Ratgeber

Briten richtig verstehen

Obwohl die deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen auf eine lange Tradition zurück blicken, seien die kulturbedingten Unterschiede in der deutsch-britischen Wirtschaftszusammenarbeit ausgeprägt, schreiben die Autoren im Vorwort. Man fragt sich da unwillkürlich, ob es vielleicht für die deutsch-britischen Beziehungen nicht besser wäre, wenn Deutsche und Briten nicht miteinander Handel trieben? Forschungsarbeiten würden zudem zeigen, "dass nicht zu erwarten ist, dass mit zunehmender Intensivierung der deutsch-britischen Zusammenarbeit in quantitativer und qualitativer Hinsicht durch Konvergenzprozesse diese Unterschiede nivelliert werden. Vielmehr ist zu beobachten, dass mit zunehmender internationaler Kooperation in gewissen Sektoren zwar Konvergenztendenzen auftreten, dafür aber in anderen Bereich divergierende Einflussfaktoren an Bedeutung zunehmen." Nun ja, wer dermassen unverständlich schreibt, trägt seinen Teil dazu bei, dass eine Verständigung (sowohl zwischen Vertretern verschiedener Kulturen als auch unter Angehörigen ein und derselben Kultur) unnötig schwierig bleibt.

Glücklicherweise geht es sprachlich nicht so weiter. In der Einführung machen die Autoren Wesentliches klar: "Englisch zu sprechen heisst nicht, Briten zu verstehen." In der Tat, doch es gilt auch: Wer nicht wirklich gut Englisch spricht, hat wenig Chancen, Briten zu verstehen, denn diesen dient ihre Sprache häufig eher als Waffe denn als Mittel zu Verständigung. Zudem: Humor und Ironie sind den Briten ganz wichtige Elemente im Umgang miteinander und für diese braucht man ein gutes entwickeltes Sprachverständnis. Wer das nicht hat, gilt in Britannien schnell einmal als hoffnungsloser Fall.

Wer sich interkulturell erfolgreich verständigen will, muss sowohl die eigene als auch die Zielkultur verstehen. Das kann man, bis zu einem gewissen Grad, trainieren. Schmid und Thomas bedienen sich der in den USA entwickelten Culture Assimilator-Trainingsmethode: "Es setzt sich aus einer Vielzahl von Situationen zusammen, die Missverständnisse zwischen Deutschen und Briten illustrieren … Dem Lernenden werden zu jeder der dargestellten Situation vier unterschiedlich zutreffende Erklärungsmöglichkeiten (Deutungen) angeboten. Er soll nun jede dieser Alternativen dahingehend einschätzen, ob sie die Situation treffend erklärt. Anschliessend erhält der Benutzer Rückmeldungen (Bedeutungen) zu den Erklärungen und kann feststellen, inwieweit seine Annahmen zutreffen."

Gegliedert ist das Buch in sieben Themenbereiche: Selbstdisziplin, Indirektheit interpersonaler Kommunikation, Ritualisierung, Pragmatismus, Ritualisierte Regelverletzung, Interpersonale Distanzreduzierung und Deutschlandstereotyp - übrigens: die Lektüre lohnt nicht nur für Deutsche. Nehmen wir das Thema "Selbstdisziplin": unterteilt ist er in fünf Beispiele: Nimm dir einen Keks; Geburtstagswünsche; Der Feueralarm; Royal Opera; Die Diskussion. Anschliessend folgt ein erläuternder Text zur "Selbstdisziplin". Die anderen sechs Themenbereiche sind ebenso aufgebaut.

Ein solches Buch zu schreiben ist schwierig, weil man um Verallgemeinerungen nicht herumkommt und sich Erfahrungen, die notgedrungen individuell sind, manchmal nur schwer verallgemeinern lassen. Die Autoren wissen das und halten denn auch in ihrer Schlussbemerkung fest: "Die Bandbreite der Verhaltensweisen bei Briten ist ebenso wie bei Deutschen durch persönliche Erfahrungen, Schichtzugehörigkeit, Lebensraum, Alter und andere Merkmale geprägt. Den Rahmen dafür bilden allerdings die im jeweiligen Kulturraum gültigen Regeln und Normen, die in diesem Training in Form von Kulturstandards beschrieben sind."

