Das Karussell Im Kreislauf verpasster Chancen
Pensionierung – ein neuer Lebensabschnitt mit mehr selbstbestimmter Zeit und drohender Langeweile beginnt. Bernhard war Hochschullehrer, ist geschieden, kinderlos und lebt allein in seiner Berliner Wohnung. Er sucht etwas, das seine Tage mit Sinn erfüllt und erinnert sich an seine Zeit in Salerno, wo er Deutsch unterrichtete. Mehr als vier Jahrzehnte sind seither vergangen. Was ist aus seinen alten Freunden geworden? Wie geht es Alfredo und Arianna, in die er sich damals verliebt hatte? Und: Ist das alte Karussell inzwischen aufgebaut und dreht sich als Attraktion am Strand? Hans-Ulrich Treichel erzählt in seinem neuen Roman „Das Karussell“ von einer fast märchenhaft anmutenden Italienreise in Bernhards Vergangenheit. Treichel erfrischt seine Leser wie in den meisten seiner Romane mit seiner typischen lakonischen, nie ganz ernsten Sprache, obwohl es um verpasste Lebenschancen geht.
Bernhard ist fast siebzig Jahre alt und als Pensionär gut versorgt. Doch gerade diese „Versorgtheit und Routine als Ruheständler“ stimmt ihn zunehmend unzufrieden, und er beschließt, „noch einmal an den Ort zurückzukehren“, in dem er als junger Dozent für Deutsch als Wirtschaftssprache lebte: Salerno in der Region Kampanien, südlich von Neapel; die Amalfiküste oder Capri sind nicht weit entfernt. Doch Bernhard interessiert sich – im Rückblick auf seinen ersten Aufenthalt – mehr für den Lungomare, die städtische Strandpromenade von Salerno. Für ihn der „schönste Bereich der Stadt“. Hier geht er oft spazieren und auf einem seiner Spaziergänge besucht er seinen Studenten Alfredo, der zusammen mit seinem Vater Luciano ein Strandbad betreibt. Neben dem Strandbadgelände befindet sich ein weiterer Bereich mit einem Wohnhaus und einer Lagerhalle, der auch zum Familienbesitz gehört. In der Halle lagern Einzelteile eines alten Karussells mit bunten Figuren zum Draufsitzen. Luciano und Alfredo planen, es in unmittelbarer Nähe zum Strandbad wieder aufzubauen, was bislang aus Geldmangel nicht passiert ist.
Im Strandbad begegnet Bernhard auch Arianna zum ersten Mal und hat sofort liebevolle Gefühle für sie. Auch der besondere, helle Klang ihrer Stimme bleibt in seinem Gedächtnis haften: „Ciao ragazzi“. Er möchte sie so bald wie möglich wiedersehen. „Wir müssen reden“, sagt sie zu ihm. Bernhard erfährt, dass sie verheiratet ist, aber in Scheidung lebt. Zugleich gibt sie Bernhard zu verstehen, dass sie ihn zwar mag, aber keine Paarbeziehung möchte. Trotzdem besucht sie ihn öfter. Doch dann endet Bernhards Salerno-Aufenthalt schneller als erwartet: Ihm wird eine Doktorandenstelle an der Freien Universität angeboten, und er kehrt nach Berlin zurück.
Der zweite Teil des Romans handelt von der Rückkehr nach Salerno im Ruhestand. Mit Alfredo hat Bernhard über die vielen Jahre hinweg Kontakt gehalten, mit Arianna nicht. Bernhard fliegt nach Neapel und fährt dann weiter mit dem Bus nach Salerno. „Sein Herz hätte höherschlagen sollen, als sie sich Salerno näherten. Was aber nicht der Fall war, Puls und Blutdruck blieben ruhig, beinahe sogar etwas schläfrig.“ Sein erster Eindruck: Viel hat sich offenbar nicht verändert. Oder doch? Der Kiosk am Bahnhof zum Beispiel, wo er sich gleich – wie früher – die Repubblica kauft. „Ob Arianna ihn auch als alten Mann anschauen würde? Oder als einen Mann, der älter geworden war?“, fragt er sich. „Letzteres hoffentlich“, ist seine Antwort. Er besucht Alfredo in seinem Strandbad, sein Vater ist inzwischen gestorben. Alfredo hat sich verändert: kein Lockenkopf mehr, sondern ein Mann mit Glatze, der eine „unverkrampfte Virilität“ ausstrahlt. Das Karussell ist aufgebaut, steht dort „wie selbstverständlich“. Alfredo hat es zusammen mit Arianna aufgebaut. Sie arbeitet als Bauingenieurin. Als im Gespräch mit Alfredo ihr Name fällt, spürt Bernhard sofort „eine Art retrospektiver Verliebtheitsröte“ im Gesicht. Er trifft sie etwas später bei der Arbeit am Karussell, das zwar aufgebaut ist, sich aber nicht dreht. Arianna lädt Bernhard zum Abendessen in ihre Wohnung ein – „und dann reden wir“, sagt sie. Es gelingt Arianna, das Karussell zum Laufen zu bringen. Mit welchen Folgen und was wird aus Bernhard und Arianna?
Es ist wunderbar zu lesen, wie Treichel das Karussell als Metapher für das Leben von Bernhard und das menschliche Leben im Allgemeinen entwickelt. Es „kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel“, formuliert Rainer-Maria Rilke in seinem Gedicht „Das Karussell“. Bernhards Leben fühlt sich ähnlich an. Er ist – wie viele Hauptfiguren in Treichels Romanen – ein Zauderer und Zweifler, der Schwierigkeiten hat, in zwischenmenschlichen Beziehungen Entscheidungen zu treffen und seine Gefühle anderen zu zeigen. Die Karussellfiguren in Rilkes Gedicht haben alle „Mut in ihren Mienen“. Bernhard verkörpert dagegen eher den Mutlosen, aber keineswegs einen traurigen, sondern einen, der seine Umwelt mit wachem Geist, Sensibilität und Humor wahrnimmt. Treichels Erzähler gelingt es auf unterhaltsame Weise, ihn liebenswürdig zu machen – bisweilen auch mit feiner Ironie.
Alle Rezensionen von Karl Hackstette