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Theo Sommer: China First

Konturen einer rätselhaften Nation – Politische Überlegungen zu China

Vor 40 Jahren veröffentlichte Theo Sommer sein erstes großes Buch – genannt "Die chinesische Karte" – über die fernöstliche Großmacht. Der renommierte Journalist hatte den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt auf seiner Reise nach China begleitet. Sommer interessiert sich immer noch sehr für China. Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" legt nun, unter dem pointierten Titel "China First", eine kritische Reflexion über China in der Welt von heute vor und stellt, ähnlich wie seinerzeit, Wahrnehmungen, Mutmaßungen und Prognosen hierzu an.

Europa sei prägend im 19. Jahrhundert gewesen. Die USA dominierten die Weltpolitik im 20. Jahrhundert. Für das 21. Jahrhundert wurde, vor zwanzig Jahren, die Führungsrolle ganz Asien zugedacht. Theo Sommer zweifelt daran: "Irrtum: Es wird das chinesische Jahrhundert." Wer auf eine demokratische Entwicklung des Landes gehofft habe, der müsse endgültig zugestehen, sich getäuscht zu haben. Der Wohlstand nehme zu, der "Ruf nach Demokratie" bleibe ein Einzelphänomen. Die Chinesen kümmerten sich nicht um die Partei, die "neureiche Wirtschaftselite" gehöre ihr an und finde dort auch Gehör. Und die Intellektuellen? Sommer denkt, dass die Gebildeten damit beschäftigt seien, dem "Sozialismus chinesischer Prägung eine intellektuelle Fundierung zu geben". Sie hörten auf die Machthaber. Xi Jinping betreibe zwar einen "Personenkult", sei aber ein "rationaler, kaltblütiger, auf Ruhe und Ordnung bedachter Herrscher", zudem kontrollbewusst und akribisch. Voller Bedenken schreibt Sommer: "Während sich Europa zerfasert, geplagt von Brexit-Ängsten, EU-Skepsis und Nationalpopulismus, verfolgt Chinas roter Kaiser mit seiner konfuzianischen Einheitspartei einen auf Jahrzehnte angelegten Plan, der sich neu herausbildenden Weltordnung ein chinesisches Gepräge zu geben." Nun fragt sich aber der gedankenvolle Europäer, ob sich überhaupt eine Weltordnung gegenwärtig entwickelt und ob China dann die Gunst der globalen Unübersichtlichkeit ausnutze, um als große Ordnungsmacht aufzutreten. Vom Konfuzianismus wird auch gesprochen. Auch darüber hätte der Leser so gern mehr gewusst.

Anschaulich indessen schildert Sommer seine Begegnung mit Mao Zedong und Deng Xiaoping. An Helmut Schmidt erinnert er oft, der mitunter von seinen Zeitgenossen als vermeintlicher China-Versteher angesehen wurde. Es ist sicher richtig, dass – neben Henry Kissinger – kaum ein führender Politiker, in seiner aktiven Zeit und noch mehr im Anschluss daran, so sehr sich darum bemüht hat, die rätselhafte Großmacht China und ihre Kultur wirklich zu verstehen. Schmidt hat Vorurteile wie Vorbehalte in Europa wahr-, aber nicht ernst genommen. Der kritische Punkt bleibt, so Sommer, die Frage nach der Achtung der Menschenrechte. Davon berichtet der Autor einige Male. Ob die Menschenrechte zum "urchinesischen Unterfutter" gehören, darüber werde spekuliert. Auf solche vereinfachenden Zuschreibungen verzichtet der erfahrene Journalist. Er berichtet auch: "Noch im Zuge von Xi Jinpings Anti-Korruptions-Kampagne wurden massenhaft Beschuldigte nicht den ordentlichen Gerichten übergeben, sondern von Parteiinstanzen interniert, verhört und abgeurteilt." In China, das erkannte Helmut Schmidt, wurde das westliche Denken nicht verstanden. Sommer formuliert schärfer und plakativ, dass die Chinesen und ihr System bislang den "freien Geist des Westens nicht verkraften" können. China wird gewiss weder das Prinzip des föderalistischen Bundesstaates noch der freiheitlich-liberalen Demokratie übernehmen. Dem ökonomischen Fortschritt tut das anscheinend keinen Abbruch. Auf dem Weg zur "bargeldlosen Gesellschaft" seien die Chinesen den traditionalistischen Deutschen weit voraus. Heute seien in China zudem Wirtschaft und Politik stärker verbunden als früher. Die "oberste Pflicht" sei die "Liebe zum Vaterland". Wer sich als parteitreu erweise, dem werde ein "günstiges Marktumfeld" geschaffen.

