Wer war Clive Dunlop wirklich?
Pater Joliffe, zugänglich, gesellig, rundlich und ein unorthodoxer Anglikaner, genießt bei seiner Gemeinde und der Diözese einen guten Ruf. Ja, man spricht in der vorgesetzten Stelle schon unter der Hand von ihm als "dem kommenden Mann." Diesen Ruf verdankt er seiner Fähigkeit, mitreißend zu predigen und bei Lied und Liturgie einen eher konservativen Stil zu vertreten. Doch bei Erzdiözesan Treacher ist er weniger gut angesehen. Und ausgerechnet dieser besucht im Auftrag der Diözese einen Gottesdienst Joliffes, um über dessen Beförderung zu befinden.
Treacher versteckt sich in einer der hintersten Bänke, nur um kein Aufsehen zu erregen. Doch gerade dies scheint ihm zu misslingen. Ständig verrenken sich, meist weibliche Kirchgänger, ihren Hals, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Doch das wahre Objekt der unkeuschen Begierde sitzt eine Reihe hinter dem Erzdiözesan; und wenn dieser ein bisschen an weltlichen Dingen interessiert wäre, hätte er unzweifelhaft den Star einer Soap-Opera wiedererkannt.
Ein Festival des ironischen Seitenhiebs und englischen Humors ist Alan Bennetts Roman "Handauflegen", der von Uwe Friedrichsen für Wagenbach besprochen wurde. Dankenswerterweise begeht er nicht den naheliegenden Fehler, auf den zahlreichen Pointen herumzureiten oder diese durch pseudo-kunstvolle Pausen besonders hervorzuheben. Gerade durch seinen beobachtenden und gelassen-fragenden Tonfall tritt das Subversive in Bennetts Roman wesentlich besser zu Tage als es durch schnöde Clownerien möglich wäre.
Wer hat hier alles seine Hände im Spiel?
Neben Pater Joliffe und Erzdiözesan Treacher spielt eine dritte Person eine, wenn nicht sogar die zentrale Rolle, obwohl diese durch Abwesenheit glänzt: Der jung und während einer Südamerika-Reise unter mysteriösen Umständen plötzlich verstorbene Clive Dunlop, dem der Gedenkgottesdienst geweiht ist. Jeder der mehr oder weniger prominenten Anwesenden glaubt diesen zu kennen; jeder beansprucht für sich auf unfehlbare Weise, der Einzige zu sein, der Clive wirklich kannte. Bennetts Kunstgriff, hier mit minimalen Mitteln dem Hörer vor Augen zu führen, wie viele goldene Kälber, welche Leichen jeder im Keller hat, ist ein Beispiel von vielen für die literarische Brillanz, die diesem kurzen Text innewohnt. Jedes noch so unbedeutende Detail bekommt im Verlauf der Geschichte eine oder mehrere weitere Bedeutungen. So allein das namensgebende "Handauflegen". Die Handlung spielt in einer Kirche und so ist es naheliegenden, hier einen religiösen Hintergrund anzunehmen; beispielsweise das Handauflegen Jesu, mit dem er Kranke heilte; oder eines Priesters bei der Segnung seiner Gemeinde oder eines Neugeborenen. Später erfahren wir, dass der Tote Masseur war und bei allen Anwesenden Hand anlegte - allerdings nicht nur für Massagen im streng medizinischen Sinne. Bis schließlich Pater Joliffe bewusst einen jungen Burschen mit der Hand berührt, um diesen zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Eine Geste, deren Konsequenzen wiederum erst mit den letzten Sätzen des Hörbuches klar werden.
Britischer als die Briten
Der Hörer hat es hier bedeutend leichter, diese Doppelbödigkeit, den Wortwitz und die Ironie des Textes zu verstehen als der Leser. Denn Uwe Friedrichsen liest nicht, er kommentiert. Unweigerlich baut sich vor dem inneren Auge des Hörers das Bild eines großen, elegant gekleideten Mannes auf, der auf der Orgelempore steht. Von hier oben hat er den absoluten Überblick über alle Geschehnisse. Er beobachtet, er analysiert, er prüft und verwirft Möglichkeiten bis er dann das Gesehene in Worte fasst und dem Hörer sein Ergebnis zu Ohren kommen lässt. Dies alles mit einem leicht spöttischen Zug um die Mundwinkel und erstaunt hochgezogenen Augenbrauen. Unwillkürlich fallen einem bei Uwe Friedrichsens abgeklärt-witzigem Vortrag Parallelen zu John Cleese' Darbietungen bei den "Monty Pythons" oder dem Film "Ein Fisch namens Wanda" auf; und dies, obwohl die Bilder nur im Kopf entstehen und der Text auf Deutsch gelesen wird - Uwe Friedrichsen ist halt britischer als die Briten.
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