Blue Velvet „Eine fremde, seltsame Welt"
„I discovered that if one looks a little closer at this beautiful world, there are always red ants underneath", soll David Lynch selbst in Anlehnung an die Anfangsszene seines Films Blue Velvet einmal gesagt haben. Die Aufblende zeigt noch die grellen Fassaden des idyllischen Vorstadtparadieses Lumberton, doch dann findet der junge Jeffrey Beaumont ein abgeschnittenes Ohr. Darunter: rote Ameisen.
40 Jahre Blue Velvet Revisited
Natürlich muss ein abgeschnittenes Ohr mit einem Verbrechen zu tun haben, und so trägt es Jeffrey (Kyle MacLachlan) zum zuständigen Polizeikommissar. Dessen Tochter Sandy (Laura Dern) macht ihn darauf aufmerksam, dass die Nachtclubsängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) etwas damit zu tun haben könnte. Und so wird aus dem fast noch jugendlichen Jeffrey ein kleiner Detektiv, der sich als Schädlingsbekämpfer in ihre Wohnung Eintritt verschafft, um mehr über das Ohr herausfinden zu können. Sandy ist ihm dabei behilflich, obwohl sie eigentlich einen Freund, den Footballspieler Mike, hat, der Jeffrey an einer Stelle des Films auch zur Rede stellt und ihn verprügeln will. Als Sandy allerdings herausfindet, dass Dorothy wohl doch mehr als nur mit Jeffrey gesprochen hat („He put his disease in me"), kann sie ihm nicht wirklich böse sein, denn sie war ja bis vor kurzem auch noch mit Mike zusammen.
„Eine fremde, seltsame Welt" – dieser Satz fällt gleich mehrmals in Blue Velvet, und nicht nur Jeffrey macht sich darüber Gedanken, warum es so viel Gewalt in dieser Welt gibt. Dorothy hat nämlich noch einen anderen „Besucher", der sich nächtens in ihre schäbige Wohnung schleicht: Frank Booth (Dennis Hopper), der lokale Drogenboss und Chef einer schrägen Truppe von Schlägern. Als Gangster hat er ihren Sohn und ihren Ehemann gekidnappt und erpresst Dorothy auf diese Weise sexuell. Dass Jeffrey die ganze Szene von einem Kleiderschrank aus beobachten muss, ist in die Filmgeschichte eingegangen. Denn vielmehr als skopophil oder voyeuristisch ist Jeffrey einfach nur jung und naiv und will ja eigentlich Sandy beeindrucken.
Ob es sich bei Blue Velvet um ein düsteres Coming-of-Age-Drama handelt oder einen Film Noir: die Deutungen sind vielseitig, und übereinstimmend vermerkten die Kritiker, dass es sich bei dem Film wohl um ein Meisterwerk handle. „It will be attacked, argued about and cherished for years to come", hieß es damals (1986) in einem Trailer zum Film schon. Und tatsächlich, auch runde 40 Jahre später, bleibt Blue Velvet immer noch ein vielbeachtetes Filmjuwel, das von Plaion sogar in einer Liebhaberausgabe mit drei verschiedenen Covers (Mediabook A, B und C) herausgegeben wurde. Neben 4K-UHD + Blu-ray des Films befindet sich auch eine extra Blu-ray mit vielen Extras in diesem Mediabook: Dokumentation Blue Velvet Revisited (2016), Dokumentation Mysteries of Love (2002), Trailers from Hell: Josh Olson über Blue Velvet, Deleted Scenes, Siskel & Ebert Review, Clips, TV-Spots, Radio Spots, Trailer Deutsch & Englisch, Bildergalerie mit seltenen Werbematerialien, Booklet, die extra für diese Spezialausgabe zum 40-jährigen Jubiläum zusammengestellt wurden.
Am Ende singen übrigens wieder die Rotkehlchen, und die surrealistische Welt der amerikanischen Vorstadt-Idylle, die in Wirklichkeit doch viel eher ein Albtraum ist, strahlt wieder in all ihren Farben. Kein Regisseur hat diese Spannung zwischen Fiktion und Realität, zwischen Traum und Wirklichkeit so düster und gleichzeitig klar akzentuiert wie David Lynch, der überraschenderweise letztes Jahr im Ennis House, einem Frank Lloyd Wright Betonbunker in der Nähe des Mulholland Drive, im Alter von 79 Jahren verstarb.
Alle Rezensionen von Juergen Weber