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Gabriele Goffriller: Das Phänomen i∙KYSELAK Der „Felsbeklekser" vom Wiener Spittelberg

02. Mai 2026
von Juergen Weber

Heute wäre er wohl ein Graffitiartist, Reiseblogger, Influencer, Social-Media-Star – dabei lebte und wirkte er vor 200 Jahren im damaligen Kaiserreich Österreich: „i. KYSELAK". Seine Signatur „i. KYSELAK" fand und findet man im ganzen österreichischen Kaisertum, ob und unter der Enns, in Krain, in Ungarn, in Böhmen und Mähren und in fernen Ländern, und ermunterte Nachahmer bis heute: u. a. Banksy, Keith Haring, Basquiat …

i. KYSELAK: Der Banksy des 19. Jahrhunderts

„Wo er den Pinsel nicht gebrauchen kann, benützt er Hammer und Meißel, um seine Narrheit zu verewigen." Mit 15 Pfund „Bagage", einem Wolfshund und einem Gewehre machte sich der auf Umwegen zu Ruhm gekommene österreichische Finanzbeamte („Registraturs-Accessist in der Wiener Hofkammer") Joseph Kyselak laut eigenen Angaben auf die Reise. Kyselak wollte die Länder der Monarchie erkunden und griff zu diesem Zwecke auch auf Landkarten zurück, die nicht immer so genau waren, wie sie besagten.

Auf seinen „Spaziergängen" hatte er aber auch Papier und Bleistift dabei und beschrieb das, was er sah. Ein Ansuchen beim Kaiser um finanzielle Unterstützung für seine Wanderungen erreichte ihn leider erst kurz vor seinem Tode, und so konnte er sie nicht mehr fortsetzen. Was von ihm blieb, war sein Schriftzug: „i. KYSELAK", sein Tag. An schwer erreichbaren Stellen überall in der Monarchie platzierte er sein Chiffre und nahm damit ein bisschen die Lebens- und Wirkgeschichte eines gewissen Banksy vorweg, der dieser Tage ja leider enttarnt wurde. Über einen Zeitraum von zehn Jahren, also zwischen 1820 und 1830, ritzte und malte Kyselak seine zumeist 12 cm hohe Signatur in Felsen, Denkmäler und Säulen. Aber natürlich war er damit nicht allein, und auch er selbst hatte in Ali al-Hawrawi As-Saih einen Vorläufer gefunden, wie die Herausgeber gerne anmerken. Dieser hätte schon im 13. Jahrhundert in Syrien und dem Irak seine „Peregrinations" hinterlassen, ganz so wie unzählige andere Reisende dies bis heute tun. Aber was macht nun diesen Kyselak, den Banksy des 19. Jahrhunderts, so besonders? Nun, genau das zeigt die Kunsthistorikerin Gabriele Goffriller in ihrer Jubiläumsausgabe zum 200.

Eine Einladung zu einer Entdeckungsreise

„Schwindlig ob des Abgrunds Schauer / ragt des höchsten Giebels Zack / und am höchsten Saum der Mauer / prangt der Name" (…). Als „Felsbeklekser" bezeichnete ihn die Adolf Bäuerles Theaterzeitung von 1840 und schenkte seinen von ihm selbst beschriebenen Spaziergängen wenig Glauben – ja behauptete sogar, er hätte den Großteil seiner Reise in Kutschen zugebracht. Ein anderer Zeitgenosse schreibt, diese Marotte, „Felsenwände, Waldcapellen und Burgruinen" mit seinem Namen zu bezeichnen, sei nicht aus Eitelkeit, sondern aus Liebesgram entstanden. Es entstanden sogar Romane und Gedichte, die Kyselak meist posthum rühmten oder ehrten; auch ein Ballett, Kieselack und seine Carline, hatte es auf ihn abgesehen.

Sein „unglaubliches Nachleben" wird von der Autorin und Herausgeberin Gabriele Goffriller aber auch auf harte Fakten überprüft, und so entsteht das Bild eines Menschen, der am Wiener Spittelberg geboren und gestorben und seine ganz besondere Vaterlandsliebe mit Autographen manifestierte. „Bey ihm geschieht alles im Fluge", attestierte ihm der Gutachter seines Schreibens an den Kaiser um finanzielle Unterstützung. Über ein Jahr musste er auf eine Antwort warten. „Quand on ne veut qu'arriver, on peut courir en chaise de poste; mais quand on veut voyager, il faut aller à pied" (Wenn man nur will, dass man ankommt, kann man mit der Postkutsche reisen; wenn man aber reisen will, muss man zu Fuß gehen.), schrieb besagter kaiserlicher Gutachter, Khloyber, im damals für den Hof üblichen Französisch.

Da es den Denkmalschutz im Kaiserreich aber erst ab 1854 gab, wären theoretisch auch seine Engravierungen darunter gefallen, aber leider sind nur mehr ganz selten welche zu finden – abgesehen von der Vielzahl der Nachahmer natürlich … Eine köstliche Lektüre in vier Bänden und mit einem Begleitband der Herausgeberin in einer Stofftasche, die dazu einlädt, die Lektüre mit in die Natur zu nehmen und es i. KYSELAK gleichzutun.

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Buchcover von Das Phänomen i∙KYSELAK
Gabriele Goffriller
Das Phänomen i∙KYSELAK
Jubiläumsausgabe in 4 Bänden
783 Seiten, gebunden, Ergänzungsband 118 Seiten, gebunden
Jubiläumsausgabe, 4 Bänden in Stofftasche
ISBN 978-3-90351633-5