Klaus Eichner: Bis alles in Scherben fällt

Strategien eines Dominators

Der Autor des vorliegenden, quantitativ eher sparsam gehaltenen Buches wird wohl in den herrschenden politischen Kreisen als auch in den ihnen angegliederten medialen Landschaften kaum gefeiert werden. Dies liegt nicht nur an dem den meinungsmonopolistischen Diskursen als unpassend erscheinenden Inhalt, sondern sicherlich auch an des Autors Biografie: Er war lange Jahre an führender Stelle Mitarbeiter der Abteilung IX ('Gegenspionage') der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR tätig. Ganz böse! Zu seinen primären Aufgaben gehörte die analytische Aufklärung sowie Aufarbeitung der Tätigkeiten der diversen US-Geheimdienste, die gerne unter dem Oberbegriff der CIA gefasst werden. Noch böser! 

Eichner gilt bis heute, mehr als 30 Jahren nach seinem, gewissen Ereignissen geschuldetem, Ausscheiden aus dem offiziellen Dienst, als ein Experte der nicht nur schnüffelnden Schlapphüte unseres 'großen Bruders' USA. Auf diesem Wissen und weiterhin engen Kontakten zu relevanten Quellen basiert in weiten Teilen auch sein in der Edition Ost erschienenes Buch "Bis alles in Scherben fällt - Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung". Es geht in der nicht nur aus der Historikerperspektive interessanten Lektüre um die unterschiedlichsten Versuche des Vereinigte Staaten von Amerika genannten staatlichen Überbaus des herrschenden Kapitals, eine neue Weltstruktur zu generieren. Diese habe, im Zuge der mehr oder weniger so nicht erwarteten Implosion der UdSSR und weiter Teile der sozialistischen Systemalternative, nach den Vorstellungen der USA, eine unipolare zu sein. Das Ergebnis der blauäugigen Vorstellungen des damaligen KPdSU-Chefs Gorbatschow, des kürzlich verstorbenen Totengräbers des ersten Versuchs einer menschlichen Alternative zum unmenschlichen Kapitalismus, einer friedlichen Koexistenz der Systeme, ist ja letztlich bekannt: "Heute steht die NATO mit ihren Truppen an der Grenze der Russischen Föderation". Dass das auch als eine Ursache des aktuellen militärischen Konfliktes zwischen Russland und der von Maidanputschisten geführten Ukraine zu sehen ist, bleibt in der veröffentlichten Meinung hierzulande eher ausgeklammert. Ohne die Prinzipien der "imperialistischen Aggressionspolitik" der USA, also der US-Grosskonzerne, zu kennen, sind Konflikte und ihre Ursachen auch nicht durchschaubar. 

Als wesentlichsten aller "westlichen Werte" identifiziert der Autor das Kapital. Es sei das Fundament der globalen Freiheit in einer US-definierten, unipolaren Welt. Dabei heilige dieser Zweck alle Mittel: "Kriege sind darum nicht nur wichtig zur Durchsetzung ihrer [kapitalistischen] Wertvorstellungen und gewinnträchtigen Verwertungsbedingungen, sondern auch gut fürs unmittelbare Geschäft".
Eichner beschreibt anschaulich, wie die westliche Wertegemeinschaft nach dem intern verursachten, als auch extern forcierten Niedergang des Systems der Staaten des Warschauer Vertrages ihre Ziele von Freedom and Democracy umzusetzen versuchen: Von den diversen Golfkriegen (andere Angriffskriege zu nennen, soll an dieser Stelle erspart bleiben), über die sukzessive Zerstörung der Sozialistischen Föderativen Republik sowie des Nachfolgestaates Bundesrepublik Jugoslawien unter wesentlicher Beteiligung der BRD zieht sich die Blutspur des Westens. "Deutschland (...) [wurde] mit Billigung und Hilfe der USA 54 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder in den [völkerrechtswidrigen Angriffs-]Krieg gezogen." Darüber wird mit Blick auf den aktuellen Ukraine-Konflikt in den demokratisch-freien, seitens der (von wem finanzierten?) Massenmedien nicht alleine der BRD übrigens gerne geschwiegen. 'Der Russe' und seine Oligarchen handeln völkerrechtswidrig - der Westen zerbombt Länder immer für die Menschenrechte der Selfmademillionäre. Die Definitionsmacht ist entscheidend. 

