Finger im Afro – und andere Verwicklungen
Ein köstlich kurzweiliger und amüsanter Roman mit dem Titel Peluquería y letras erschien 2022 bei Anagrama in Barcelona und liegt nun erstmals auf Deutsch bei Wagenbach vor. Der Wahl-Barcelonés stammt aus Guadalajara/Mexiko und ist mit einer Brasilianerin verheiratet. Mit ihren beiden Kindern leben sie seit 2003 in der Hauptstadt der Katalanen, aber mehr darf der Schriftsteller nicht über sich verraten, sonst schimpft ihn sein Sohn.
Federleichte „Fingerübung“
Der „Halbwüchsige“, wie er seinen Sohn nennt, ist nämlich sehr streng und will nicht erkannt werden. Aber sein Vater, Juan Pablo, hat sich der autofiktionalen Lektüre verschrieben, einer Literatur der Vorstellungskraft, nicht der Erfahrungen, wie er selbst schreibt. Seine Kurzgeschichte beginnt – wie der spanische Originaltitel andeutet – in einem Frisiersalon. Dort will sich der Ahnungslose eigentlich nur die Haare schneiden lassen, denn nach seiner Darmspiegelung braucht er etwas Auffrischung. Aber es geschieht ein Unglück: Die bretonische Friseurin schneidet sich einen Finger ab, der in seinem Afro landet. Die Verwicklungen, die daraufhin beginnen, sind so flott und rasant geschrieben, dass man gefesselt auf die Auflösung zustrebt. Spannend, lustig und voller Ironie nimmt sich der Protagonist, ein Schriftsteller, selbst auf den Arm. Aber auch seine Umgebung bekommt ihr Fett ab. Gott sei Dank hat er aber seine Familie, die zu ihm hält – sogar sein kritischer, halbwüchsiger Sohn.
Literatur zum Schmunzeln
Die einzig wirkliche Liebe zur Literatur sei im Grunde diejenige, die sich den Wunsch zu schreiben bewahrte, ohne ihn zu verwirklichen. „Vielleicht bestand der wahre Beweis für die Liebe zur Literatur in der Weigerung zu schreiben, in der Entscheidung, lieber für immer in die Literatur verliebt zu sein, statt Schriftsteller zu werden“, legt Villalobos seinem Protagonisten süffisant in den Mund oder auf die Lippen. Ein allzu aufdringlicher Fan, der kein einziges Werk von ihm gelesen hat, will nämlich einen Literaturkurs bei ihm belegen, und dabei tappt er in eine weitere Falle. Der Leser erfährt viel über das schriftstellerische Handwerk und wie schwer es ist, eine Schreibblockade zu überwinden. Und wenn man dann noch die Verwandtschaft oder die Nachbarn fürs Schreiben ausbeutet, hat man bald keine Gesprächspartner mehr. Voller Ironie kommt er zur Conclusio, dass der Triumph des Kapitalismus selbst beim Schreiben Einzug hält: „die Empörung zu instrumentalisieren und sie in Konsumprodukte zu verwandeln, die das schlechte Gewissen der Leser beruhigen“.
Juan Pablo Villalobos hat bereits mehrere international ausgezeichnete und vielfach übersetzte Romane und Reportagen geschrieben. Auf Deutsch erschienen unter anderem Fiesta in der Räuberhöhle (2011) und Ich hatte einen Traum (2018).
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