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Ferdinand Ulrich: Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten Gläubiges Staunen über die Liebe

22. März 2026
von Thorsten Paprotny

Die Sprache des Philosophen Ferdinand Ulrich (1931–2020) erinnert in ihrer Grundmelodie an Martin Heidegger, mutet an wie ein kreisendes Denken, das dem Leser Geduld abverlangt, zu einer meditativen Lektüre anleitet und zu Gedankenarbeit führt. Manchmal muss man bei der Lektüre auch zurückblättern und erneut das bereits Entfaltete nachvollziehen. Ulrich, der christlichen Mystik auch nahe, formuliert schwebende Zugänge, wenn er die menschliche Existenzweise zwischen Philosophie und einem der Gleichnisse Jesu nachzeichnet. Der Philosoph predigt nicht, er lädt zum Denken ein, das bei der einen oder dem anderen in die Musik des gläubigen Staunens münden könnte.

Von der Autorität der Liebe spricht der Philosoph. Doch besitzt die Liebe überhaupt Autorität? Der Leser fragt sich: Schließt Liebe nicht autoritative Steuerung oder Lenkungsabsichten aus? Autorität darf nun nicht mit autoritärem Tun verwechselt werden. Diese Autorität, von der Ferdinand Ulrich spricht, lässt sein, lässt wachsen und reifen, schenkt absichtslos und bleibt doch Autorität. Der Philosoph macht zunächst auf Unterscheidungen und Differenzierungen aufmerksam. Wenn er das Gleichnis Jesu bedenkt, so öffnet er nicht mit einem exegetischen Universalschlüssel – den es ohnehin nicht geben kann, wie jeder Schriftkundige weiß, der den Bescheidwissern stets misstrauen wird – den zu erschließenden Text, sondern gibt Andeutungen und Hinweise zur „Gestalt und Sinntiefe plastischer Bildlichkeit“; eine „bleibende Verborgenheit“ wird fortbestehen. Das Gleichnis kann also nicht in Besitz geraten; wer sich diesem annähert, verstehend oder vielleicht auch noch graduell unverständig, darf zunächst in der Nähe verharren und bleiben.

Ulrich philosophiert nicht wie ein Deutschlehrer alten Typus, der die Deutung, die er hören möchte, schon vorab kennt und nichts anderes zulässt als das, was der Schüler mit den eingeübten Mitteln, pädagogisch gedrillt und von Angst getrieben, aus dem Gedicht oder dem Theaterstück herausliest. Der Philosoph nähert sich behutsam an und sieht, wie sich der Hörerschaft „bestimmte Weisen“ der Lebenswelt eröffnen, die in „schöpferischer Freiheit“ das Geschenk des Gleichnisses annehmen und die „Fruchtbarkeit selbstloser Selbstwerdung“ erfahren, bei der Gott der „unverfügbar Andere“ bleibt, aber sich doch hier im Wort berühren lässt. Im Gleichnis treten die Knechte auf, die wie ihre Leser niemals „Momente eines anonymen Gehorsams“ sind. Der Herr im Gleichnis schenkt freiwillig die Gaben, die unvergleichlich sind, auch keine Besitztümer, die begehrt und beherrscht werden können: „Nein, das Anvertraute ist ein Nicht-anderes, das den Empfangenden nicht als fremden, anonymen Anderen getrennt von sich, d. h. außer sich hat, sondern ihn in sich einbirgt, mit ihm auf ihn zu-kommt. Denn die Gabe wird restlos umwillen des Empfangenden gegeben, sie wird vorbehaltlos anvertraut, in einem unbedingten, voraussetzungslosen Ja, das sich der Freiheit des Beschenkten ausliefert und in ihm als er selbst, als sein ihm übereignetes Leben zur Sprache kommt. Sie ist die Herzmitte seiner Selbstverantwortung." Der Schenkende gibt fort, reicht weiter, und er tut dies liebend-liebevoll, so dass der Beschenkte in aller Freiheit entfalten kann, was ihm anvertraut ist, kein Besitz, sondern ein Talent, eine Gabe, begleitet vielleicht von der „Geduld der Hoffnung“, dass der Empfangende „seine Erfüllung, sein Wachstum im seinsmäßigen Mehrwerden, die Fruchtbarkeit seiner Freiheit“ erfährt.

So vollzieht sich die Autorität der Liebe; die „schlechte Autorität“ aber wolle nicht vergessen werden, sie scheint zu geben, aber sie gibt nicht. Ihr Herz ist verhärtet. Wem nun von der liebenden Autorität die Gabe anvertraut ist, der sieht sich in die Selbstverantwortung gestellt, weiß „vertrauend mit dem Anvertrauten“ umzugehen. In dem Anvertrauten bleibe das „Zutrauen des Schenkenden“ gegenwärtig, und die „beschenkte Freiheit“ darf gehen und ihre Gabe Frucht bringen lassen. Für Ferdinand Ulrich drückt sich hier „die Fülle und die Armut des geschenkten Seins-Ja der Liebe“ aus, in dem also das Geschöpf Mensch sich vorfindet und die Liebe Gottes erfahren kann, in dem ihm voraussetzungslos anvertrauten Talent, in der Gabe, die ihm zukommt und die er entfalten kann.

Ferdinand Ulrichs gedankenvolle Betrachtungen erfordern ein langsames Sich-Einschwingen in den Rhythmus seiner Sprache und seines Denkens. Der Philosoph bietet biblische Wege der Erkundung an, die jeder Leser für sich nachlesen, für sich entdecken kann, Wege, die nicht in philosophische Erfahrungen münden, sondern zu einem gelingenden Leben. Ob gläubig oder nicht, jeder Leser wird nach der gewiss nicht einfachen Lektüre dieses schmalen Bandes, der Zeit erfordert, über das, was Gabe ist, anders denken, über das, was ihm selbst anvertraut ist, und über das, was er seinen Mitmenschen als Geschenk anvertraut hat oder anvertrauen möchte. Voraussetzungslos ist die Liebe, die wir dem anderen schenken, und sie ist voraussetzungslos, wie sie ist, oder sie ist nicht Liebe, sondern irgendetwas anderes. Über die Liebe dürfen wir noch immer staunen. Ferdinand Ulrichs Buch schenkt uns keine endgültige Anschauung, aber eine wertvolle Ahnung davon, warum das so ist und warum das auch so bleiben wird. Manche Leserin, mancher Leser wird bei der Lektüre dieses Buches dankbar zu lächeln beginnen und sich zugleich des großen Ernstes der Liebe bewusst sein.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten
Ferdinand Ulrich, Manuel Schlögl (Hrsg.)
Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten
Die Autorität der Liebe
150 Seiten, gebunden
ISBN 978-3894114695