Medien

Ohne Fotoausrüstung auf Kreuzfahrt

Der Mare Verlag hat diesen Band, der im Original bereits 1997 erschienen ist, im Jahre 2002 zum ersten Mal herausgebracht. Die vorliegende Neuausgabe kommentiert er so: "Jetzt in einer edel ausgestatteten Leinenausgabe, mit einem Vorwort von Georg Diez." Es ist in der Tat eine sehr schön gemachte Ausgabe, zudem findet man im Vorwort diese wirklich clevere Antwort zur Therapie.

Sie glauben nicht an Therapie?



"Lassen Sie mich es so sagen: Man kann nicht auf der Welt sein, ohne in Schmerzen zu leben, seelischen und körperlichen Schmerzen. Wir haben Mechanismen entwickelt, um mit diesen Schmerzen umzugehen, sie irgendwie zu überwinden. Therapie, Religion und Spiritualität, Beziehungen, materiellen Erfolg. All das kann funktionieren, aber auch selbst zum Problem werden."

Schon dieser (und der anderen) Antworten (sowie der Fadenheftung) wegen lohnt diese Neuausgabe. Kommt dazu, dass dies Journalismus vom Feinsten ist. Zum einen, weil hier beschrieben wird, wie diese Reportage über eine Kreuzfahrt zustanden gekommen ist (also ein Prozess geschildert wird) und man auch erfährt, wer einem dies alles schildert. "Ich bin mittlerweile 33 Jahre alt, und es kommt mir vor, als wäre in meinem Leben bereits viel Zeit vergangen und als vergehe sie sogar mit jedem weiteren Tag etwas schneller. Tagaus, tagein bin ich gehalten, alle möglichen Entscheidungen zu treffen über das, was wichtig und richtig ist und was mir womöglich sogar etwas (Spass) bringt. Genauer gesagt, zuerst muss ich entscheiden - und mich dann damit abfinden, dass ich aufgrund meiner Entscheidung andere Optionen nicht ausüben konnte ... Denn so sind die Spielregeln: Ich muss mich entscheiden - und später damit leben, dass ich meine Entscheidungen bereue."

Man merkt schon an diesen wenigen Zeilen, dass man hier was ganz anderes vor sich hat als was gemeinhin unter Journalismus läuft. Und damit wird auch wieder einmal gezeigt, was Journalismus auch sein kann (und eben manchmal auch ist): das In-Worte-Fassen des eigenen Lebensflusses. Das meint nicht, dass man ausschliesslich persönliche Befindlichkeiten aufnotiert (doch dies gehört entscheidend dazu), sondern dass man sich so umfassend wie möglich kundig macht und das In-Erfahrung-Gebrachte und Beobachtete ansprechend (hoffentlich) rüber bringt. Und möglichst mit etwas Witz. "Nebenbei: Nach eingehender Recherche ist es inzwischen amtlich. Ich bin definitiv der einzige erwachsene Passagier ohne Fotoausrüstung."

"Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" zeichnet sich unter anderem auch durch eine (typisch amerikanische, wie mir scheint) geradezu obsessive Detailgenauigkeit aus. Ganz als ob man ständig beweisen müsste, wie hart man gearbeitet hat, was dann zu diesen ewig langen Reportagen (typisch für den New Yorker oder Atlantic Monthly oder eben auch Harper's Magazine, wo dieser Text zum ersten Mal erschienen ist) führt, die locker ein Buch füllen, selbst Fussnoten fehlen nicht.

Andererseits, wenn man mit Fussnoten so umgeht wie Foster Wallace das tut, lässt man sich diese natürlich gerne gefallen. "Den vielen Hawaiihemden zum Trotz, viele der Wartenden wirkten jüdisch auf mich, und ich schämte mich bei dem Gedanken, jüdische Herkunft am Aussehen erkennen zu können." Die Fussnote dazu lautet: "Vor allem an öffentlichen Plätzen der amerikanischen Ostküste entdecke ich auch diese Weise immer wieder den Rassisten in mir - der innerlich jedoch sofort in seine politisch korrekten Schranken verwiesen wird." (Am Rande: ich hoffe, das ist so unernst gemeint, wie ich es gelesen habe).

Fazit: Rundum empfehlenswert.

Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich
David Foster Wallace
Marcus Ingendaay (Übersetzung)

Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich


Marebuchverlag 2011
Originalsprache: Englisch
184 Seiten, gebunden
EAN 978-3866481473

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