Schlingensief und der Krebs
Er war und ist ein Rebell. Ein Aufrüttler. Ein Provokateur. Unermüdlich, unruhig, ungestüm und unangepasst legt er seinen Finger auf unzählige Wunden der Gesellschaft - vielfach mittels künstlerischer Methoden, die nicht Jedermann nachvollziehen oder verstehen kann. Vielen bleibt unvergessen, wie Schlingensiefs Karriere als Theaterregisseur in den 1990er Jahren mit dem Stück "100 Jahre CDU - Spiel ohne Grenzen" an der Volksbühne Berlin begann, wie er 1997 bei seiner Kunstaktion "Mein Filz, mein Fett, mein Hase" auf der documenta X in Kassel wegen eines Schildes mit der Aufschrift "Tötet Helmut Kohl" verhaftet wurde und wie der Aktionist 1998 von der satirischen APPD als Bundesminister für "Rückverdummung" für den Fall des nicht erwarteten Wahlsieges vorgesehen war.
Seit 2008 ist der mittlerweile wohl sehr berühmte Sohn der Ruhrgebietsstadt Oberhausen an Lungenkrebs erkrankt, obwohl er das Rauchen schon vor Jahren eingestellt hat. Einen Lungenflügel hat das Multitalent bereits verloren, der andere ist aktuell auch von Metastasen befallen. Damit umzugehen, den nahenden Tod in die hässlichen, unterschiedlichen Fratzen zu sehen, ist nicht einfach. Es ist kein plötzliches Sterben, wie es Unfall oder Herzinfarkt ermöglichen. Es ist kein Donnern und Vorbeisein. Krebs ist heimtückisch, Krebs ist langsam, Krebs ist niemals plötzlich besiegt. In unserer schnelllebigen Gesellschaft werden Kranke und Gesunde Menschen getrennt. Langsames Sterben wird sozusagen outgesourct; es findet statt in Krankenhäusern, Altenheimen oder hinter verschlossenen privaten Türen. Der 49jährige Künstler, aktuell im Mainstream der Kunst-Kultur-Szene der BRD angekommen und mit einer Professur für "Kunst in Aktion" an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig für die nächsten fünf Jahre belohnt, hat einen eigenen Weg gewählt, seinen Kampf gegen die Krankheit zu kämpfen, mit ihr umzugehen: Christof Schlingensief lässt sich nicht separieren. Er hat schnell und aktuell im KIWI-Verlag sein "Tagebuch einer Krebserkrankung" veröffentlicht. Diese Schrift soll keine "Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs" (S. 9) sein, sondern vielmehr die Aufzeichnung und Wiedergabe seiner Gedanken seiner schlimmsten Erlebnisse um die Erhaltung der eigenen Autonomie ermöglichen.
Das Buch ist mehr als ergreifend, es ist auf seine Art nicht nur etwas besonderes, es ist phänomenal. Nicht alleine wegen des als Leser begleitenden Schicksals des krebserkrankten Künstlers, nein, es existiert mehr, was einen in den Bann des Autors zieht. Da ist zum einen sein Wunsch, zu wissen, was er mit seinen multiplen Aktivitäten bei den Menschen bewirkt hat. Nicht seine Kunst als Kunst stellt er in den Mittepunkt der Gedanken, sondern den Menschen, den Rezipienten, der von ihm erreicht werden sollte: "Ich will keine abgehobene Künstlerfresse sein, die nur sich selbst aufführt" (S. 32). Zum anderen ist es der innere Dialog, den Schlingensief über die Existenz oder eben Nichtexistenz Gottes führt. Es ist die Verzweiflung, die eine solche Krankheit wohl zwangläufig mit sich bringt. Er habe, so der Künstler, den Draht zu Gott und Jesus verloren (S. 50). Und da ist noch diese be- und unterdrückende Angst, die Angst, was die Therapien bewirken, die Angst, was die neuen Untersuchungen für Ergebnisse bringen: "Eigentlich fühle ich mich wie der kleine Christoph vor einer Klassenarbeit, als ich schon wusste, dass es eigentlich nichts werden kann." (S. 251)
Schlingensief beschreibt in seinem Buch seinen ganz persönlichen Umgang mit der Krankheit, mit dem nahenden Tod. Es ist ergreifend und mit einer ungeheuren Lebendigkeit geschrieben, was in Bezug auf das Thema nicht unbedingt zu erwarten war. Wer mit diesem Hoffen, Bangen, Denken und Angsthaben umgehen kann, der sollte dieses flott geschriebene, etwa 250 Seiten umfassende Werk auf jeden Fall lesen - mit oder ohne eigener Erkrankung. Nicht zuletzt mit Blick auf die Energie und den Schaffensdrang, der fast durch jeden Satz herausleuchtet, kann man dem Autor nur herzlichst wünschen, dass sein Leben in nächster Zeit noch nicht ausgelebt sein wird.
Alles Gute, Christoph Schlingensief, und noch möglichst viele Projekte, die umgesetzt werden können!
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