Kultur

Blaise Pascals Gedanken

Blaise Pascal gilt als einer der großen Denker der westlichen Geistesgeschichte. Er lebte im 17. Jahrhundert in Frankreich und beeindruckte schon mit 16 Jahren Mathematikerkreise mit einer grundlegenden Arbeit über die Berechnung von Kegelschnitten. Neben seinen mathematisch-theoretischen und physikalisch-experimentellen Arbeiten verfasste er, insbesondere in seinen letzten sechs Lebensjahren, Schriften mit religiös-theologischen und philosophischen Inhalten. Zu den wichtigsten zählen die 1657 von Pascal selbst veröffentlichten "18 Briefe aus der Provinz", in den er witzig und schafsinnig die opportunistische Theologie der Jesuiten attackiert und ihren weltlichen Machthunger entlarvt. Und die erst nach seinem Tod von Freunden zusammengestellten und 1670 herausgegebenen Fragmente "Verteidigungsrede für die christliche Religion" und sein letztes und wichtigstes Werk "Gedanken über die Religion und einige andere Themen".

Aufgrund der Biografie, die seine Schwester über Pascal geschrieben hat, ist sein Leben recht bekannt: Der junge Pascal, Sohn einer angesehenen Familie, wuchs im Kontakt mit namhaften Autoren, Physikern und Mathematikern auf. Vom Vater unterrichtet, entwickelte er sich zum mathematischen Wunderkind. Einerseits ein hervorragender Mathematiker, wies er andererseits anhand von Experimenten über den Luftdruck das Vorhandensein des luftleeren Raumes nach und war gleichzeitig tief religiös. Pascal hatte ein anziehendes Wesen mit auffallend tiefgründigem Geist und beunruhigend eigenwilligem und gelegentlich heftigem Charakter. Der unauffällig lebende, zurückhaltende und fromme junge Mann hatte allerdings eine sehr schlechte Gesundheit. Mit 18 Jahren befiel ihn eine Lähmung der unteren Gliedmaßen, verbunden mit unaufhörlichen Kopf- und Unterleibsschmerzen. Bis 1654 verkehrte er in mondänen, freigeistigen Kreisen, den sogenannten "Libertins". In unmittelbarer Anknüpfung an dieses skeptische und freigeistige Denken zog er sich 1654 ins Kloster um Port-Royal zurück und lebte dort in Askese und Armut. 1662 im Alter von gerade mal 39 Jahren starb er. Die nach seinem Tod aufgefundenen Haufen ungeordneter Papiere, die mit flüchtig hingeworfenen Notizen bedeckt waren, wurden 1670 unter dem Titel "Pensées de M. Pascal sur la réligion, et sur quelques autres sujets, qui ont eté trouvées apres sa mort parmi ses papiers"(Gedanken von Herrn Pascal über die Religion und einige andere Themen, die nach seinem Tod unter seinen Papieren gefunden wurden).

Die vorliegende Übersetzung von Pascals "Gedanken", herausgegeben und mit einer Einführung von Jean-Robert Armogathe, basiert auf der Ordnung von Louis Lafuma und ist ein Buch mit knapp 600 Seiten. Ungeachtet des Gelehrtenstreits, welches die von Pascal gedachte oder geplante Ordnung der einzelnen, nachträglich nummerierten Gedanken und Kapitel sei, ist dieses Buch weniger zum Durchlesen als vielmehr zum Durchstöbern oder Durchblättern geeignet. Zwar gibt es thematisch abgegrenzte Kapitel, wie "Eitelkeit", "Widersprüche", "Größe" etc., trotzdem sind die einzelnen Gedanken spontan und eigenwillig aufgereiht, ohne offensichtlich zusammenhängende Strukturierung. Manche Gedanken sind nur ein paar Sätze lang, andere ziehen sich über fünf bis zehn Seiten. Etwa zwei Drittel des Buches konzentrieren sich auf religiöse Themen (Katholizismus im Frankreich des 17. Jahrhunderts). Das restliche Drittel ist Gedanken zu weltlichen Themen wie Tod, Sein, Nichts, Unendlichkeit, Wahrheit, Denken , Mensch, Schweigen, Schwäche, Selbsterkenntnis usw. gewidmet. Das religiöse Engagement Pascals erklärt Armogathe mit dem schmerzgeplagten Genie eines Mathematikers und Physikers, der von theologischen Streitigkeiten mitgerissen wurde, deren Tragweite er nicht immer erfasste, und oft entschiedener in seiner Opposition als in seiner Argumentation war. Wenn man das Buch durchblättert, kann es sein, dass man auf Aussagen stößt, die einen überraschen, deren Formulierung einen begeistert oder deren klare Schlüssigkeit einen beeindruckt. Es kann aber auch sein, dass ein Gedanke einen erschreckt, dass man ihn möglicherweise auch ablehnt oder man gar nichts damit anfangen kann.

