Patti Smiths Memoiren
„Il me semble que je serais toujours bien là – où je ne suis pas“, lautet ein Zitat des auch von Patti Smith u. a. verehrten Poeten Charles Baudelaire. „Bread of Angels. Die Geschichte meines Lebens“ liest sich wie der Roman einer Roma, einer Vagabundin, die durch die Welt streift, auf der Suche nach ihrer Herkunft.
Vagabondia eines „Querbuckels“
Am Morgen ihres siebzigsten (!) Geburtstags erfährt Patti Smith durch einen Zufall von ihrem wirklichen Vater. Nachdem sie schon ihren Ehemann, ihren Bruder, ihre Mutter und ihren Vater an die Ewigkeit verloren hatte, stellt sich durch einen Gentest mit ihrer Schwester Linda heraus, dass sie zwar dieselbe Mutter, allerdings einen anderen Vater hatten. Dieser leibliche Vater ist natürlich längst tot, und so hat sie ungewollt die heimliche Vergangenheit ihrer Mutter aufgedeckt. So schweift die Rockmusikerin, die eigentlich immer Schriftstellerin werden wollte, weiter durch die schönsten Länder dieser Welt, entdeckt in Italien den Ort, von dem sie immer träumte: Triest, „meine Stadt der Traurigkeit“. „Ich bin, was man Terrasse aus Seufzern nennt“, schreibt sie, „die Lücke im Bordstein, kratziges Unkraut, klebriges Harz, milchiger Saft, Süßklee und der Stich einer Hornisse, den man als Segen verstehen kann“.
Aber sie spricht auch vom Loslassen, einer der schwersten Aufgaben im Leben: die Talismane fortgeben, einen nach dem anderen. Und immer wieder spricht sie ihren „Querbuckel“ an, ihren „rebel hump“, wie es klarer im englischen Original heißt – einerseits ein Segen, andererseits ein Fluch. „Vagabondia“ heißt auch das letzte Kapitel ihres neuen Buches. „Ein plötzlicher Lichtstrahl, der die Schwingungen eines bestimmten Augenblickes in sich birgt … (…) Die unbefleckte Erinnerung an unerwartete freundliche Gesten. Sie sind das Brot der Engel“, so die Erklärung des Buchtitels aus Pattis Feder. Ihr Aufstieg zum Rockstar in NYC und ihr abrupter Ausstieg ins Privatleben mit ihrem Ehemann Fred (MC5) nach Detroit gehören ebenso zu den Themen ihres neuen Buches wie ihre erste Begegnung mit Bob Dylan oder anderen Hipstern der Sechziger und Siebziger.
Der Garten der frühen Kindheit
Mit „Just Kids“ (2010) hatte sie den literarischen Himmel erstmals nicht mehr nur als Musikerin, Poetin und Lyrikerin, sondern auch als Schriftstellerin gestürmt. Es folgte „M Train“ und viele andere Titel, die auf Deutsch ebenfalls beim Kiwi-Verlag erschienen sind. Aber „Bread of Angels“ ist anders: Es erzählt von ihrer Kindheit, den ersten Tagen in Chicago und Philadelphia, als die Familie Smith arm war und ihr Vater zur Nachtschicht musste. In den ersten vier Jahren ihres Lebens zog die Familie elfmal um. Die kleine Patti war stets kränklich, hatte Tuberkulose und Scharlach, und es gab noch Pferdefuhrwerke, Eishändler, Lumpensammler und einen Leierkastenmann mit einem Affen.
Als Kind wünschte sie sich ein Spinett, das für die Wohnung mit den drei Kindern viel zu groß gewesen wäre. „Ich durchlebte eine Proust’sche Kindheit, in der sich Quarantäne und Genesung ständig abwechselten“, schreibt sie. Aber schon früh hatte sie „eine Ahnung“, dass ihr Leben anders verlaufen würde, schon als sie die Pennys im Vorgarten eines verfallenen Hauses in die Luft warf. Als sie wegen der Influenza H2N2 im Fieberwahn im Sterben lag, nahm ihre Mutter Kontakt zu ihr auf, indem sie ihr Puccinis Madama Butterfly auf den Bauch legte. Sie hatte es aus dem letzten Ersparten gekauft und gehofft, ihrer Tochter damit einen Grund zum Überleben zu liefern. Und es half! Patti genas und eroberte die Welt mit ihren Worten, ihrer Musik und ihrer unglaublich sympathischen Art, die Dinge zu sehen. Natürlich liegt viel Melancholie zwischen den Zeilen, und an manchen Stellen bekommt man sogar Gänsehaut – so tief gehen ihre Worte hinein –, aber hey: „Irgendwann müssen wir handeln und einen Prozess in Gang setzen, der uns näher an die offene Wunde drängt“.
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