Wie gelingt es dem Imperium und seinen Verbündeten, die öffentliche Meinung in Richtung der eigenen Ziele einzustimmen? Auch darauf geht Eichner kurz und prägnant in dem mit knapp 130 Seiten leider recht dünnen Buch mittels belegter Fakten überzeugend ein. Da sind zum einen die diversen Medien, vom klassischen Fernsehen, über die diversen, sogenannten 'sozialen' Plattformen bis hin zu den sich selbst als Qualitätsprintprodukte lobenden Organe wie Spiegel oder FAZ in Deutschland. Sie werden zur Herstellung der hegemonialen Herrschaft über den 'Mindset' mittels diverser, ausgeklügelter Methoden eingesetzt. Zu denen gehören nicht zuletzt gezielt gestreute Fake-News. Dass in Eichners Buch der Konsument resp. Nutzer der Medien ausschließlich als Opfer diverser Strategien gesehen wird, ohne psychologische, soziologische und andere Faktoren näher zu beleuchten, sei der interessanten Veröffentlichung entschuldigt. Als ein Beispiel medialer Kriegsführung benennt der Autor die diversen Kampagnen und Desinformationsstrategien der USA nicht alleine im Zuge ihrer Irak-Kriege. 

So berichtete seinerzeit eine angebliche Krankenschwester mit weinerlicher Stimme der UNO über vorgetäuschte Säuglingsmorde und andere Verbrechen irakischer Soldaten. "Bei der vermeintlichen Krankenschwester handelte es sich um die fünfzehnjährige Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. ... Die Texte dieser angeblichen Augenzeugen hatte eine New Yorker PR-Firma geschrieben". So geht das! Die Lügen im dritten Golfkrieg über angebliche Massenvernichtungswaffen Saddams sind ja hinlänglich bekannt geworden - in den Massenmedien des Westens allerdings erst sehr viel später, als die USA ihre Feigenblättchen zur Legitimierung ihres Waffenganges nicht mehr benötigten. 

Klaus Eichner beschreibt, wie bereits erwähnt, recht komprimiert, aber faktenreich das Wesen, die Hintergründe und Ziele der imperialen Supermacht USA sowie die Rolle ihrer Geheimdienste bei der Desinformation der angeblich freien, westlichen Medienlandschaft. Zu Denken gibt auch ihr großer Einfluss auf nicht wenige, sich selbst als kritische Geister verstehende Kulturschaffende. Dabei macht der Autor deutlich, dass sich hinter den glorreichen Kämpfern für Freiheit und Menschenrechte letztendlich Konzerne verstecken, deren Ziel, wie es Marx schon richtig analysierte, nur der Profit sein kann - mit welchen Mitteln dieser auch immer erreichbar ist. Die institutionalisierte Form dieser Interessen materialisiere sich im Staatsgebilde: "Zu den Macht-Instrumenten dieser im Kern menschenfeindlichen Produktionsverhältnisse gehört der Staat, der die vermeintlich nationalen, in Wirklichkeit ökonomischen Interessen der großen Unternehmen durchsetzt."

Eichner stellt nicht nur mit Blick auf den aktuellen Ukraine-Konflikt fest, dass das Kapital mittels Kriege zweimal kassiere: zunächst durch die Produktion von Waffen und anderen Rüstungsgütern und im Anschluß, nach der mörderischen Verwüstung, durch den Wiederaufbau von Städten und Produktionsanlagen.

Was aber ist der Ausblick: Nur wenn es der Menschheit gelänge, sich von den Ketten der selbstmörderischen Produktionsverhältnisse zu befreien und einer globalen, kapitalistischen "Pax Americana" entgegenwirke, gäbe es Perspektiven. Wir wollen doch Perspektiven. Es gibt also viel zu tun.

Bis alles in Scherben fällt
Bis alles in Scherben fällt
Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung
130 Seiten, broschiert
EAN 978-3360028075

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