Das Buch hat ein paar Schwächen. Wenn man zum Beispiel liest, dass es "zur englischen Grundvorstellung von Höflichkeit" gehöre, "dass man die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu kontrollieren und verbergen vermag", kann man sich schon fragen, was daran so besonders Englisch sein soll. Das ist aus dem Zusammenhang gerissen? Also gut, hier der nächste Satz: "Dahinter steht die Idee, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und dadurch eventuell andere nicht unfairerweise zu benachteiligen". Auch dies ist nicht besonders Englisch, möchte man meinen. Zudem: Wollen die Autoren etwa suggerieren ("eventuell andere nicht unfairerweise benachteiligen"), dass "faire" Benachteiligungen (was immer das sein mag) in Ordnung wären? Und um pingelig zu sein: Das "nicht" im Satzteil "die Idee, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen" gehört raus, wenn er sich mit dem zweiten Teil des Satzes ("und dadurch eventuell andere nicht unfairerweise zu benachteiligen") vertragen soll.

Die Autoren betonen unter anderem, dass die Engländer sich sehr indirekt untereinander austauschen; sie nennen das "Indirektheit interpersonaler Kommunikation". Man denke an Formulierungen wie "I am not quite sure, but…" oder "I might be wrong, but …". Diese seien, so die Autoren, "nicht Ausdruck einer grösseren Unsicherheit oder Unentschlossenheit auf Seiten der Briten. Sie dienen vielmehr dazu, dem (??) Gegenüber nicht vor den Kopf zu stossen und Achtung vor seiner Meinung zu signalisieren." Daraus auf "eine völlig andere Diskussionskultur als in Deutschland" zu schliessen, ist sicher richtig, doch nicht im Sinne von Englisch = indirekt; Deutsch = direkt, sondern häufig gerade umgekehrt. Sieht man etwa die Presse als Teil der Diskussionskultur, so ist nämlich die englische viel direkter, viel angriffiger, viel persönlicher, und viel meinungsfreudiger als die deutsche.

Summa summarum: Ein differenziertes und kluges, ein gelungenes und anregendes Buch, das einen motiviert, mit und selber zu denken. Nicht nur über die fremde, auch über die eigene Kultur.

Beruflich in Großbritannien
Stefan Schmid
Alexander Thomas

Beruflich in Großbritannien


Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte
Vandenhoeck & Ruprecht 2003
169 Seiten, broschiert
EAN 978-3525490518

Das kurze Leben des Georg Wilhelm Steller

Georg Wilhelm Steller starb früh und wurde um den verdienten wissenschaftlichen Ruhm gebracht. Dieses Buch würdigt Stellers Leistung als Entdecker, Naturwissenschaftler und Völkerkundler.

Lesen

Venedig nach Henry James

Die Hommage an einen Lebensstil beleuchtet die verschiedenen Reisen und Aufenthalte Henry James' in der Stadt der Träume und Illusionen. Eine wunderbare Huldigung in einer bibliophilen Ausgabe.

Lesen

Türkisch-Wörterbuch für unterwegs

Das ideale Türkisch-Wörterbuch für Reisende: Kompakt, aber ausführlich genug, um zum Beispiel eine türkische Zeitung zu lesen.

Lesen

Die kulturelle Drehscheibe der Antike

Ionische Städte sind archäologische Juwelen, beeindruckende Sehenswürdigkeiten und gut erforscht. Dennoch ist die Wissenschaft eine allgemeine Darstellung der Region schuldig geblieben. Wolfram Hoepfner hat sich dieser Lücke angenommen und legt einen überzeugenden Überblick vor.

Lesen

Berichte aus dem Herzen Afrikas

Wenn wir über den Kongo lesen, dann meist in Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Dass dieses riesige, relativ dünn besiedelte Land im Herzen Afrikas nicht nur aus Kriegen und Bodenschätzen besteht, zeigt Andrea Böhm mit ihrer eindrücklichen Reportage.

Lesen

Als Italien noch Italien war

Die vorliegende Publikation aus der Reihe "Earbooks" lässt einen beim Betrachten der Fotografien aus dem Leben der 50er und 60er Jahre in Rom auf zwei Audio-CDs dem kompletten Soundtrack des gleichnamigen Fellini-Films sowie einem Mix von 15 Liedern aus dieser blühenden Ära in Italien lauschen.

Lesen
Die dunkle Seite des inneren Kindes
Der Sinn des Lebens
Gefühle lesen
Das Ende meiner Sucht
Drei Mahlzeiten und dazwischen ist Leben
Meditation hilft heilen
Brief an mein Leben
Das Viele und das Eine
KONZ. Das Arbeitsbuch zur Steuererklärung 2015/16 / KONZ 2016. 1000 ganz legale Steuertricks
Der Silberlöffel
Von der Freude, den Selbstwert zu stärken
Trotz allem Ich
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018