Blue Moon Lorenz Harts letzte Nacht
Fünf Tage nach der Premiere von A Connecticut Yankee starb Songwriter Lorenz Hart an einer Lungenentzündung. Genau hier nimmt Richard Linklater (vor allem bekannt durch seine Before-Trilogie) den Faden seiner Erzählung auf und schildert den vermutlich letzten Abend im Leben des Blue Moon-Texters Lorenz Hart.
Blue Moon: ein typischer Linklater?
Blue moon, / now I'm no longer alone / without a dream in my heart / without a love on my own (1934) erzählt die Geschichte eines einsamen Menschen, der sich beim Betrachten des Mondes etwas weniger einsam fühlt. Auch Lorenz Hart erkennt in dem gleichnamigen Film Blue Moon, dass er zwar einsam ist, aber nicht alleine. In seinem Monolog mit dem Barkeeper und einem Klavierspieler einer typischen American Bar schildert er seine letzten Erfolge und Misserfolge und schwärmt von einer Frau, in die er unsterblich verliebt ist. Margaret Qualley (The Substance) als Harts Schützling Elizabeth hat nur kurze Auftritte, die aber dafür umso intimer sind. Denn die 20-Jährige erzählt Hart von ihren ersten, frustrierenden sexuellen Erfahrungen mit Männern. Auch für den neugierigen Hart ist dies frustrierend, denn er ist in seinen "Protégé" unsterblich verliebt. Obwohl Hart aller Wahrscheinlichkeit nach homosexuell war, lässt Linklater dies außer Acht, obwohl es natürlich im Gespräch mit seinem Künstler-Partner, dem Komponisten Richard Rodgers, angedeutet wird. Aber dieser ist gewissermaßen das pure Gegenteil von Hart selbst: schön, groß, erfolgreich. Hart erkennt in seiner wohl letzten Nacht, dass ihn weder sein Humor noch sein Alkoholismus vor der drohenden Niederlage retten wird. Sowohl privat als auch beruflich.
Auf der Suche nach Liebe
"No one ever loved me like that." Richard Linklater drehte Blue Moon mit seinem Lieblingsschauspieler Ethan Hawke quasi in Echtzeit. Die letzten 100 Minuten in der Bar Sardi's am Abend des 31. März 1943 sind verbürgt. Das Kammerspiel, das hauptsächlich auf dem Monolog Harts und einigen Dialogen beruht, ist wie so oft bei Linklater eine Reflexion über die großen Begriffe, die das Leben lebenswert machen: Freundschaft, Kunst und Liebe. Wie schon in seiner Before-Trilogie rücken die Hauptdarsteller nahe zusammen und schaffen durch ihre Gespräche eine intime Atmosphäre. Besonders die Szene, in der er sich mit Elizabeth in die Garderobe des Premierentheaters einsperrt und sie ihm ihre ersten sexuellen Erfahrungen schildert, hat es an Dichte in sich. Gerne betont die Kamera auch seine Unbeholfenheit, die einerseits von seiner Kleinwüchsigkeit, andererseits von seinem Alkoholismus herrührt. Dafür ist er ein wahres Talent, was seine Scharfzüngigkeit angeht, denn er nimmt sich kein Blatt vor den Mund und wird manchmal sogar vulgär, ohne dabei jedoch jemals die Contenance zu verlieren.
Blue Moon ist eine ganz besondere und einzigartige kinematographische Erfahrung, für die man sich mehr als 100 Minuten Zeit nehmen sollte. Denn der Film führt an die Abgründe der menschlichen Existenz und erklärt ohne große Worte, was wirklich wichtig ist im Leben: "No one ever loved me like that."
Alle Rezensionen von Juergen Weber
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