Verliebt in Venedig
Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe gehörte zu den prominenten Gastgeberinnen des Dichters Rainer Maria Rilke in Venedig, einer Stadt, die er Zeit seines Lebens, zwischen 1897 und 1920, immer wieder gerne besuchte. Mit keiner anderen Stadt - außer Paris, wie die Autorin betont - habe sich Rilke so intensiv auseinandergesetzt, denn er habe dort auch Archive und Bibliotheken besucht und stets auch gearbeitet, etwa wenn er Thomas Manns "Tod in Venedig" mit den Worten kommentierte: "Von meisterhafter Fraktur der erste Teil, nur peinlich der zweite". Rilkes Bildung sei die eines Liebhabers gewesen: wählerisch, sprunghaft, den Gegenstand aber sehr rein in sich aufnehmend und wiedergebend, so Haustedt, "und wie ein Liebhaber vermittle er uns sein Wissen auch".
Rilke als Flaneur
Rilkes Skizzen aus Venedigs Alltag seien oft virtuos komponiert, schreibt Haustedt, sie wirkten wie Vignetten, aber konkrete Orte nennt Rilke kaum, man könne sie also nicht in einem systematischen Spaziergang "abhaken", wie sie schreibt. Am besten man macht es wie Rilke selbst, ohne Ziel durch die Gegend laufen, herumirren, sich treiben lassen. Eine Beschreibung eines Gemäldes von Tizian, das die Maria Assunta (Maria Himmelfahrt) zeigt, wird für Rilke zur Apotheose seiner Schreibkunst: "So ist die Maria nicht die Gottesjungfrau, die im Dämmern mystischer Sehnsucht den Sohn sucht zur rechten des Vaters; sie ist das selige Weib, das aus mildem irren zurückkehrt in das natürliche Erhabensein des edlen Weibes; nicht der Glanz von drüben macht den Himmel ihrer Augen leuchten und ihre Lippen lächeln: eigene Gnade, und der eigenen Hände opferndes Gegebenhaben heiligt sie." Birgit Haustedt denkt aber auch an die weltlichen Genüsse und hängt ihrem sehr aufschlussreichen San Polo Kapitel, aus dem hier zitiert wurde, auch einen Ombra im Bàcaro do Mori an: ein "Schatten" mit Cicheti, kleinen fischigen Vorspeisen in zahlreichen Varianten, das hat wohl auch Rilke schon gemundet.
Der verliebte Doctor Serafico
In elf Spaziergängen folgt Birgit Haustedt den Spuren des Literaten und geleitet den Leser durch die Sestieri, die "Sechstel" Venedigs, und darüber hinaus in den Garten Eden der Giudecca. "Doctor Serafico", wie seine Mäzenin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe ihn liebevoll nannte, habe auch gerne den venezianischen Mädchen nachgeschaut und nicht nur die Madonnenbilder Tintorettos oder Tizians bewundert. So seien seine schönsten Gedichte durch eine gewisse Mimi Romanelli auf der Zattere inspiriert worden, geschrieben habe er sie erst viele Monate später in Paris, denn wer lebt, schreibt nicht, aber wer schreibt, lebt. Rilke habe Venedig neu und auf seine eigene Weise kartographiert, nicht systematisch, eher wie ein Liebhaber, schreibt Haustedt, denn den Baedeker-Besuchern und Kunstbeflissenen zog er jene vor, die als erste weitgehende Erinnerung folgendes mitbringen: "Das gute Kotelett, welches sie bei Grünwald und Bauer gegessen haben; denn sie bringen doch wenigstens eine aufrichtige Freude mit, etwas Lebendiges, Eigenes, Intimes.
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