Leon Engler: Botanik des Wahnsinns

Der Abfallhaufen einer Familie

„Lieber verrückt als einer von Euch", stand auf der Tasse, die ihm seine Stationsleitung zum Abschied schenkte. Leon hat ein Jahr auf der Baumgartner Höhe hinter sich, der psychiatrischen Klinik in Wien. Als Psychiater wohlgemerkt. Aber es hätte auch anders kommen können.

Das berauschende Debüt des geborenen Münchners, der schon zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten veröffentlichte, wurde auch schon 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Botanik des Wahnsinns erschien 2025 und erzählt die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers Leon, der wie der Autor in Wien, Paris und Berlin lebt und sich in einem Storage-Lager den Erinnerungsstücken, dem Mülllager seiner Familie, widmet. Alles, was davon übrig ist, befindet sich in ein paar Pappkartonschachteln, und nun will Leon sie aussortieren. Genauso wie seine Erinnerungen: „Auf die eine oder andere Weise sind wir alle Erfinder unserer Vergangenheit", webt Engler geschickt ein Siri-Hustvedt-Zitat in seinen Text ein. Es werden noch andere Zitate kommen, auch von anderen Autoren, auch von Ingeborg Bachmann, die dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, denn Engler ist ein wahrer Sprachkünstler, der mit feiner Feder nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern diese auch auf ein hohes literarisches Niveau anhebt. Aber nicht wegen den Zitaten, sondern wegen seiner alles durchdringenden Sprache, die so intensiv wie ein Rausch von seinen tippenden Fingerspitzen in den Äther geschleudert wird. Ebenso süchtig wie seine Klienten auf der Therapiestation in Wien Hietzing klebt man an seinen Worten und will mehr und mehr. Denn dieses literarische Debüt ist eine wirkliche Offenbarung. Es geht um nichts weniger als um alles: die Familie, die Liebe, das Leben. Die Botanik des Wahnsinns eben.

Wahnsinn Familie: Botanik des Grauens

Das beginnt etwa bei ganz einfachen Bildern, wenn er beim Kellner – „Unfreundlichkeit ist seine Würde" – im Caféhaus etwas bestellt, oder sein Vater „mit einer Geduld, die sich nur leisten kann, wer an Wiedergeburt glaubt" sich seinen Haferfrühstücksbrei zubereitet. In seinem Nachwort bedankt er sich nicht nur bei seinen Freunden, sondern auch bei seinen Nachbarn oder Unbekannten im Kaffeehaus, denen er zuhören durfte. Allein diese ironische Spitze zeigt die große Begabung eines Autoren, der sein Pulver hoffentlich noch lange nicht verschossen hat. Denn in seinem Debüt steckt eigentlich schon alles, was ein Leben ausmacht. Ausgehend von der Bedeutung der Maske in der griechischen Tragödie zeigt er, wie Leon gelernt hat, nicht nur seiner Mutter, der begnadeten Schauspielerin, sondern auch sich selbst die Maske abzureißen. „Der Schrecken, einem Fremden, wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein", befällt ihn, als er sich im Spiegel betrachtet und seinen Vater darin erkennt. Sein Vater, „der dem Gewicht immer noch etwas draufschlug", ist wohl so etwas wie depressiv, seine Mutter eher zyklothymisch. Was für seine Klienten gilt, gilt auch für seine Eltern: Der Zustand ihrer Sprache gleicht dem Zustand ihres Innenlebens. Verrückte sind einfach Menschen, die von Anfang an nicht willkommen waren auf dieser Welt und sich darum eine eigene schufen, erklärt ihm die Leitende Psychologin, die ihm am Ende auch die Tasse schenkt. „Fürchten wir uns vor ihnen? Oder vor der Ansteckung?" Dass wir anderen, wir vermeintlich Normalen, ebenso in einem Wahnsinn leben, wusste schon Foucault, schreibt Engler: ein Wahnsinn der Autorität, der Kategorisierung und der Herrschaft.

12 Arten der Melancholie

„Es scheint, als ob sie auch die Welt in die Luft jagen wollen. Doch weil sie das nicht können, verlagert sich der Kampf ins Innere. In den Augen der Funke einer ewig brennenden Zündschnur", schreibt Leon über die Süchtigen auf seiner Station. Denn die Vorstellung eines glücklichen, symptomfreien Lebens ist eine Illusion. Das Symptom verbinde uns mit unserem verborgenen und verdrängten Kern, deswegen: Liebe dein Symptom. Aber wie sein Vater, der depressive Alkoholiker, bewegen wir uns alle allzu oft in einem Freizeitpark: der Simulation eines besseren Lebens. Traurigkeit ist dabei einfach nur ein Schild gegen den Wahnsinn, manchmal der letzte. Sucht ein Destillat einer unstillbaren Sehnsucht. Der Rausch der Gegensatz von Angst. Die Ausrede zur Gewohnheit. Königsdisziplin: Selbsttäuschung. Doch die Depression ist die Todesart der Unentschiedenen. Wer nicht mehr erzählt, verschwindet. Die größte Angst aber: zu denen dazuzugehören, denen es die Sprache verschlagen hat. Manchmal hilft es, die Geschichte zu erzählen. Der Weg aus der Sprachlosigkeit ist ihm mehr als gelungen. Er hat sich durch die Botanik des Wahnsinns (s)einer Familie gekämpft und ein Verzeichnis angelegt, wie einst Carl von Linné von den Pflanzen. Leon Engler hat (s)einer Familie eine bombastische Erzählung gegeben. Chapeau, Hut ab!

Botanik des Wahnsinns
Botanik des Wahnsinns
208 Seiten, gebunden
Dumont 2025
EAN 978-3755800538

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