Gesellschaft

Die Geschichte von Bonnie und Clyde: Zehn Lektionen aus der dunklen Welt des Kapitalismus

Bonnie Parker, aus Dallas, Texas, war ein braves Mädchen: gut in der Schule, vernarrt in Bücher und der Liebling ihrer Mutter. Allerdings war sie auch der Liebling von Clyde Barrow. Der wuchs ebenfalls in Dallas auf, in noch ärmlicheren Verhältnissen, versuchte sich in verschiedensten Jobs und kam zu dem Schluss, es sei lukrativer, seine Energie in kriminelle statt in ehrliche Arbeit zu stecken. Barrow beging kleinere Diebstähle, die rasch größer wurden. Vor allem der Autoklau erschien ihm lohnenswert. Mit dem erbeuteten Geld machte er das, was auch Nichtkriminelle in seiner Situation tun würden: Er unterstützte die vielköpfige Familie, leistete sich schöne Sachen und imponierte der Freundin. Doch mit der Größe der Geschäfte, Lektion Nummer eins im Kapitalismus, stieg auch das Risiko. Statt Läden und Tankstellen überfiel Barrow kleine Bankfilialen und musste sich zur besseren Durchsetzung seiner Interessen immer häufiger einer Waffe bedienen. Bald sah sich die Polizei bemüßigt, einzuschreiten und den vom Dieb zum Räuber Gewordenen an der Ausübung seiner Tätigkeit zu hindern.

Barrow, als Nichtbandenmitglied dennoch nur ein kleiner Fisch im großen Raubtierbecken, landete im Gefängnis von Huntington. In Texas' härtester Strafanstalt, wo besonders schwere Jungs einsitzen, lernte Barrow rasch Lektion Nummer zwei: In einer Umgebung, wo der Schwächere weder durch Bürgerrrechte noch durch Bandenmitgliedschaft geschützt ist, wird er unweigerlich zum Opfer brutaler Aufseher und nicht minder sadistischer Mithäftlinge. Barrow blieben exakt zwei Möglichkeiten: im System mitzumachen und für den perversen Oberschurken, der ihn regelmäßig vergewaltigte, den Arsch hin- sowie gegenüber allen anderen die Schnauze geschlossen zu halten. Oder zu rebellieren. Barrow zog letzteres vor. Mit einer Eisenstange schlug er seinem Peiniger den Schädel just in dem Moment ein, als dieser sich ihm von hinten näherte. Ein ohnehin schon mit lebenslänglich bedachter Mitinsasse nahm die Schuld auf sich und Barrow die nächste sich bietende Gelegenheit zur Flucht aus Huntington wahr.

Es folgte Lektion Nummer drei: Wer seine ureigene Version von Freiheit ausleben will, muss diesen Weg mit einer gewissen Konsequenz und Rücksichtslosigkeit verfolgen. Von nun an war Barrow nur noch bewaffnet anzutreffen. Da er sich geschworen hatte, nie mehr ein Gefängnis von innen zu betreten, machte er von seinen Schusswaffen bedenkenlos Gebrauch. Schön für Barrow, dass auch Bonnie Parker seine Auffassung von einem Leben in Freiheit teilte und bei den zunehmenden und immer größer werdenden Banküberfällen nie mehr von seiner Seite wich. Zu zweit, Lektion Nummer vier, lassen sich die Härten des Lebens besser aushalten als allein, und die gegenseitige Bestätigung wie auch der gemeinsame Erfolg befreien einen von der lästigen Pflicht, das eigene Tun hinsichtlich sozialer Kompatibilität zu hinterfragen.

Wer sich Barrow und Parker in den Weg stellte, musste damit rechnen, sofort abgeknallt zu werden. Innert nur zwei Jahren widerfuhr fünfzehn Menschen dieses Schicksal. Die meisten von ihnen waren Staatsdiener, Polizisten also, und hier kommt Lektion fünf ins Spiel. Die USA der beginnenden 1930er Jahre waren Opfer ihres eigenen Wirtschafssystems geworden. Ein entfesselter Kapitalismus unter drei republikanischen Präsidenten hintereinander (Warren G. Harding, Calvin Coolidge, Herbert C. Hoover) hatte zunächst für einen beispiellosen Börsenboom und anschließend für einen nicht minder beispiellosen Crash gesorgt. 15 Millionen Arbeitslose waren das Resultat. Als einziges Gegenrezept wurde - ehe Franklin D. Roosevelt mit dem New Deal einen sozial erträglicheren Kurs einschlug - private Wohltätigkeit empfohlen. Das ist in etwa so, als würde man das Wohl eines ganzen Volkes den Ohovens dieser Welt überlassen. Barrow und Parker wiederum zogen aus der Verarmung weiter Bevölkerungsteile persönlichen Nutzen: Eine Bank auszurauben erschien den meisten Amerikanern als nicht gar zu verabscheuungswürdiges Verbrechen, und auch das Ausschalten eines Staatsdieners wurde in Zeiten, als der Staat ausgedient hatte, eher toleriert. Barrow und Parker bewegten sich im Heer der arbeits- und landlos Gewordenen ein wenig wie Fische im Wasser, nur dass die ideologische Unterfütterung ihrer Aktionen ihnen völlig schnuppe war. Es handelte sich nicht um Sozialrebellen, sondern um Kriminelle, nur dass diese sich der Sympathie einer immer größer werdenden und um alle Chancen im kapitalistischen Wettbewerb gebrachten Unterschicht gewiss sein durften.

