Liebesgedicht an Emilie und an das Leben
Der Spaziergänger Zbinden erreicht, was nicht vielen Protagonisten und Büchern gelingt, nämlich, seine Leserschaft nachhaltig zu verändern. Und das, obwohl das Buch durchaus auch angreifbar ist und dem Lesenden einige Hindernisse in den Weg stellt. Diese werden Lukas Zbinden und Christoph Simon am Ende der Lektüre jedoch gern verziehen - die Geschichte ist schlicht zu (be-)rührend und lebensbejahend, als dass man den Herren Zbinden und Simon gewisse Längen übel nehmen könnte.
Der 87-jährige Lukas Zbinden lebt in einem Betagtenheim im Berner Elfenauquartier und ist ein leidenschaftlicher und überzeugter Spaziergänger. "Wissen Sie, was Spazieren heisst?", fragt Zbinden den neuen Zivildienstleistenden Kâzim, der ihn im Folgenden auf dem Gang durchs Heim und hinaus an die frische Luft begleiten wird. Antworten gibt Lukas Zbinden am liebsten und immer gleich selber: "Spazieren heisst Aneignung der Welt. Den Zufall preisen. Unheil durch Abwesenheit verhindern." Kâzim und die anderen Heimbewohner kommen nur selten direkt zur Sprache - monologisch erzählt Zbinden seine Lebensgeschichte, in erster Linie also die Liebe zu Emilie, seiner verstorbenen Ehefrau. "Ich denke so gern an dich, es gibt so viel zu erinnern. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der du nicht ein Teil von mir gewesen wärst. Und heute - ich suche dich nicht über den Wolken, ich suche dich nahe bei mir."
Worte, die der Schriftsteller Gerhard Meier an seine Frau Dora gerichtet haben könnte, stellvertretend für den Text "Als ob die Granatbäume blühen", in dem sich Gerhard Meier an seine verstorbene Frau erinnert. Es gibt verschiedene Parallelen zwischen Zbinden und dem 2008 verstorbenen Schriftsteller, den Christoph Simon wenige Jahre vor dessen Tod zu einem Gespräch getroffen hat. Insbesondere die Beziehungsdreiecke Meier - Dora - Simon und Zbinden - Emilie - Kâzim stechen hervor, auch die Tatsache, dass Gerhard und Dora Meier leidenschaftliche Spaziergänger gewesen sind - "Dorli und ich lernten uns auf dem Weissenstein kennen, als Wanderer, bei Sonnenaufgang" - stimmt mit der Romanvorlage überein.
Christoph Simon schildert voller Witz, melancholischem Ernst und liebevoller Ironie. Viele Szenen sind zum Schmunzeln, so beispielsweise Zbindens Eingestehen zahlreicher Schwächen, mit denen zu leben es Emilie jedoch stets gelungen sei: "Sie verzieh mir, dass ich die Salatschüssel mit einer einzigen Cherry-Tomate in den Kühlschrank stellte, bloss damit ich sie noch nicht abzuwaschen brauchte." Es gelingt Simon beindruckend gut, eine Atmosphäre aufzubauen und glaubhaft aus der Sicht eines älteren Menschen zu erzählen. Der Protagonist Zbinden, der mit seinem Worten und Spaziergängen gegen die Dumpfheit der Menschen ankämpfen will, ist selber alles andere als dumpf, sondern äusserst geistreich und aufgeschlossen. So lesen sich denn auch seine zahlreichen Fragen an den um mehrere Generationen jüngeren Kâzim und die Beschreibungen der anderen Heimbewohner. Leider - und da liegt eindeutig der Schwachpunkt des Romans - setzt durch die immer gleiche Erzählform eine gewisse Monotonie ein, welche besonders den Mittelteil schwerfällig und wenig lesefreundlich gestaltet. Kurz bevor die weitere Lektüre zur Anstrengung und Herausforderung wird, verändert sich die Erzählweise und Zbinden beginnt mit weniger Unterbrüchen vom späteren Eheleben und dem Tod Emilies zu berichten. Dieser Wechsel zum fortlaufenden Erzählen tut der Geschichte unheimlich gut und steuert sie einem sehr berührenden Ende entgegen.
Das Buch Spaziergänger Zbinden, wofür der 38jährige Christoph Simon mit 2010 mit dem Berner Literaturpreis ausgezeichnet worden ist, beeindruckt insofern, als die Weltansichten und Bekenntnisse des Protagonisten nachwirken, Augen und Seele öffnen für die kleinen und grossen Dinge im Leben. Lukas Zbinden begleitet und lebt in Gedanken auch nach der Lektüre gern als "seliger Lukas" weiter.
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