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Alexandre Labruffe: Cold Case Ein Koreaner in Kanada

18. April 2026
von Juergen Weber

Einen „Cold Case" versucht der Erzähler in dieser amüsanten Geschichte aufzuklären. Der Onkel seiner Partnerin, ein Einwanderer aus Südkorea, fror auf der Flucht aus einer psychiatrischen Klinik in Toronto im Eis ein. Der „Frozen Case" schmilzt durch seine Recherchen alsbald zum „Cold Case". Ein interkultureller Roman voller Witz und Charme.

Ka-na-da: El cabo de nada – das Kap des Nichts

Minkyung macht sich, leicht widerstrebend, mit ihm auf die Suche nach Kim Sang-young. Aber natürlich gibt es in ihrer Familie ebenso viele Tabus wie in jeder anderen. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe und witzige Sprachhürden machen den Zugang zur koreanischen Realität und Geschichte zwar nicht unbedingt leichter, dafür aber umso unterhaltsamer. „Das Messer ist meine Feder. Die Wunde euer Schweigen. Der Schmerz: ein starkes Schmerzmittel", schreibt Labruffe über seine vorerst nur mäßig erfolgreichen Nachforschungen, bis er sich selbst fragt, warum er sich eigentlich zum „Archäologen der Erinnerung" einer ihm fremden Familie macht. Aber das Thema Wahnsinn, also warum der Onkel in einer Klinik landete, zieht ihn irgendwie an. „Sie leben ihr Exil im eigenen Land", denkt er sich über die Psychiatrieinsassen: „Zombies, Spinner, Bekloppte, territorial Verdrängte" – und jeder für sich ein König oder eine Königin, möchte man hinzufügen. Aber auch der Vater von Minkyung, Sang-hyo, zeigte Anzeichen des Wahnsinns. Er sprach mit sich selbst und hatte eine Zwangsstörung, Augiasstall-Syndrom wie seine Tochter es nannte: er sammelte Abfälle und putzte die Bürgersteige. Ein Schlafwandler im „Land der Schwermut". Als „Zainichi" musste der Großvater in Mandschuko, der von Japan unterworfenen Mandschurei in China, als versklavte Arbeitskraft dienen. Seine drei Söhne schickte er deswegen nach Kanada, das „cabo de nada, das Kap des Nichts zu bevölkern".

Das Han der Koreaner

„Wahnsinn ist das Wissen um die Zukunft", schreibt Labruffe, aber nach den Behandlungen in der Psychiatrie war ihn zu lieben „wie die Leere zu umarmen". Eine „typisch koreanische Emotion" sei das sog. „Han", halb Wehmut, halb Schwermut, erklärt der Autor den Lesenden, „zwischen Trostlosigkeit und Verzweiflung", eine undurchdringliche Schicht der Macht der Vergangenheit. „In der Psychiatrie beweinte er seine abgewürgte Leidenschaft und drehte seine Filme fortan im Kopf", soweit der Vater. Und der Onkel? Sprachliche Bilder und Wortspielereien beherrscht Labruffe ebenso wie das lyrische Fach, das seine Erzählung immer wieder kurz unterbricht. Sie träume davon, „ihr Karma zu kärchern", wirft der Erzähler seiner Freundin vor. Dass man sich die Vergangenheit nicht vom Hals schaffen kann, indem man alle remains verbrennt, wie es Minkyungs Mutter gemacht hat, beweist die Rückkehr des Verdrängten als Geister, die die Familie immer noch im Griff halten. Das „Konglomerat der Kollapse", aus dem die „Epiphanie" emporsteige wie eine Aurora, sei das eigentliche Wesentliche, aber der Weg dorthin ist steinig und voller guter Intentionen, die erst ins Purgatorium und danach erst entweder ins Inferno oder das Paradies führen. Aber will Minkyung das wirklich alles wissen? Oder bevorzugt sie ihr Han?

Ein detektivischer, interkultureller Liebesroman voller Feuerwerke! Vom selben Autor ist bei Wagenbach auch erschienen: Erkenntnisse eines Tankwarts. Übersetzt von Cornelius Wüllenkemper.

Alle Rezensionen von Juergen Weber

Buchcover von Cold Case
Alexandre Labruffe, Frank Sievers (Übersetzung)
Cold Case
Originalsprache: Französisch
192 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-80313385-4
Wagenbach 2026