Bryan Talbot: Grandville

Ein englischer Dachs in Paris

Napoleon der XII ist an der Macht und die Sozialistische Republik Britannia ein kleiner, unbedeutender Staat, der mit dem großmächtigen Empire Frankreich über die Kanalbrücke verbunden ist. Detective Inspector LeBrock und sein Assistent Roderick Ratzi sollen den vermeintlichen Selbstmord an einem Diplomaten aufklären und stellen durch effiziente Analyse schon auf den ersten Blick fest: es muss Mord gewesen sein. Detective Inspector LeBrock, ein Gewichte stemmender, muskulöser Dachs, der stets eine kugelsichere Weste trägt, macht sich auf die Suche nach den Mördern und die Spur führt in höchste Regierungskreise. Dabei deckt er auch eine terroristische Verschwörung auf und verliebt sich in eine wunderbare Dächsin, die in dem nicht zu kurz kommenden Kugelhagel des Showdowns dieses spannenden Comicthrillers leider umkommt, aber ansonsten würde es ja auch keine Fortsetzung geben, sondern bald viele kleine Dachse.

"Retro-Utopie voller Blut und Liebreiz"

Die "fantastische Nostalgie" Grandville führt in ein Paris der Jahrhundertwende, in dem viele Tiere die Stadt bevölkern und eine Gruppe gegen die andere kämpft. Der "höchste Ritter", Napoleon, ist natürlich ein Löwe, und genauso ein Schuft wie seine Minister. Der "Bürgerkönig" wird anders als in der Historie aber nicht gestürzt, sondern fällt am Ende seiner eigenen Gemeinheit zum Opfer. Das ganze Abenteuer passiert natürlich vor dem Eindruck von 911, denn auch in Grandville wird ein Turm, der "Tour Robida", durch Terroristen zerstört, aber die wahren Terroristen sind leider nicht die Entführer des Luftschiffes Zeppelin, sondern ehrenvolle Vertreter aus höchsten Regierungskreisen. Diese haben den Anschlag eingefädelt, um ihn politisch instrumentalisieren zu können und daraus persönliches Kapital für eine zu verwirklichende Diktatur schlagen zu können. Die Allegorie zur Regierung George Bush ist allzu augenscheinlich, aber so rasant und sympathisch umgesetzt, dass etwaige Zweifel über die vorhersehbare Handlung alsbald zerstreut werden. Die lustigen Prügeleien mit Echsen, Füchsen und Alligatoren, die blutigen Quentin Tarantino Punches, die Det. LeBrock den Verbrechern verpasst, ist überzeugend genug, einen an die Fortsetzung dieser Serie glauben zu lassen. Eine "Retro-Utopie voller Blut und Liebreiz" steht nicht umsonst im deutschen Untertitel auf dem im Jugendstil designten Cover des ersten Falles von Inspektor LeBrock von Scotland Yard. Ein Namen, den man sich alsbald wird merken müssen, denn man darf durchaus gespannt sein, was der neue Held, der jetzt ja wieder solo ist, noch so alles erleben und aufklären wird.

Das Steampunk Genre und seine Vorbilder

Ever heard of Steampunk? Im Nachwort von Christian Enders wird der neue Genrebegriff auf die Vorbilder Jules Verne und H.G. Wells zurückgeführt, da sie - so wie die erst im 21. Jahrhundert entstandene Comickategorie - schon im 19./20. Jahrhundert futuristische und technologische Entwicklungen vorwegnahmen und diese mit industriellem Fortschritt und dem viktorianischen Charme der Vergangenheit vermengten. Keith Laumer, Ronald W. Clark, Harry Harrison und Michael Moorcock hätten in den 60ern und 70ern das Steampunk-Genre in Romanen weitergeführt, bis K.W. Jetter den Begriff Ende der 70er als neue Literatur-Kategorie ins Spiel brachte. Aber auch Terry Gilliams "Brazil" konnte als Vorbild gedient haben, wie Enders anmerkt. Ob es sich um ein Etikett mit rein englischsprachigen Vertretern handelt, oder nicht, auch Bryan Talbot zeigt jedenfalls, dass der Einfluss eines gewissen Sir Arthur Conan Doyle auch bei seiner Geschichte nicht zu verhehlen ist, auch wenn Britannien bei ihm zu einer sozialistischen Satellitenrepublik des (vor)revolutionären Frankreichs verkommen ist. Bryan Talbot, dem lesenden Publikum u.a. bekannt durch "Sandman" und "Heart of Empire", verneigt sich mit dieser Steampunk-Serie (Fortsetzung folgt) vor Meistern wie J.J. Grandville, Albert Robida, Sir Arthur Conan Doyle und Quentin Tarantino.

Grandville
Grandville
104 Seiten, gebunden
EAN 978-3941239876

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