen Selbstdarstellung und des intersubjektiven Fremdverstehens, der materiellen Resistenz und der formalen Offenheit. Die Wirklichkeit ist nicht viel mehr als die eigene individuelle und soziale Realität. Das ästhetische Erfahren solle aber nicht zu einem ideologisch infiltrierten Privatvergnügen verkommen. "Alle bedeutende Kunst ist zeitgenössisch. Sie hat Bedeutung für die Gegenwart. Im Gegenwärtigen liegt das Selbstverständnis von Kunst als Erfahrung.", schreibt Dustin Breitenwischer.

"Sich aus der Welt ziehen" ins "Dazwischen"

In Hoppers Gemälde New York Movie (1939) wird die Einsamkeit der Kinokartenabreißerin in krassen Gegensatz zum Gemeinschaftsgefühl der Masse vor der Leinwand gestellt. Damit entstehe das moderne Paradoxon unmittelbarer Selbstdistanz. Hoppers Bilder vermittelten das, was später die Filmpaläste taten: die Furcht vor Langeweile als bewährtes Mittel für die kapitalistische und kulturindustrielle Gleichmachung. "Der Filmpalast ist Bühne und Statthalter einer Maxime, die sich in den Dienst der Subversivitätsauslöschung stellt." Bruce Robbins schreibe davon, dass der "Konsum (...) in der Moderne die demokratische Partizipation ersetzt. Was man trägt isst und fährt, beginne Ersatz zu werden für eine ernsthafte politische Einmischung. Einsamkeit pervertiere zu einem Zeichen der individuellen Freiheit.", ähnlich Kracauers "Kult der Zerstreuung". Kino und Kunst würden zur "chilly icon of American mass consumerism". Gemeinsam einsam heißt die Devise, denn Kino sei weniger ein Ort öffentlichen Begegnens als vielmehr ein Raum für radikale Selbstbegegnung. "In Hoppers New York Movie wird das menschliche Drama eben nicht nur dargestellt, sondern in besonderem Maße aus sich selbst hergestellt" (Hervorhebungen durch Dustin Breitenwischer). Die "two key poles of the modern subject" seien "boredoem and interest". Denn sowohl die Langeweile als auch das Interesse lassen das Dasein in Zeit und Raum dazwischen sein." , so Dustin Breitenwischer. Die sprachliche Grenze zwischen Ver-weilen und Lange-weilen wird aufgelöst: "Auf einen Bildschirm zu blicken" (TV, Computer, Handy) sei (in der Postmoderne) zum "paradigmatischen Modus geworden, sich aus der Welt zu ziehen". Das Selbst bleibe dabei in einer betriebsamen Welt verschollen, da man ohne Ziel nirgendwo lang zu verweilen gedenke. "So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past." , heißt es in The Great Gatsby.

Dazwischen
Dazwischen
Spielräume ästhetischer Erfahrung in der US-amerikanischen Kunst und Literatur
1. Aufl. 2018, 278 Seiten, 7 s/w Abb., kart.
EAN 978-3770563203

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