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Monika Maron: Bonnie Propeller

Ein Hund fürs Leben – Monika Marons neue Erzählung ist ein tierisches Vergnügen

Nur wenige Wochen nach dem in vielen Medien dramatisch aufgenommenen und vielfach kommentierten Verlagswechsel veröffentlicht Monika Maron ein zweites erzählerisches Werk im Jahr 2020. Auf "Artur Lanz", im Sommer noch bei S. Fischer publiziert, folgt im Spätherbst die Geschichte einer echt sympathischen Heldin, die liebevoll porträtiert wird. Ihr außergewöhnlicher Name gibt dieser Erzählung den Titel: Bonnie Propeller. Momo starb kurz vor Weihnachten 2019 – im hohen Alter von fast fünfzehn Jahren. Die Schriftstellerin erzählt von ihrer Trauer und ihrer Suche nach einem Weggefährten für Spaziergänge und ruhige Abende, für die Augenblicke, in dem die Autorin einfach jemanden braucht, "mit dem ich reden kann".

Monika Maron erinnert sich an Momo. Ihn habe sie geliebt als den "einzigartigen, ganz besonderen Hund, der er war". Aber ein Hund ist niemals nur ein Hund, so wenig wie eine Katze bloß eine Katze oder ein Elefant nur ein Elefant ist – natürlich nicht. Momo war eine "Art Institution": "Und wenn der Vertreter einer Institution stirbt, der Papst oder ein Staatspräsident oder ein Parteivorsitzender, dann muss er auch sofort ersetzt werden, weil sonst ein ganzes Gefüge in Unordnung geraten kann. In diesem Fall war das Gefüge, das in Unordnung geraten konnte, mein eigenes Leben." Ämter sind ehrenwert und in jedem Fall Institutionen, aber ob ein Parteivorsitzender unverzichtbar ist – ebenso die Formationen, die wir Parteien zu nennen gewöhnt sind –, wäre behutsam zu erwägen, freilich nicht in dieser Hundegeschichte. Mensch und Hund stellen ein Bündnis dar, "mit dem einzigen Zweck, einander Freude und Beistand zu sein". Hundefreunde ohne Hund vereinsamen. Monika Maron wünscht sich einen Hund, kleiner als seine Vorgänger Momo und Bruno, nach Möglichkeit lieber eine freundliche Dame als ein Rüde. Die Hündin Propeller wird "liebenswürdig" genannt, sehr verträglich soll sie auch sein. Künftig lautet ihr Name aber Bonnie. Die gebürtige Ungarin soll in der Nähe von München übergeben werden, auf dem Parkplatz eines Lebensmitteldiscounters. Zweihundert Kilometer nach dem Reisebeginn hat der Transporter vom Balkan eine Panne. Monika Maron und ihr Sohn warten umsonst. Mit einem Hundetaxi schließlich gelangt wenig später ein "ganz kleines, graues Hundewesen" nach Berlin. Dieses "struppige Etwas" wird als Hund vorgestellt – "ein Hündchen, nicht viel größer als ein Dackel, das aber Propeller hieß und nun zu mir gehören sollte"? Immerhin besitzt der kleine Hund ein "sehr rührendes und hübsches Gesicht", findet "erschöpft" sodann in der Sofaecke "offenbar das Paradies". Bonnie war bei ihrer Ankunft "klein" – zehn Zentimeter kleiner als angekündigt –, hatte "keinen Hals", ebenso "krumme Hinterbeine" und "Höcker auf den Hüften". Monika Maron möchte Bonnie am liebsten ihrer "Freundin Y" überlassen, die aber nicht ganz überzeugt zu sein scheint: "Sie hat ein liebenswürdiges Wesen, bellt nicht, wenn ich aus der Wohnung gehe, zerstört nichts, geht ordentlich an der Leine, verträgt sich mit anderen Hunden, verhält sich still im Auto – ein perfekter Hund für Anfänger, sagte ich." Aber offenbar hatte sich Frau Y unter einem Hund etwas anderes vorgestellt.

Indessen – nicht überraschend – Hund und Mensch gewöhnen sich aneinander. Die friedfertige Bonnie verliert ihr Übergewicht, sie wächst auch noch etwas: "Ja, Bonnie war niedlich. Niedlich, rührend und ängstlich. Aber ich wollte einen richtigen Hund. Ich hatte mein Schicksal zwar angenommen, aber mit ihm versöhnt war ich nicht." Bonnie folgt leicht den Anweisungen. Monika Maron gesteht, sie sei pädagogisch unbegabt, auch "Konsultationen bei Hundetrainern" hätten nicht geholfen. Für Bonnie genügt dies aber. Das "Zusammenleben mit einem Hund" gelingt aufs Neue: "Wir brauchten nur Zeit, Bonnie und ich." Auch Bonnies Begabung, artistische Pirouetten zu drehen – bei Begegnungen mit anderen, höchst erstaunten Hunden –, verblüfft. Sie ist imstande, "ohne Dressur ein solches Kunststück" zu vollbringen. Über den "grandiosen Auftritt" sagt ein Freund: "Dafür müssten die Tänzer des Bolschoi-Theaters jahrelang trainieren." Bonnie besitzt also ein verborgenes Talent – und hört seither auf den Namen: Bonnie Propeller. Ein angenehmer Sommer in Mecklenburg-Vorpommern folgt, ehe – in der Großstadt Berlin – der Corona-Modus zurückkehrt: "Mir erging es ähnlich wie Bonnie. Ich wusste mit der maskierten, Hygienebedingungen unterworfenen Stadt wenig anzufangen und sehnte mich nach dem großen vorpommerschen Himmel." Auch diese Sehnsucht verbindet die Schriftstellerin und Bonnie Propeller abends auf dem Sofa, auf dem sich die beiden einfach zu Hause fühlen – natürlich ganz ohne Maske. Monika Maron schenkt uns eine kleine, sanft und humorvoll erzählte Geschichte über eine freundliche Gefährtin namens Bonnie Propeller. Dieses Buch wird allen Lesern – ob Hundeliebhaber oder nicht – viel Freude machen.


von Thorsten Paprotny - 31. Januar 2021
Bonnie Propeller
Monika Maron

Bonnie Propeller


Erzählung
Hoffmann und Campe 2020
64 Seiten, gebunden
EAN 978-3455011616