Zum Inhalt springen
rezensionen.ch

Burgen im Wandel Warum uns Burgen noch heute faszinieren

14. Mai 2026
von Thorsten Paprotny

Phantasien verbinden sich mit Burgen und Schlössern, in kindlichen Träumen werden sie zu verwunschenen Orten. Ruinen laden später romantische Gemüter ein, am Beispiel der umrankten, überwachsenen Gemäuer ihre eigene Geschichte zu imaginieren und den baulichen Verfall entrückt zu verklären. In diesem üppig bebilderten, kenntnisreich erarbeiteten Band werden Burgen vorgestellt, unter beiläufiger Würdigung aller Zuschreibungen, vor allem aber mit Blick auf ihre Baugeschichte und die Einbettung der Bauten in wechselnden Zeitläuften.

Thüringen beherbergt, so Thomas Bienert, „herausragende Bauten", darunter besonders die geschichtsträchtige Wartburg. Die Burgen sind architektonische Zeugnisse der Hochkultur, die im Mittelalter auch der Sicherung von Herrschaftsgebieten dienten. Als „multifunktionaler Bau" besaß die Burg auch einen „Symbolgehalt", als repräsentatives Bauwerk, das den Zweck der Wehrhaftigkeit erfüllte. Der „Palas" gehöre zur Burg, beschreibe das „gesamte Hauptwohn- und Repräsentationsgebäude", aber nicht jeder Wohnbau sei schon ein Palas. Der Autor beklagt hier die begrifflichen Unschärfen. Die Bauten selbst sind wechselnd aufwendig gestaltet. Bedeutend, ja unverzichtbar waren die Burgkapellen, „eigenständige Gebäude" jedoch fanden sich in „hochherrschaftlichen Burganlagen": „Räume, mitunter vielleicht auch nur kleine Nischen, für Gebets-, Andachts- oder andere gottesdienstliche Handlungen waren für jede mittelalterliche Burganlage von Bedeutung."

Ulrich Großmann stellt den Wandel der Burgen vor, verweist darauf, dass die Bergfriede oft erhalten blieben und weit über das Mittelalter hinaus als „verteidigungsfähige Wohnbauten der Herrschaft" genutzt wurden, teilweise bis ins 18. Jahrhundert hinein. Die Bergfriede wurden auch als „Aussichtstürme" weiter genutzt. Doch in der Zeit der Aufklärung verfielen die Bauwerke allmählich, es setzte die eingangs erwähnte „Burgenromantik und Landschaftsbegeisterung" ein. Man könnte sagen, dass der Geist der Romantik die historische Bausubstanz variantenreich umdeutete. Der „Wehraspekt" ging, wie auch Heiko Laß darlegt, zunehmend verloren. Der Autor zeigt die Vielfalt dessen, was mit dem Begriff der Burg verbunden wird. Sie galt als Wohnsitz des Adels, vor allem als „militärischer Stützpunkt". Vorübergehend wurden sie aufgesucht zur Jagd, dienten der Staatsverwaltung oder waren von wirtschaftlicher Bedeutung. Es gab Residenz-, Jagd- und Lustschlösser. Laß schreibt: „Burgen hatten als traditionsreiche Architektur für Hochadel und Adel eine legitimierende Funktion und wurden daher nicht zwingend durch Neubauten ersetzt, die keine Geschichte hatten. Denn Alter und Herkommen hatten für den Adel ebenso wie seine eigene Abstammung einen hohen Wert. Die herausgehobene Stellung des Adels war ja überwiegend in seiner Herkunft begründet." Einsam gelegene Burgen wurden in der Frühen Neuzeit öfter aufgegeben. Mancherorts folgte eine museale Nutzung.

Doris Fischer erinnert an die „romantische Begeisterungsfähigkeit" des ab 1840 regierenden preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Sein Vetter Prinz Friedrich hatte sich bereits 1815 am Rhein „leidenschaftlich für diese romantisch aufgeladene Landschaft begeistert". Er erwarb die Vatusburg bei Trechtingshausen, die später in Rheinstein umbenannt wurde. Der Hausherr erschien bei seinen „Aufenthalten realitätsentrückt in mittelalterlichen Gewändern". Kronprinz Friedrich Wilhelm erhielt 1823 von der Stadt Koblenz die Ruine Stolzenfels geschenkt und plante den „Ausbau als Ritterburg". Fischer schreibt: „Ein zwei Jahre später entstandener Plan des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel sah bereits den weiteren Ausbau des Kernbaus mit innerem Torbau, Wohnturm und Palas vor. Die übrigen Bauteile, vor allem auch Bergfried, Adjutantenturm und Ringmauer wurden in ihrem malerisch zugewachsenen Ruinenzustand belassen." Friedrich Wilhelm hatte „ganz in romantischem Geist das Bild einer steinsichtigen Burg vor Augen", konnte aber nicht alle Bauvorhaben umsetzen. Die Autorin schreibt nüchtern: „Stolzenfels ist Höhepunkt und Ende zugleich, konnte doch mit einem solchen Geschichtsbild und Herrschaftsverständnis den vielfachen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen nicht begegnet werden."

Wie die Geschichte und das Geschichtsbild die Burgen prägen, zeigt Grit Jacobs in ihrem Beitrag zur Wartburg, die eine „unverwechselbare Silhouette" besitzt, deren beeindruckende Bauten aber im 19. Jahrhundert entstanden sind. Dazu gehört auch die „Elisabethgalerie", in der die „prägendsten Momente im Leben der Heiligen" dargestellt sind. Die „Vollbringerin der sieben Werke der Barmherzigkeit" erscheint in einem kunstvollen, betörenden Glanz. So ließe sich sagen, dass die Burgen nicht nur geschichtsträchtige Orte sind, sondern dass den Bauten sehr viel später auch Geschichtsdeutungen zuwachsen können, die dann wiederum die historischen Begebenheiten in einem neuen Licht erscheinen lassen, mit anderen Akzenten. Wer Burgen besichtigt, besichtigt also nicht allein ein historisches Bauwerk, sondern auch die späteren Interpretationen, die sich etwa in der künstlerischen Gestaltung zeigen können.

In diesem Sinne auch schreibt Barbara Schock-Werner präzise: „Nahezu keine Burg dient heute noch dem Zweck, für den sie errichtet wurde als befestigter Wohnsitz eines adligen Grundherrn. Dennoch scheint das Interesse an diesen Anlagen nahezu ungebrochen." Mit dieser treffenden Aussage drückt die Wissenschaftlerin aus, was auf den ersten Blick verwunderlich erscheint: Die Geschichte ist über die Burgen hinweggegangen, aber noch immer schreiben die Burgen Geschichte. Besucher aus aller Welt bezeugen dies, die Deutschlands Burgen, ob am Rhein oder in Thüringen, sich anschauen möchten. Die Faszinationskraft der mittelalterlichen Bauwerke ist ungebrochen – und wesentlich dazu beigetragen hat das 19. Jahrhundert. Wer dieses Buch aufmerksam liest, lernt viel über die Geschichte der Burgen und ihren Wandel in der Zeit. Die Beiträge der Autoren und ihre neuen Perspektiven auf Deutschlands Burgen, die in diesem herausragenden Band gesammelt sind, sind ausgesprochen lesenswert.

Alle Rezensionen von Thorsten Paprotny

Buchcover von Burgen im Wandel
Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (Hrsg.)
Burgen im Wandel
Gestalt und Funktion wehrhafter Architektur
256 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-79549035-5