Inzwischen hatte das Paar, noch draufgängerischer und entschlossener geworden, Lektion sechs gelernt: Investiere in dein Business und expandiere am Markt, dann fällt ein größeres Stück des Kuchens für dich selber ab. Barrow und Parker legten Wert auf exzellente Bewaffnung und Motorisierung. Großkalibrige Handfeuerwaffen und Sturmgewehre, deren Munition auch schon mal die Karosserie eines Streifenwagens durchschlagen, und schnelle Achtzylindermodelle von Ford, mit denen man die nach den Schießereien noch intakten Polizeiautos abhängen konnte, statteten sie mit dem notwendigen technologischen Vorsprung vor ihren Verfolgern aus. Dazu stockten sie Personal auf und gründeten eine Bande, um auch Herausforderungen wie größere Bankhäuser be- und ein komplettes Polizeieinsatzteam überwältigen zu können.

Einer Festnahme kamen Barrow und Parker zuvor, indem sie Lektion acht beherzigten: Uneingeschränkte Mobilität erweitert die Anzahl der Optionen, um jederzeit auf eventuelle Maßnahmen der Marktgegner reagieren zu können. Barrow und Parker legten nicht selten bis zu 1000 Meilen in einer Nacht zurück. So verlagerten sie ihren Geschäftsbereich in andere Bundesstaaten des mittleren und südlichen amerikanischen Westens, in denen mangelnde Ausrüstung der Polizei und eine noch schlechtere Koordination der sie verfolgenden Behörden eine effiziente Strafverfolgung erschwerte.

Zum Verhängnis wurde Barrow und Parker die Nichtbeachtung von Lektion neun. Eine rechtzeitige Verlegung der Aktivitäten ins Ausland, vielleicht nach Mexiko, hätte sie endgültig vor einem Zugriff des Gesetzes geschützt. Längst war der Druck der Öffentlichkeit auf das inzwischen eingeschaltete US-Bundeskriminalamt so stark gewachsen, dass unbedingt Fahndungserfolge hermussten - und sei es auf noch so fragwürdige Weise. Als weiterer Nachteil erwies sich für beide Gangster, dass sie zu sehr an ihren Familien hingen. Immer wieder verabredeten sie sich mit ihren Verwandten, selbst als ihnen die Polizei schon dicht auf den Fersen war. Der wohl rettende Schritt über die texanische Südgrenze kam wohl auch aus solcher Anhänglichkeit nicht infrage.

Bleibt Lektion zehn: Wenn du erkennst, dass deine Mission am Ende und es nur eine Frage von Tagen ist, bis du das Zeitliche segnest, dann sorge wenigstens für den Nachruhm - denn auch das Showbusiness ist Teil des Big Business. Barrow und Parker starben auf so pittoreske und die sie exekutierenden Schergen blamierende Weise, dass sie umgehend posthumen Heldenstatus erlangten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch ihre Familien profitierten von der Popularität, konnten sie doch die Habseligkeiten der Verstorbenen als Devotionalien verhökern. 167 Kugeln, aus dem Hinterhalt von sechs Polizisten (von denen keiner dem FBI angehörte) abgefeuert, bereiteten Barrow und Parker am 23. Mai 1934 ein spektakuläres Ende.

Wer die ganze Geschichte von Clyde Barrow und Bonnie Parker erfahren will, sollte sich unbedingt das Buch von Michaela Karl besorgen. Es ist die einzige Darstellung über das Gangsterpaar auf Deutsch. Obwohl flüssig geschrieben und einfühlsam erzählt, bleibt die Autorin nicht an der Oberfläche und ergreift auch nicht Partei. Aber sie weckt Verständnis und versäumt auch nicht, den Ursachen für einen derartigen kriminellen Werdegang auf den Grund zu gehen. Michaela Karl ist Politologin und weiß um die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Sie hält sich an die Fakten, die sie sorgfältig recherchiert hat, und vertraut zu Recht darauf, dass diese allein schon ein spannendes Lesevergnügen garantieren. Um so besser, dass es ihr darüber hinaus gelingt, anhand des Bonnie&Clyde"schen Mikrokosmos ein Stück amerikanischer Zwischenkriegsgeschichte unterhaltsam zu erklären - und, sämtliche beteiligten Gruppen an diesem persönlichen wie gesellschaftlichen Drama bedenkend, zu schildern, "was passieren kann, wenn Profitstreben den Menschen aus dem Mittelpunkt des Denkens und des Handelns verdrängt." Was ist schon ein Banküberfall, ließe sich mit Brecht hinzufügen, gegen die Gründung einer Bank, und wie wirkungsvoll ist aller Charity-Schmu zusammengenommen verglichen mit einem funktionierenden Sozialsystem?

"Ladies and Gentlemen, das ist ein Überfall!"
Michaela Karl

"Ladies and Gentlemen, das ist ein Überfall!"


Die Geschichte von Bonnie & Clyde
Residenz 2013
320 Seiten, gebunden
EAN 978-3701732821

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