Wahre Kriminalfälle als Grundlage
"Blau ist die Nacht" kann man als Doku-Krimi in Romanform bezeichnen, als literarische Umsetzung einer TV-Dokumentation mit eingefügten Spielszenen, und als Spezialität des Iren Eoin McNamee, der die Juristerei gelernt hat, aber als Schriftsteller lebt. In all seinen Romanen hat er die Mixtur Fakt/Fiktion aufgenommen.
In dem in deutscher Erstausgabe kürzlich erschienenen Roman "Blau ist die Nacht" widmet er sich einem Kriminalfall, der sich Ende der Vierzigerjahre zutrug. Eine ältere katholische Frau wurde überfallen und stirbt wenige Tage danach. Sie kann den Täter vor ihrem Tod noch benennen und es hat eigentlich auch keiner Zweifel an der Täterschaft des jungen Protestanten mit dem sanften Gesicht. Was also interessiert den Autor an dieser so einfach wirkenden Geschichte, was macht dieses Verbrechen erzählenswert?
Es ist die Symbolhaftigkeit der Geschichte, die für die gespaltene nordirische Gesellschaft steht, für die Konflikte, die über die Klassifizierung in Katholik und Protestant jegliches Moral- und Rechtsempfinden schwinden lassen. "Sie werden nicht zulassen, dass einer der ihren für so was verurteilt wird" ist eine der zentralen Aussagen.
Im Grunde wird diese Geschichte aber nur erzählt, um sich mit dem einige Jahre später geschehenen Mord an Patricia Curran, der Tochter des Richters im ersten Mordfall zu beschäftigen. Die ungelöste Frage ist die, ob die Morde zusammengehören. War der Prozeß um den ersten Mord der Auslöser für den zweiten? Oder liegen die Ursachen in der äußerst dysfunktionalen Familie Curran? Wieso gestand einer diesen zweiten Mord, obwohl ihm kaum jemand glaubt?
Die 272 Seiten sind kein Pageturner, das Buch will die Zeit des Lesers. Es wird nicht chronologisch erzählt, sondern in Zeitsprüngen vor und zurück. Es gibt kein Personal, das den Leser emotional mit auf die Lesereise nimmt, weder als Held noch als Antiheld. Auch die gesellschaftliche Spaltung wird eher angedeutet als beschrieben und direkt miterlebt. Dadurch fehlt dem Buch insgesamt eine gewisse Emotionalität, es strahlt wenig Atmosphäre aus, zieht den Leser nicht in einen Bann. Man kann allerdings auch dagegen halten, dass dieses vermeintliche Manko einfach nur zeigt, dass der Autor konsequent war und sich in der Beschreibung seinem Personal angepasst hat.
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