Ein verhängnisvolles Porträt
„Aber einst hast du mich mit einem Buch vergiftet. Ich sollte das nicht verzeihen. Harry, versprich mir, dass du das Buch nie mehr jemand anderem leihen willst! Es richtet Unheil an“, spricht Dorian Gray zu Lord Henry „Harry“ Wotton, einem Freund des Malers, der sein verhängnisvolles Porträt, das ihn vernichtet, einst gemalt hatte.
Das Gemälde von Basil Hallward stellt einen jungen Adonis wie aus Elfenbein und Rosenblättern, mit kohlschwarzem Haar und blauen Augen dar: den Dorian Gray im Alter von 19 oder 20 Jahren. Basil ist ein bescheidener Maler, ein Künstler, der sein Werk gar nicht herzeigen will, da es ihm so gut gelungen ist. Hallward hat auch ein bisschen von sich selbst hineingemalt, gesteht er sich in aller Bescheidenheit ein, deswegen wurde es wohl so treffend: „Jedes Porträt, das man beseelt malt, ist kein Porträt des Modells, sondern des Künstlers.“ Basil will seinem Freund Lord Henry gar nicht verraten, wie der schön abgebildete junge Mann, sein Modell, heißt, denn er befürchtet, dieser könnte ihn ihm wegnehmen. Viel schlimmer noch: ihn verderben, ihm die Unschuld rauben, die mit Schönheit einhergeht. Aber genau das passiert wenige Seiten weiter.
Lord Henry ist es, der schlecht über die Frauen spricht, dem jungen Dorian Gray das Heiraten ausreden will und die Treue verschmäht. Er ist der schlechte Einfluss auf den jungen Mann, der später das Monster in ihm entfesseln wird. Er ist es auch, der ihm das „gelbe Buch“ borgt. Wahrscheinlich ist damit Joris-Karl Huysmans’ Roman À rebours (dt.: Gegen den Strich, 1884) gemeint, ein Schlüsselwerk des französischen Symbolismus und der Dekadenz, der sich auch Oscar Wilde verpflichtet fühlte. Als sich Dorian Gray in die unter seinem Stande stehende Schauspielerin Sibyl Vane verliebt und sie heiraten möchte, will Lord Henry ihm das ausreden. Aber Basil weiß, dass Dorian, sein Schützling, es dann erst recht tun wird.
Jugendkult und Dekadenz
Dass es in „Dorian Gray“ vor allem um die Jugend geht, ist kein Geheimnis. „Es gibt nur ein Ding, das zu besitzen sich lohnt: die Jugend“, so der nur zehn Jahre ältere Lord Henry. Und genau diese Jugend ist es auch, die er ihm, Dorian, neidet und zerstört. Denn sobald jemand seine Unschuld verliert, ist die Jugend unwiederbringlich verloren. „Die Seele mittels der Sinne und die Sinne mittels der Seele zu heilen“, lautet das Lebensmotto dieses Bonvivants, das zum Mantra des jungen – und noch beeinflussbaren – Dorian wird und sich auch an einigen Stellen des Romans als Credo wiederholt. Lord Henry will ihm die Seele verderben, während Basil, der Maler, eine durchwegs positivere Einstellung zum Leben hat: „Des Menschen eigene Seele und die Leidenschaften seiner Freunde – das waren die fesselnden Dinge des Lebens“, so Basil.
„Ich wähle meine Freunde nach ihrem guten Aussehen, meine Bekannten nach ihrem guten Charakter und meine Feinde nach ihrem Verstand“, protestiert Lord Henry gegen Basils Vorwurf. Eine Vielzahl weiterer literarischer Bonmots ist der Lektüre des Dorian Gray zu entnehmen, die zum Kultbuch ihrer Generation avancierte. 1891 erstmals erschienen, zeigt sie erstmals die fatalen Auswirkungen des Jugendkults einer Gesellschaft, die sich am Höhepunkt ihrer Zeit sieht, während sie bereits am Abgrund der Dekadenz steht. Gestalterisch ist die vorliegende Schmuckausgabe ein floraler Leckerbissen für das Auge, der in den schwarzen Kapiteln 12 und 13 gipfelt.
Ennui und taedium vitae
Denn das 12. und 13. Kapitel sind sowohl inhaltlich als auch grafisch die schwärzesten, gipfeln sie doch in einem Gottesmord. „Es war am neunten November, am Vorabend seines achtunddreißigsten Geburtstags, wie er sich nachher oft erinnerte“, beginnt das 13. Kapitel. „Ich hoffe, es handelt sich nicht um mich. Ich habe heute Abend keine Lust auf mich. Ich wünschte, ich wäre ein anderer“, sagt Dorian beim Besuch seines alten Freundes Basil noch, bevor das Unheilvolle geschieht. In einer Opiumhöhle begegnet Dorian dann James Vane, dem Bruder von Sibyl – ein weiteres Vorzeichen einer grausamen Entwicklung, die ihren Anfang mit dem Gemälde des jungen Dorian nahm.
Aber wie kann Dorian Gray den Fluch besiegen? Wie sich aus der Umklammerung seines Schicksals befreien? Zehn aufwendig gestaltete Extras, die sich zwischen den Buchseiten verstecken, geben Aufschluss über die Welt des Romans und lassen die Geschichte durch weitere Anekdoten noch lebendiger werden. Denn wie sagte schon Lord Henry: „Schönheit steht höher als das Genie, da sie keiner Erklärung bedarf.“ Ein faszinierender Roman voller Geheimnisse, die sich erst nach und nach entschlüsseln. So wie die Blumen der Illustrationen sich langsam entfalten und über den Buchseiten verteilt neu erblühen, so kann man sich auch die Jugend vorstellen. Aber jedes Alter hat ohnehin seine eigene Schönheit.
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