Peter Seewald: Benedikts Vermächtnis

Benedikt XVI. im Porträt

Sehr schnell, nämlich nur wenige Wochen, nach dem Tod des emeritierten Papstes Benedikt XVI. am 31. Dezember 2022 wurde dieses umfassende Buch des bekannten Journalisten Peter Seewald publiziert, aber um einen publizistischen Schnellschuss handelt es sich freilich nicht, denn der Autor hat bereits wenige Jahre zuvor eine monumentale Biografie über den deutschen Papst vorgelegt. Wer sich näher mit dem Leben, Werk und auch mit der Wirkung von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. beschäftigen möchte, kann nun Seewalds neues Buch als Leitfaden und erste Orientierung zur Hand nehmen.

Joseph Ratzinger, so Seewald, habe Geschichte geschrieben, als "Mitgestalter des Konzils", als "Erneuerer der Theologie" und als "Glaubenshüter" an der Seite seines Vorgängers Johannes Pauls II., der 1981 den damaligen Erzbischof von München und Freising unbedingt an seiner Seite wissen wollte. 1982 zog Ratzinger, der 1927 geborene jüngste Sohn einfach gläubiger Katholiken, nach Rom und amtierte als Präfekt der Glaubenskongregation bis 2005. Er wurde am 19. April desselben Jahres zum Papst gewählt, umjubelt von den Gläubigen auf dem Petersplatz, als er sich am Abend scheu und lächelnd auf der Benediktionsloggia zeigte. Seewald schreibt: "Vielleicht hätte der neue Oberhirte auch selbst am liebsten Tränen vergossen. In seiner Rührung über die Zuneigung des großen Gottes, der dem kleinen Joseph aus dem kleinen Marktl am Inn, diesem nach seinem Selbstbild so schwächlichen Menschen, am Ende seines Lebens die gesamte Herde anvertraute." Seewald schreibt ersichtlich mit Sympathie über Ratzinger, durchaus anrührend, mitunter auch etwas sentimental und manchmal flott, mit journalistischem Schneid, etwa wenn er darlegt, dass der junge Professor "raketenhaft zum neuen Stern am Himmel der Theologie" aufgestiegen sei, als "Spindoktor des Konzils" agiert hätte und – in einem übertragenen Sinne freilich – "mehrfach" auch "vor dem Untergang" gestanden habe. Das Buch selbst ist erzählerisch-dialogisch aufgebaut, dadurch lese- und leserfreundlich, zudem kenntnisreich. Seewald hat dabei einen besonderen, durchaus anregenden Stil der Darstellung gewählt, der sicherlich besonders ansprechend ist für jene Interessierten, die mit dem Leben und Werk des verstorbenen Papstes nur wenig vertraut sind.

"Während Johannes Paul II. nicht nur als der politischste, sondern auch der moralisch strengste Papst galt, den es je gab, betrachtete Ratzinger Fragen der Sexualmoral als eher sekundär. Die Botschaft Jesu sei keine Morallehre, beharrte er."

Ratzinger sei, so Seewald, nicht durch einen "rigiden Moralismus" aufgefallen – und sieht darin einen Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger auf dem Stuhl Petri: "Während Johannes Paul II. nicht nur als der politischste, sondern auch der moralisch strengste Papst galt, den es je gab, betrachtete Ratzinger Fragen der Sexualmoral als eher sekundär. Die Botschaft Jesu sei keine Morallehre, beharrte er." Nichtsdestoweniger stand auch der deutsche Papst fest zur Lehre der Kirche. Ob sich Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wirklich in diesem Themenfeld unterschieden?

Akademisch geformt wurde Joseph Ratzinger durch den "temperamentvollen Rheinländer Gottlieb Söhngen", der "Kritik an der Kirche" mit "unverbrüchlicher Treue zur Kirche" verband: "An ihm habe er vor allem die undogmatische Herangehensweise bewundert, die große Wissbegierde, die er stets mit dem Bemühen verbunden habe, die Tradition nicht anstelle des Neuen, sondern als Quelle des Neuen zu erschließen." Staunen mögen manche Leser darüber, dass auch der junge Joseph Ratzinger einmal verliebt war. Seewald schreibt: "Er war verliebt, und er fühlte eine Gegenliebe. Er horchte in sich hinein. Wer ist er? Was ist seine Aufgabe?" Er wusste sich zum Theologen, zum Priester berufen: "Fest stand: Von ihm wurde ein Opfer verlangt. Ein Verzicht. Aber er entscheidet sich nicht gegen die Freundin, er entscheidet sich für etwas, nämlich einem Auftrag zu folgen, den er spürt, was immer damit in ferner Zukunft auch verbunden sein würde." Joseph Ratzinger wird Priester mit Herzblut sein und bleiben – und der Berufung treu bleiben. Professor in Regensburg wäre er gern geblieben, aber es folgten andere Stationen auf dem Weg seines Lebens, als er sich dies erhofft hatte.

