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Überleben unter Haien - Wie der SC Freiburg im rauen Fußballkapitalismus besteht

Scheißvereine gibt es jede Menge. Bayern München beispielsweise: Der Klub mit einem resozialisierten Kriminellen (eigentlich löblich, leider ist der Typ so unsymbadisch!) als Präsidenten und westfälischem Anticharismatiker als Vorsitzendem kauft der Konkurrenz Spieler weg, um sie anschließend auf der Ersatzbank schmoren oder, noch schlimmer, auf der Tribüne Schimmel ansetzen zu lassen.

Oder Real Madrid: Der erfolgreichste Klub der Welt verschaffte sich durch den grotesk überteuerten Verkauf seines Trainingsgeländes an die Stadt einen Wettbewerbvorteil, der ihm anschließend sehr teure Spielereinkäufe ermöglichte und sechs Championsleaguetriumphe einbrachte. Rivale Barcelona schleimte sich zunächst in der internationalen Fanwelt als Gratiswerbeträger für Unicef ein, um hinterher werbemäßig abzusahnen und es dann auf dem Transfermarkt so richtig krachen zu lassen; allein vor der aktuellen Saison kauften die Katalanen für 255 Millionen Euro ein (beim SC Freiburg waren es im gleichen Zeitraum 20 Millionen, für die Badener immerhin eine Rekordsumme in ihrer Vereinsgeschichte).

Die englische Profiliga ist Tummelplatz russischer, asiatischer und US-amerikanischer Geldhaie, die ihre daheim gesparten Steuern in die Premier League investieren und es jedem der dortigen 20 Klubs erlauben, über einen höheren Etat zu verfügen als der Bundesligakrösus FC Bayern. Und der italienische Rekordmeister Juventus Turin entblödete sich nicht, einige seiner insgesamt 35 Scudetti durch Bestechung zu erkaufen, woraufhin sich, nachdem der Betrug publik wurde, ein Manager aus dem Fenster stürzte. Ob dies aus Sühne, Verzweiflung oder Gram geschah, ist nicht bekannt; überliefert ist nur, dass er überlebte.

Das Überleben trotz ungünstigster Voraussetzungen scheint auch die herausragende Eigenschaft des südbadischen Vorzeigeklubs. Um zu erfahren, wie der SC Freiburg das macht, hilft die Lektüre von Bundesliga Anders Autor Christoph Ruf, ein Insider, der im letzten Jahrzehnt laut eigener Aussage wenig mehr als eine Handvoll Heimspiele verpasst hat, vermittelt Einblicke, die dem normalen Betrachter sich gewöhnlich nicht eröffnen. Das hat weniger damit zu tun, dass hier Geheimniskrämerei betrieben würde, noch diese Erkenntnisse völlig neu wären. Nein, es liegt daran, dass in einer Branche, die vom Verkauf von Illusionen lebt, in einer sehr begrenzten Nische gesunder Menschenverstand herrscht.

Andere Vereine, bei denen es sich nicht so verhält, blicken daher entsprechend sehnsuchtsvoll nach Freiburg. Oder vielmehr: Sie tun so. Auch das ist ein Verdienst des Autors, die Heuchelei offenzulegen. Kaputte Klubs wie der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart, die sich über Jahre und trotz bester Voraussetzungen – wohlhabende Großstädte, finanzstarke Investoren, potente Werbeträger, engagierte Fans bei Zuschauerschnitten von weit über 50’000 – heruntergewirtschaftet und in die zweite Liga heruntergespielt haben, loben die südbadische unprätentiöse Rechtschaffenheit in höchsten Tönen. In Wirklichkeit freuen sich die Machthabenden dort aber klammheimlich, nicht in einem solchen Biotop angesiedelt zu sein, da sie ihre wahren Interessen wie Egopflege und Wahrnehmung persönlicher Vorteile im raubfischwimmelnden Meer des Kapitalismus viel besser bedienen können.

Dabei ist längst nicht alles Idylle im strukturschwachen Breisgau. Auch die Schattenseiten bringt Rufs Buch ans Licht. Alles in allem überwiegen beim SC Freiburg jedoch die Vorteile, und das will im einem chronisch defizitären, steuerzahleralimentierten Großkonzern Bundesliga schon was heißen. Mehr noch: Das System Freiburg funktioniert; so gut sogar, dass selbst ein Abstieg in Liga zwei es nicht zu zerstören vermochte und künftig wohl auch nicht zerstören wird.

Freiburg sei "ein Märchen", schwärmte einmal in gewohnter Hybris der oben erwähnte Bayernpräsident. Eine Verdrehung der Tatsachen: Der SC ist ein Klub für Realisten, nicht für Träumer, durch und durch reell in einer um ihn herum existierenden Märchenwelt; oder, um beim Bild zu bleiben: ein südliches Atoll, für Betrachter mitunter paradiesisch anmutend, während seine Bewohner eher die Mühen des Alltags plagen und sie obendrein sämtliche Kräfte bündeln müssen, um ihr von Überflutung bedrohtes Zuhause nicht der umgebenden See mit den darin lauernden Haien preisgeben zu müssen.


von Ralf Höller - 24. Oktober 2019
Bundesliga anders
Christoph Ruf

Bundesliga anders


Der SC Freiburg und die Ära Streich
Verlag Die Werkstatt 2019
200 Seiten, gebunden
EAN 978-3730704189

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