Rainer Moritz: Das Jahr in Büchern

Ein gutes Werk für jeden Tag

Was soll man lesen? Welche Werke lohnt es, erstmals oder auch zum Wiederlesen in die Hand zu nehmen? Und wie findet man Orientierung im aufgeblähten Büchermeer, mit den unzähligen Titeln aktuell und aus vergangenen Tagen? Diese Fragen stellt sich Bücherwurm Rainer Moritz, der über zwei Jahrzehnte in Hamburg das Literaturhaus geleitet hat.

Die Antwort liefert Moritz gleich mit, in Form von 366 Büchern für jeden Kalendertag. „Die Titel", heißt es in der Einleitung, „sind konkreten Tagen oder Jahreszeiten zugeordnet, die in den Büchern mal versteckt, mal offensichtlich eine Rolle spielen." Der 29. Februar ist übrigens inbegriffen, daher die 366 Tage.

Bleiben wir beim Endfebruarbeispiel: Moritz' Eintrag für den letzten möglichen Tag des kürzesten Monats ist Erich Kästner gewidmet. Der Satiriker schickt seinen märchenhaften Helden Konrad am imaginären 35. Februar (so der Titel von Kästners Jugendroman 35. Februar) auf eine ebenso imaginäre Reise in die Südsee. Transportmittel ist ein Kleiderschrank, den Konrad mit seinem Onkel, einem Apotheker, und einem Zirkuspferd besteigt.

Die Reise, presst Moritz das Geschehen in einen Satz, führt „über das Schlaraffenland, wo keiner einen Finger krümmt, zur Burg der Großen Vergangenheit, auf der Hannibal und Wallenstein mit Zinnsoldaten spielen, zur Verkehrten Welt, in der unverständige Erwachsene wieder die Schulbank drücken müssen, und zur automatischen Stadt Elektropolis." Und das ist keine schlechte Zusammenfassung!

So geht es munter und nie langweilig werdend weiter. Die von Moritz besprochenen Bücher, neben Romanen sind es Theaterstücke oder auch mal ein Gedicht, vereinen Klassiker und in jüngerer Zeit Erschienenes, Verkaufsschlager und Ladenhüter, literarischen Mainstream und Werke von Exzentrikern und Außenseitern. Moritz' Texte – kurz, dicht, auch manchmal provokant – sollen nicht nur neugierig machen, sondern stets auch den Blick der Leserschaft für das eine oder andere Detail im Buch schärfen, das dieses zum Alleinstellungsmerkmal oder überhaupt lesenswert macht.

Das Jahr in Büchern lohnt also die Lektüre, zum Lesen in einem Rutsch (so unterhaltsam ist es), als Nachschlagewerk (Index sowohl nach Autoren als auch nach Titeln geordnet) oder auch nur als Inspiration. Der Schreiber dieser Zeilen hat sich vom Eintrag am 1. Februar inspirieren lassen: Das stille Land von Tom Drury, der Roman ist mittlerweile 20 Jahre alt, steht nun auf seiner Leseliste. Ein Satz dazu noch von Moritz, den der Autor mit seinem Kniff, „realistische Passagen magisch zu überblenden", beeindruckt hat: „Die Figuren führen knappe Dialoge in der eigentümlichen Landschaft einer karstigen Hochebene." Hört sich doch gut an, oder?

Übrigens: Juergen Weber, einer der Rezensenten auf diesem Portal, sollte auch mal so ein Buch schreiben. Er kommt auf insgesamt knapp 750 Beiträge. Das würde sogar für zwei Jahre in Büchern reichen.

Das Jahr in Büchern
Das Jahr in Büchern
Literaturtipps für jeden Tag
383 Seiten, gebunden
Reclam 2025
EAN 978-3150115114

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