Chance vergeigt
Ich höre gern Rockmusik. Fast ebenso gern lese ich über Lieder, die ich mag. So gesehen schien Book of Songs, Untertitel: "Die Playlist für jede Lebenslage" die richtige Wahl.
Musik, über die es etwas zu sagen oder schreiben gibt, findet sich jede Menge. Die Auswahl einzugrenzen, selbst auf ein halbes Tausend Stücke, ist da schon schwieriger. Eine mögliche Lösung ist der Ansatz von Autor Colm Boyd und seinem Team: Die Songs werden in 70 Kapitel unterteilt: über Essen, über Drogen, über Rauchen, über Städte, über Länder, über Farben, über Tiere; Protestsongs und Spoken Word-Songs; Tracks von weniger als zwei und mehr als sieben Minuten Länge; schließlich auch abwegige Themen wie indisch inspirierte Songs, Versionen mit Falsettpartien oder auch Exemplare, die in Romanen von Haruki Murakami vorkommen. Da freut man sich doch schon auf die Lektüre, oder? Leider hält sie nicht, was sie verspricht.
Zugegeben, dieser Vorwurf ist nicht ganz gerecht: "Grundsätzlich haben wir uns daran gehalten, Lieder auszuwählen", heißt es einleitend, "die in irgendeiner Form als 'Klassiker' gelten." Als Beispiel führt Boyd "Born to be Wild" von Steppenwolf an, dem niemand "den Legendenstatus absprechen würde." Mag sein. Doch wer immer Dennis Hoppers geniale Außenseiterhommage Easy Rider auf das Klischee reduzieren wollte, hat den Film nicht verstanden. Daran ist "Born to be Wild" schuld – oder vielmehr sind es die Idioten, die bei ihrer gutgemeinten Reverenz jeden Ausschnitt mit genau jener Musik unterlegen. Über dieses Stück muss ich nichts mehr lesen! Wenn Steppenwolf, dann bitte "The Pusher" oder "Magic Carpet Ride"; diese Lieder sind erratischer, noch nicht erschöpfend behandelt und würden Lesern, die vermutlich über hinreichend Grundwissen verfügen – sonst hätten sie das Buch nicht gekauft – etwas Neues bieten.
Auch die Auswahl der Bands lässt zu wünschen übrig. Kein Lied der Who, nichts von den Grateful Dead, auch nichts von den Byrds, schon gar nicht von Cream oder The Band. Von den Rolling Stones nur zwei Songs, darunter "Angie". Es gibt bessere. Selbst bei dieser Nummer wird die Chance vergeigt, Originelles dazu zu schreiben: etwa wie die Stones der CDU offiziell untersagten, das Lied im Wahlkampf als Kanzlerkandidatinnenhymne zu verwenden, nachdem es sie bei Ansicht eines TV-Ausschnitts würgte und es sich ihnen hob, als Generalsekretär Volker Kauder, Inbegriff des deutschen Spießers, verzückt im Rhythmus sich wiegend vor Merkeldemut zerfloss.
Gern hätte ich, wenn schon Songs behandelt werden, "die eigentlich Kurzgeschichten sind", erfahren, was Procol Harum zu "Salty Dog" oder "Homburg" veranlasste. Statt dessen, gääähn, wird "A Whiter Shade of Pale" durchgekaut. Gern wäre ich, beim Drogenthema, auf James Taylors "Fire and Rain" gestoßen oder auf Jackson Brownes selbstironische "Cocaine"-Hymne. Boyd dagegen kapriziert sich auf den völlig humorlosen Eric Clapton, der es an Spießigkeit locker mit Volker Kauder aufnehmen kann, wenn er auch nicht ganz so scheiße aussieht. Und gerne, wirklich sehr gerne, wäre ich im so schön konzipierten Kapitel der indisch inspirierten Songs Cornershops "Brimful of Asha" begegnet – und musste doch mit M.I.A.s Discogeträller "Jimmy" Vorlieb nehmen.
Bin ich zu negativ? Immerhin widerstand Boyd der Versuchung, im Radio häufig gequälte, ursprünglich gar nicht so schlechte Songs wie "Satisfaction" aufzunehmen. Dafür gebührt ihm aufrichtiger Dank! Und auch die Tatsache, dass Don Mc Leans "American Pie", Joni Mitchells "Coyote" und Sam Cookes "A Change is Gonna Come" nicht nur Aufnahme fanden, sondern richtig gut erklärt werden, versöhnt mich ein wenig. Aber jetzt muss ich aufhören, bevor ich es übertreibe mit dem Lob.
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