Gesellschaft

Anders und doch so gleich

Um die Katze gleich vorweg aus dem Sack zu lassen: "Familienbande" ist ein bezauberndes Buch! Wunderbar erfrischend und unverkrampft porträtiert die DRS2-Redaktorin und Moderatorin Christina Caprez gemeinsam mit der Fotografin Judith Schönenberger fünfzehn Familien, die - etwas abseits vom herkömmlichen Familienmodell, welches zunehmend aus der Mode gerät, beziehungsweise zu einem Modell unter vielen geworden ist - ihr Familienleben leben. Die Familienporträts und Gespräche mit und unter den Betroffenen regen dazu an, die eigenen Vorstellungen von Familie zu reflektieren: Viele der Geschichten stimmen nachdenklich, berühren, machen betroffen und glücklich. Vermutlich sind es genau diese (Familien-)Bande, welche die Welt im innersten zusammen halten (oder auseinanderbrechen lassen).

Politische Debatten, die der Aktualität in der Regel einen Schritt hinterherhinken, werden beim Porträtieren glücklicherweise keine geführt. Die drei Experteninterviews mit einem Historiker, einer Juristin und einer Psychologin polarisieren nicht, sondern zeigen auf, was war und was sein könnte. Das "ob" wird beiseite gelassen, das "wie" ist wichtig und die Familien rücken ins Zentrum, wobei schnell klar wird, dass Probleme, Freude und Ängste in allen Familien(formen) auftauchen und sich in ihrem Wesen nicht bedeutend voneinander unterscheiden. "Wie andere Eltern", so schreibt Christina Caprez im Vorwort, "erleben auch die Porträtierten einen Cocktail aus Glücksgefühlen und Unsicherheit, wenn sie ihr Neugeborenes zum ersten Mal in den Armen halten. Mütter - und Väter - leiden am Babyblues, wenn das erste Jahr mit dem süssen Kleinen nervenaufreibend ist (...). Sie sind erstaunt, wie unterschiedlich sich ihre Kinder in ein und derselben Familie entwickeln. Sie möchten ihren Söhnen und Töchtern die Freiheit lassen, sich ganz individuell zu entfalten, und sind doch enttäuscht, wenn deren Berufswahl nicht den eigenen Vorstellungen entspricht."

Nicht nur die Eltern und Betreuungspersonen kommen zu Wort, sondern - und das ist es doch, was wirklich interessiert - auch die Kinder (die in der politischen Diskussion selten genug eine tragende Stimme erhalten) reden darüber, wie es sich anfühlt, wie es ist, in einer Familie aufzuwachsen, die heutzutage (noch) nicht ganz der Norm entspricht. Dass dabei Sätze fallen wie "Ich habe so viel Liebe in mir, da kann manches kommen im Leben" (Stephanie, Tochter einer Lesbe und eines Schwulen) zeigt, dass "die meisten Kinder ihre Familie als die normalste der Welt betrachten, weil sie die ihnen vertraute, die eigene ist."

Natalia hat zwei Väter, nennt sie Papi und Daddy; der elfjährige Jonas hat sechs Brüder, vier davon sind Pflegekinder, immer ist jemand zum Fußballspielen da; der kleine Simon hat zwei Väter und zwei Mütter, den Papa, den Papi, die Mama und die Mama Paulina; Simon zwei Geschwister mit einer Bauchmama aus Äthiopien und Salome, 23jährig und der 18jährige Dimitri, die erst mit zwei Müttern und dann mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen sind, erinnern sich, dass sie in ihrer Kindheit immer darum bemüht waren, der Außenwelt zu zeigen, dass sie trotzdem gut herauskommen würden. Beweis dafür, dass es nichts zu beweisen und kein "trotzdem" gibt (und geben sollte), liefern die fünfzehn Familienbanden ausreichend, was sie allenfalls von anderen, herkömmlichen Familien und Familienmitglieder unterscheiden mag, ist, dass sie sich in ihrer Vergangenheit intensiv mit dem Thema Familie auseinandergesetzt haben, was in ihren Wünschen, Erwartungen und Erfahrungen reflektiert zum Ausdruck kommt. Eine Auseinandersetzung, die man sich für jegliche Art und Form von Familie und Zusammenleben wünscht - eine Auseinandersetzung, die Bänder und Bindungen stärker werden lässt.

Familienbande
Christina Caprez

Familienbande


15 Porträts
Limmatverlag 2012
279 Seiten, broschiert
EAN 978-3857916724
Fotografien von Judith Schönenberger

Der Umgang mit kranken und behinderten Kindern in der Frühen Neuzeit

Iris Ritzmann untersucht den Umgang der Gesellschaft mit kranken und behinderten Kindern in der Frühen Neuzeit.

Lesen

Soziale Kompetenz ist kein Zufallsprodukt

Wie entwickelt sich soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen? Kann die soziale Kompetenz mit Interventions- und Präventionsprogrammen verbessert werden? Dies sind die Hauptfragen, mit denen sich der vorliegende Sammelband auseinandersetzt. Wichtige Lektüre nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Lehrpersonen, Eltern und Politiker.

Lesen

Lebst Du noch oder wohnst Du schon

Kaushals reich bebilderter Ratgeber enthält zahlreiche Einrichtungsideen für Familien mit Kindern. Unbedingt allen Familien zu empfehlen, die die Balance zwischen kindlichem Freiraum und erwachsenem Rückzugsraum noch nicht gefunden haben.

Lesen

Zwischen Laisser-faire und Ohrfeige

Disziplin hat den unangenehmen Beigeschmack des Zwangs. Der Autor zeigt aber, dass Lehrerinnen und Lehrer Disziplin konstruktiv und gewinnbringend einsetzen können.

Lesen

Schulpädagogische Theorien (für die Examensvorbereitung)

Die "Bibel" der Schulpädagogik für das erziehungswissenschaftliche Studium oder der Kritik an ihr.

Lesen

Kinder und Eltern sind besser als ihr Ruf

Wie ist es, heutzutage Kind zu sein? Welche Herausforderungen müssen Eltern, Jugendliche und Kinder in unserer Zeit meistern? Dass es weniger Grund zur Besorgnis gibt als man angesichts der allgegenwärtigen Klagen annehmen könnte, zeigt Martin Dornes in seiner umfassenden, lesenswerten Analyse.

Lesen
Der Geschmack von Laub und Erde
Mafia-Leben
Das Café der Existenzialisten
Dialog mit meinem Gärtner
The Pervert’s Guide to Ideology
On the Road / Über die Straße
Die Anatomie der Melancholie
Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger
1968
1968
Geschichte ist machbar
Is this the end?
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018