Als Beispiel ein paar Gedanken zum Thema Mensch (in Klammern die Nummer nach Lafuma):


  • Nichts ist dem Menschen so unerträglich, als wenn er sich in vollkommener Ruhe befindet, ohne Leidenschaften, ohne Beschäftigungen, ohne Zerstreuungen, ohne Betriebsamkeit. Dann fühlt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. (622)

  • Was die Tugend eines Menschen vermag, soll man nicht an seinen außergewöhnlichen Anstrengungen, sondern an seinem gewöhnlichen Leben messen. (724)

  • Nie tut man Böses so vollkommen und so freudig, als wenn man es im Einklang mit seinem Gewissen tut. (813)

  • Die Bewunderung verdirbt schon von Kindheit an alles. (63)

  • Wir sind so anmaßend, dass wir der ganzen Erde und selbst jenen Menschen bekannt sein möchten, die kommen werden, wenn wir nicht mehr sind. Und wir sind so eitel, dass die Wertschätzung von fünf oder sechs Personen aus unserer Umgebung uns erfreut und befriedigt. (120)

  • Die Menschen sind so unfehlbar Narren, dass es einer andersartigen Narrheit wegen närrisch sein hieße, wenn man kein Narr wäre. (412)

Oder zum Thema Tod:


  • Der Tod ist leichter zu ertragen, wenn man nicht an ihn denkt, als der Gedanke an den Tod, wenn man außer Gefahr ist. (138)

  • Wir eilen sorglos dem Abgrund entgegen, nachdem wir etwas vor uns aufgerichtet haben, was uns davon abhält, ihn zu sehen. (166)

  • Wenn ich die kurze Dauer meines Lebens betrachte, das von der vorhergehenden und der darauf folgenden Ewigkeit aufgesogen wird ... gerate ich in Schrecken. (68)

  • ...die Zerstreuungen aber unterhalten uns und lassen uns unmerklich dem Tod anheim fallen. (414)

  • Da die Menschen unfähig waren, Tod, Elend, Unwissenheit zu überwinden, sind sie, um glücklich zu sein, überein gekommen, nicht daran zu denken. (133, zitiert nach T. Berhard: Atem)

Die Einführung von Jean-Robert Armogathe zeugt von profunder Sachkenntnis und bietet eine Fülle historischer Information über Situation, Umstände aus der Zeit und über das Leben von Blaise Pascal.

Die Übersetzung von Ulrich Kunzmann ist außerordentlich sorgfältig und gewissenhaft. Zum Beispiel hat der Übersetzer auch nützliche erklärende Fußnoten angebracht. Allerdings stellt sich die Frage, ob nicht eine freiere Übersetzung mit dafür klangvollerer Sprache und vielleicht eine etwas weniger akademische aber dafür konsumfreundlichere Aufmachung sinnvoll gewesen wäre. So schreibt doch Pascal selbst: "Wenn ich einen akademische Stil geschrieben hätte, so hätten nur die Gelehrten es gelesen. Daher war ich der Meinung, ich müsste so schreiben, dass meine Briefe geeignet seien von ... den Leuten von Welt gelesen zu werden". (1002) Und über seine eigene Schreibweise meint er, sie sei, wie die Montaignes, "die gebräuchlichste, die am leichtesten für sich einnimmt, am längsten im Gedächtnis bleibt und sich am besten zitieren lässt, weil sie ganz aus Gedanken zusammengesetzt ist, die auf der Grundlage der gewöhnlichen Gespräche des Lebens entstanden sind". Das heißt, Pascal hat sich bewusst für Lesbarkeit und Klang seiner Sprache und nicht für den damaligen akademischen Stil und die damalige akademische Schreibweise entschieden. Seither sind dreihundertfünfzig Jahre vergangen ...

Gedanken
Blaise Pascal

Gedanken


Über die Religion und einige andere Themen
Reclam 2004
571 Seiten, gebunden
EAN 978-3150500453
Jean-Robert Armogathe (Hrsg., Einführung), aus dem Französischen von Ulrich Kunz

Wir alle sind Gläubige

Die Rede, die der 2006 verstorbene David Foster Wallace im Jahr 2005 vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College gehalten hat, gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen. Eine Anleitung für das Leben, deren Lektüre jedem zu empfehlen ist.

Lesen

Eine radikale Strategie zur zeitgenössischen Architekturproduktion

Der ganze Charme dieses Buches entfaltet sich unter der leicht polemischen Argumentationsfolge des Vorwortes und präsentiert Venturis bekanntes Werk durch die zeitgenössische Collagemanier in einem neuen Gewand.

Lesen

Was Wirtschaftsethik leisten kann

Wirtschaftsethik ist zu einem wichtigen Themenfeld wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge geworden. Die Autoren fassen den Stand der Disziplin zusammen und geben einen guten Überblick.

Lesen

Sigmund Freud, der Lügner?

Seine Thesen haben rein gar nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern seien lediglich persönliche Erfahrungen, die er zu universellen macht. Dies fasst zusammen, was Michel Onfray in seiner Brandschrift über Sigmund Freud schreibt.

Lesen

Die erfundene Wahrheit

Lockere Dialoge, in denen Foerster und Pörksen sich humorvoll streiten und Foerster dabei im Sinne seiner Weltsicht argumentiert und diese erklärend darlegt.

Lesen

Wirtschaft nicht neu gedacht

Robert und Edward Skidelsky üben Kritik am herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, wobei sie ihre mitunter platten Aussagen leider oftmals bloß hinstellen, ohne sie herzuleiten oder zu belegen.

Lesen
1966 - Das Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte
Burning Man
Woodstock
Die Indianer Nordamerikas
Golem
Better Call Saul
Wo waren Sie, als Elvis starb?
Lesbians for Men
Istanbul, Hauptstadt der Welt
Der Traum vom Kaffee
Kate Moss by Mario Testino
Bolshoi Babylon
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018