Deng übte eine "Kultur der Zurückhaltung" aus, Sommer teilt die Beobachtung von Bundeskanzlerin Merkel, dass aus einer "Status-quo-Macht" eine "revisionistische, eine auftrumpfende, eine ausgreifende Macht geworden" sei: "Auch Xi will den Frieden, aber es ist ein Frieden, den China gestaltet und beherrscht." So stellt Sommer eine politische Analogie zu Trumps Amerika auf, darum heißt sein Buch offenbar "China First". Diesen bemerkenswerten Vergleich kann man anstellen, doch der äußerst unkonventionell anmutende US-Präsident, der – wie viele seiner Vorgänger auch – in Europa skeptisch bis negativ beurteilt wird, muss sich bald, im Gegensatz zu Xi Jinping, einer Wiederwahl stellen und wird sich mit einem Gegenkandidaten konfrontiert sehen. Sommer schreibt auch, dass es "hitzköpfige Hardliner" heute "in Peking ebenso wie in Washington" gebe – ganz sicher, sehr wahrscheinlich aber nicht weniger in Europa, Südamerika, Afrika und möglicherweise sogar in Australien. In China herrscht die Kommunistische Partei, die nach Sommers Meinung "nicht mehr kommunistisch" sei, aber umso "ausgeprägter chinesisch". Der Konfuzianismus solle "im Geist der neuen Zeit erneuert werden". Die "Demokratie chinesischer Prägung" sei eine "elektorale Autokratie", die sich auch "Diktatur" nennen lasse: "Es ist eine Diktatur, der die ihr Unterworfenen freudig zustimmen, solange sie den Stolz auf das Vaterland weckt und vor allem wachsenden Wohlstand verbürgt, letztlich die entscheidendste Legitimationsquelle des Regimes." Kritisch wäre zu erwägen, ob diese Deutung, die dem klassischen Begriffsarsenal der etablierten politischen Theorie geschuldet ist, so allgemein gefasst, überhaupt zutreffen kann.

Henry Kissinger, der "Vertreter eines leidenschaftslosen Umgangs mit China", empfehle, dass China und die USA "gemeinsame Interessen" entwickeln und behutsam kooperieren sollten. Nüchterne Gelassenheit, eine wichtige Tugend vielleicht, scheint auch bei der Einschätzung mit dem US-Präsidenten Trump und seiner Politik ratsam zu sein. Theo Sommer bezeichnet den "twitternden Baulöwen" als "historisch ungebildet, politisch unerfahren und ökonomisch relativ unbeleckt zu sein": "Er finassiert, stellt die Fakten auf den Kopf und lügt, dass sich die Balken biegen, aber zugleich ist er auf hartnäckige Weise konsequent. … Wohl lässt er zeitweilig Flexibilität und Kooperationsbereitschaft erkennen, aber die Phasen der Einsichtsfähigkeit dauern nie sehr lang, dann ist er – schwupps – wieder bei seinen alten Glaubenssätzen." Zugegebenermaßen scheint die Administration in den USA zuweilen staunende Irritationen auszulösen, zugleich aber erinnert die menschliche Vernunft daran, sich auf den beiderseitigen Nutzen einer gelingenden Zusammenarbeit zu besinnen. Der passende Zeitpunkt für ein abschließendes Urteil über die Präsidentschaft von Donald Trump ist gewiss noch nicht gekommen. Vielleicht könnte auch hier ein Zuwachs an Gelassenheit durchaus auch ein Zeichen für europäische Souveränität sein, machtpolitisch gedacht sogar nützlich.

Theo Sommer bescheinigt nach kleineren Exkursen zur US-amerikanischen Politik China "ökonomischen Imperialismus". Er charakterisiert China summarisch: "Der starke Staat, der starke Mann – sie waren stets die Garanten von Stabilität und Ordnung. Ordnung aber heißt in China Einordnung, Unterordnung des Individuums in das große Ganze. Diese Einsichten, erwachsen aus der bitteren Erfahrung einer fünftausend Jahre alten Zivilisation, sind ein Teil der chinesischen DNA. Sie werden sich nicht ändern." Über den Nutzen von Metaphern lässt sich lange disputieren, insbesondere die gegenwärtig auf allen Ebenen – vom Sport über die Kirche bis in die Politik – virulente Begriffsfigur "DNA" scheint nur bedingt tauglich zu sein, um eine komplexe Weltmacht wie China hinreichend und pointiert zu beschreiben. Wichtig an Sommers Buch bleibt, dass er, zuweilen durchaus drastisch und markant im Ton, auf seine ganz eigene Weise daran erinnert, dass wir immer mehr lernen müssen, einander zu verstehen, um auch im politischen Bereich Möglichkeiten einer sachgerechten Kooperation zu finden. Vielleicht könnte es ja manchmal schon genügen, einander nicht Schaden zuzufügen und ohne Utopien, aber in Frieden miteinander zu leben? Theo Sommer leistet in jedem Fall mit seinen Beobachtungen, Einschätzungen und Analysen einen wichtigen Beitrag zur politischen Diskussion in der Gegenwart. Das Buch lädt zu kontroversen Debatten förmlich ein.


von Thorsten Paprotny - 25. Mai 2019
China First
Theo Sommer

China First


Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert
Beck 2019
480 Seiten, gebunden
EAN 978-3406734830

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