Christoph Hein: Das Havelberger Konzert

Der unverstandene Musicus

Johann Sebastian Bach sah den Endzweck aller Musik darin, dass sie zur „Ehre Gottes“ komponiert und gespielt würde, darüber hinaus zur „Rekreation des Gemüths“, neumodisch ausgedrückt: ein Wellness-Programm für die Seele? Von seiner Hörerschaft dachte der Musiker nie gering, mit den Herren dieser Welt haderte er durchaus, insbesondere mit politischen Machthabern, die ihren Günstlingen zugetan waren und die Kunst so geringschätzten wie den Künstler. Christoph Hein öffnet in diesen Novellen, die sogar eigens „Bach-Novellen“ genannt sind, literarisch glanzvolle Ausblicke auf das Leben und Werk des Komponisten. 

Die Beziehung zu seiner Ehefrau rahmt die Geschichten, die Hein spielerisch und ernsthaft erzählt. Unverkennbar schien das hohe musikalische Talent des kommenden Komponisten auch in jungen Jahren schon zu sein. Der „junge Lehrer“, der den Chor des Lyzeums leiten sollte, litt aber an Instrumentalisten und Sängern, die so gar nicht auf ihn hören wollten, auch wenn „mein Sebastian“ alle Nachlässigkeiten energisch tadelte. Der junge Bach hatte einen schweren Stand. Er kritisierte deutlich, nicht die Person, wohl aber das Spiel, und doch nahmen viele seiner Schüler dies durchaus persönlich und waren verstimmt. Als ein „jämmerliches Fagottspiel“ als solches bezeichnete, empörte sich der Getadelte: „Ganz gleich, ob er mich beschimpft oder mein Fagott, wer mein Spiel in den Dreck zieht, der beleidigt damit mich. Wie ein Hund hat er gehandelt, ein Lumpenhund.“ Die Schüler murrten, und Bach war unzufrieden, auch unverstanden. Es ging ihm doch einzig um Musik, um nichts anderes. Seine Verlobte denkt alldieweil an die Hochzeit, die für Frauen „nicht das schönste Vergnügen“ seien, mit Blick auf die zu erwartenden Schmerzen. Wer das Leben gebäre, so sei ihr gesagt worden, der sei durch Schmerz und Blut an die Welt gebunden. Margarethe Feldhaus belehrt die künftige Gattin, was der Frau zukomme: „Nicht der Spaß und das Vergnügen, sondern der Schmerz. Darum lieben wir die Kinder, darum sind wir Weiber bereit, für sie unser Leben zu opfern, und darum wohl hat es unser Herrgott so eingerichtet.“ Die künftige Frau Bach grübelt und befindet: „Der Herrgott hätte es besser und freundlicher einrichten sollen.“

Johann Sebastian Bach tritt unterschiedliche Stellen an, immer wieder erntet er Widerspruch und den Grimm hoher Herren, so etwa ist in Mühlhausen der pietistische Superintendent Frohne einfach nur missgestimmt. Bach, nicht nur Kirchenorganist, sondern auch „Kammer-Musicus“, wollte sich nicht vorschreiben lassen, für wen er komponiert und musiziert, „außer für Gott, wie er sagte“, und so wurden ihm manche Dienstverhältnisse schnell unerträglich. Manche Amtsträger verspotteten den „Musicus“, der als tiefgläubiger Christ ganz in der und für die Musik lebte, und zugleich ein Künstler, dem stets gewiss war, dass die Mächtigen in dieser Welt nur auf Zeit das letzte Wort haben würden.

Allein, auch Bach war auf ein gedeihliches pekuniäres Auskommen angewiesen, also musste er manches einfach nur aushalten und ertragen, doch das war für ihn nicht immer einfach. Wenn jemand ihm scheinbar wissend mitteilte, dass Musik nur eine „brotlose Kunst“ sei und er doch seine Familie ernähren müsse, schüttelte er bloß den Kopf. Verbittert und spöttisch empfing Bach die Nachricht eines Beamten. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. wolle ihm nur ein Honorar zahlen, die „hohe Ehre, für das hochherrschaftliche Treffen eine Komposition beizusteuern, sei eine ausreichende Vergütung“ – gemeint war das Treffen der Hoheiten in Havelberg, von Friedrich Wilhelm und Zar Peter I. An Kunst war der König ausnehmend desinteressiert. Bach verzichtete darauf, das Havelberger Konzert zu komponieren, und der König verfügte, dass keine Musik von Bach gespielt werden dürfe: „Die unvollendete Partitur seines Havelberger Konzerts nutzte Bach drei Jahre später, als er für den Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt sechs Instrumentalkonzerte komponierte. Für das erste Konzert in F-Dur, ein Stück in der Form einer italienischen Ouvertüre aus Konzertsatz, langsamem Mittelsatz und Tanz, konnte er die einst Havelberg zugedachte Komposition in ihrer Gesamtheit nutzen. Dieses Havelberger Konzert wurde der Nachwelt jedoch nun als Erstes Brandenburgisches Konzert überliefert.“

Christoph Hein legt ein einfühlsames, reichhaltiges und kunstvoll erarbeitetes Bach-Porträt vor, auf vergleichsweise wenigen Seiten zeichnet er den Komponisten aus der Nähe, behutsam, mit Sorgfalt und großer innerer Teilhabe. Kunstfertig ebenso sind die unterschiedlichen Perspektiven des Erzählens, die Hein einnimmt. Seine Novellen dienen vielleicht nicht der „Rekreation des Gemüts“, aber sie weisen Wege dazu, Johann Sebastian Bach neu kennenzulernen und sich sodann dem oft unverstandenen Komponisten anzunähern, der heute als Klassiker gilt, aber im Grunde ein Revolutionär in seiner Zeit war. Bachs Musik bleibt unbedingt hörenswert, Christoph Heins Band ist in jeder Weise empfehlenswert, und dies nicht nur für Musikfreunde.

Das Havelberger Konzert
Das Havelberger Konzert
Bach-Novellen
78 Seiten, gebunden
Insel 2025
EAN 978-3458195559

Die letzte deutsche Diva

Eine Biopic über Hildegard Knef, die wohl prägendste Nachkriegskünstlerin, die wohl mehr als fünf Leben führte ...

Ich will alles. Hildegard Knef

Patti Smiths Memoiren

Das neue Buch der Musikerin Patti Smith, inzwischen bald 79, handelt von ihrer Kindheit und ihrem Aufstieg zum Rockstar.

Bread of Angels

Waits/Corbijn: Photographien und Curiosities

Eine kongeniale Kollaboration der Konquistadoren der Musik und Fotografie.

Waits/Corbijn

Der Zauberer am Tegernsee

Dieser schmale Band über die Zeit, die Thomas Mann und die Seinen in der Sommerfrische verbringen, ist ein wahrer Lesegenuss.

Thomas Mann macht Ferien

Ein neuer Zugang zu Rainer Maria Rilke

Der "Dichter in Mädchenkleidung" verstarb vor 99 Jahren an Leukämie. Eine Biografie, die den ganzen Rilke zeigt.

Rilke

I’m Only F**king Myself

Das dritte Album der britischen Senkrechtstarterin macht die Pole Addiction und Avoidance tanzbar zu heißen Beats ...

I’m Only F**king Myself