Urs Widmer: Das Buch des Vaters

Vater, Vater

Dreißig Jahre nach dem Tod des Vaters schreibt der Sohn dessen verloren gegangenes Tagebuch als Roman neu.

Der Anfang des 20. Jahrhunderts geborene Vater - Sohn eines zugezogenen Grundschullehrers - ist, wie sein Bruder, der später Pfarrer wird, Klassenprimus im altsprachlichen Gymnasium, promoviert in Romanistik und landet, nach kurzer Assistententätigkeit an der Uni, als Französischlehrer am neusprachlichen Gymnasium. Er verfasst auch ein Französisch-Lehrbuch (Pas à Pas), welches über Jahrzehnte von den Schulen in Basel verwendet wurde. Gleichzeitig macht er Übersetzungen, schreibt Kritiken und managt eine Künstlergruppe.

Walter Widmer (im Roman heißt er Karl) ist ein leidenschaftlicher Sammler. Anfangs sind Bücher das Objekt der Begierde, später kommen Schallplatten und Möbel dazu. Da er mehr sammelt, als er sich eigentlich leisten kann, verbraucht er nicht nur das gesamte Vermögen seiner Frau, sondern bleibt auch Rechnungen schuldig und bezahlt über Jahre seine Steuern nicht. Und so sah er aus: "Brille, beginnende Glatze, Zigarette im Mundwinkel. Er rauchte immer, auch wenn er sprach, las oder aß ... Er hatte eine Schreibmaschine, auf der er mit einem einzigen Finger, dem Zeigefinger der rechten Hand, in einem rasenden Tempo tippte." (Seite 8 / 15) Unter chronischer Migräne leidend, wird er zunehmend abhängig von Medikamenten, ruiniert damit auch seine Gesundheit, wird frühverrentet und stirbt 1965 knapp sechzigjährig.

Urs Widmers Roman ist eine dramatische und äußerst spannende Biografie des Vaters, eingebettet in eine hervorragende Charakterisierung der in den umgrenzten Raum der Stadt Basel hinüberschwappenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert auch die ruhige und leicht spöttische Erzählweise, die allerdings einen überzeugenderen Eindruck hinterließe, wenn Ironie bzw. Kritik durchgängig wäre. Eigenartig allerdings die fehlende Empathie für das zwischen einer aus dem Fenster starrenden Mutter und einem schreibwütigen Vater aufwachsenden Kindes, welches - sechzig Jahre später - mit diesem Buch versucht, dem Vater ein Denkmal zu setzten. Gleichzeitig erinnert einen dieser Vater an die herrliche Charakterisierung von Thomas Bernhard: "Die Katastrophe war ja / daß ich sie alle überragte / in geistiger Hinsicht / ich war krank / ich war durch und durch krank / aber ich überragte sie alle" (Th. Bernhard: Einfach kompliziert).

Das Buch des Vaters
Das Buch des Vaters
209 Seiten, gebunden
Diogenes 2004
EAN 978-3257063875

Kafkas Schlaflosigkeit als Bedingung seiner literarischen Arbeit

"Kafka träumt" zeigt, wie wichtig Träume für das literarische Schaffen des Schriftstellers waren.

Kafka träumt

Wege zu Caspar David Friedrich

Rathgeb begibt sich in einer behutsamen Annäherung auf Spurensuche, um den Lesern zu einem besseren Verständnis des Künstlers zu verhelfen.

Maler Friedrich

Leibfreundlichkeit

Ein Zeugnis für die christliche Anthropologie und ein sanftmütiges Plädoyer für Leibfreundlichkeit.

Theologie des Leibes in einer Stunde

Sich vergessen

Das kleine Büchlein mit einer sommerlichen Lyrik-Sammlung versammelt die Elite der deutschen Lyrik.

Sommergedichte

Liebesbeziehungen heute

West analysiert eine Vielzahl von Problemen, die mit der sog. sexuellen Revolution verbunden sind und empfiehlt eine Neubesinnung auf Ehe, Familie und das christliche Menschenbild.

Von der Finsternis des Leibes

Bewältigende Sprachgewalt

In "Risse" beleuchtet Klüssendorf die Brüche im Leben eines von Enge, Zorn und Begehren charakterisierten Heranwachsens in der DDR

Risse