In den 1970er-Jahren etwa blickte er mit Sorge auf Entwicklungen in der Kirche in Deutschland. Der "wichtigtuerische Verbandskatholizismus" behagte ihm nicht, die "Selbstdarstellung" von Funktionären und "ermüdende Debatten um Strukturfragen". Seewald schreibt pointiert: "Lähmung durch Reformeifer, lautete seine Diagnose." Das erinnert sehr an die Kirche in der Gegenwart, etwa an den deutschen Synodalen Weg, eine skurrile Parallelgesellschaft, in der auch von vielem, aber kaum noch von Gott die Rede ist.

Über Joseph Ratzingers Demut, Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit berichten bis heute ehemalige Studenten, Weggefährten und viele seiner früheren Mitarbeiter in Rom.

Über Joseph Ratzingers Demut, Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit berichten bis heute ehemalige Studenten, Weggefährten und viele seiner früheren Mitarbeiter in Rom. Johannes Paul II. schätzte den deutschen Theologen sehr, dieser gehörte zu seinen engsten Vertrauten. Ratzinger litt an Herzschwäche, hatte einen Herzschrittmacher und war seit einiger Zeit auf dem linken Auge blind, als er zum Papst gewählt wurde. In den knapp acht Jahren seines Pontifikates veröffentlichte Benedikt XVI. neben den Lehrschreiben auch noch drei Jesus-Bücher, die Peter Seewald besonders zum "großen Vermächtnis des deutschen Papstes" zählt: "Sie werden mit Sicherheit weit in das 21. Jahrhundert hinein ausstrahlen und vermutlich sogar darüber hinaus. Ein Projekt wie dieses, besiegelt durch die Autorität des Vicarius Christi, wird es nie mehr wieder geben. Es ist mit der Grund, warum Kenner schon heute von Ratzinger als dem Kirchenlehrer der Moderne sprechen. Kein Papst vor ihm hatte sich an so ein Unternehmen gewagt. Mit dem Theologen auf dem Stuhl Petri aber konnte endlich diese überfällige Aufgabe erledigt werden, in einer Zeit, in der dringend Klärungsbedarf bestand." Nun muss hier bedacht werden, dass Joseph Ratzinger ausdrücklich nicht seine lehramtliche Autorität beansprucht hat, als er die Jesus-Bücher publizierte. Im Gegenteil, Papst Benedikt XVI. lud ein zu Kritik und Widerspruch, warb gleichzeitig um Sympathie für seine persönliche Suche nach dem Antlitz des Herrn. Die Bücher sind also nicht "besiegelt durch die Autorität", sondern es sind Schriften eines Papstes, der seine ganz persönliche, theologische und geistliche Suche nach Jesus Christus aufzeigt. Seewald schreibt weiter: "Das Jesus-Buch Benedikts XVI. ist die Quintessenz eines Mannes, der als Schüler und Student, als Priester, Theologe, Bischof, Kardinal und Oberhaupt der katholischen Kirche der Gestalt und der Botschaft Christi nicht nur wissenschaftlich, sondern auch spirituell nachgegangen ist, der ihn im eigenen Leben gewissermaßen »ausprobiert« hat, um ihm so nahezukommen, wie das einem Menschen überhaupt möglich ist. Mit dem Werk will der Papst dem Leser auf Grundlage neuester historischer und theologischer Erkenntnisse die Augen für die Zusammenhänge des Evangeliums öffnen." 

Am 11. Februar 2013 erklärt Benedikt XVI. gemäß dem Kirchenrecht aus gesundheitlichen Gründen seinen Amtsverzicht zum 28. Februar desselben Jahres. Wenig später siedelt der emeritierte Papst in das Kloster "Mater Ecclesiae" im Vatikan um, in dem er bis zu seinem Tod am 31. Dezember 2022 im Alter von 95 Jahren lebte – verborgen vor der Welt.

Peter Seewald erzählt anschaulich vom Leben Joseph Ratzingers – Benedikts XVI. und weckt neu das Interesse, sich mit den theologischen und geistlichen Schriften des verstorbenen Papstes zu beschäftigen.

Benedikts Vermächtnis
Benedikts Vermächtnis
Das Erbe des deutschen Papstes für die Kirche und die Welt
398 Seiten, gebunden
EAN 978-3455012583

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