Von Burgen und Belagerungen
Kaum eine der vielen mittelalterlichen Burgen ist unversehrt bis in die Gegenwart erhalten geblieben und die Gründe ihrer Zerstörungen sind ebenso vielfältig wie legendenumrankt. Die Romantik des 19. Jahrhunderts mit ihrer Begeisterung für Ruinen, aber mehr noch die Imaginationskraft des Films im 20. Jahrhundert haben das heutige Bild der umkämpften Burg bestimmt. Was davon tatsächlich der Realität entspricht, darüber tauschten sich anerkannte Burgenforscher auf der 2005 in Oberfell an der Mosel stattgefundenen Tagung "Bleidenberg und Burg Thurant - Belagerungsburgen an der Mosel, in Rheinland-Pfalz und in Europa" des Marburger Arbeitskreises für europäische Burgenforschung e.V. aus.
Die dort gehaltenen Vorträge dokumentieren nun in gedruckter Form zu einem Sammelband zusammengefasst die vielfältigen Forschungsansätze und -ergebnisse der Historiker, Kunsthistoriker und Archäologen. Er umfasst 20 Beiträge und gliedert sich nach dem Grußwort des Bürgermeisters von Oberfell, den beiden Vorworten der Herausgeber und einer thematischen Einleitung von Olaf Wagener in drei Themenblöcke und einem abschließenden, über den geographischen Rahmen hinausgehenden Schlussbeitrag.
Die beiden Beiträge des ersten Blocks sind den Waffen bzw. dem Kriegsgerät gewidmet. Michael Kirchschlager und Thomas Stolle berichten über Einsatz und Technik von Steinschleudern wie Tribok und Blide, insbesondere über den originalgetreuen und funktionstüchtigen Nachbau einer Blide durch den Runneburgverein in Weißensee/Thüringen. Das Auftauchen und den Gebrauch der frühen Feuerwaffen im 14. Jahrhundert thematisiert Gerd Strickhausen.
Im zweiten thematischen Block werden Beispiele von historischen Belagerungen im Spiegel der schriftlichen Quellen vorgestellt. Alexander Thon untersucht die Belagerung und den Untergang pfälzisch-elsässischer Burgen, Jens Friedhoff den Kampf um Burgen im mittleren Lahngebiet und Werner Meyer den um feste Plätze in der Schweiz. Mit der Belagerung von Burg Montclair 1351 befasst sich Sascha Wagener, mit Gegenburgen in der südöstlichen Oberpfalz Bernhard Ernst. Jens Metzdorf zeichnet den Ablauf der Belagerung von Neuss 1474/75 nach, Tanja Potthoff die der Godesburg 1583 und Michael Losse die der Stadt Rhodos 1480. Gerrit Himmelsbach schließlich beschäftigt sich mit den Belagerungen während der Burgunderkriege 1474-1477.
Im Mittelpunkt des dritten Blocks stehen die Architektur und die Form der Belagerungsburgen bzw. -anlagen. Hilmar Schwarz untersucht die Belagerungsburgen der Wartburg, Bernhard Haegel die Belagerungswerke der Burg Hohenstein im Elsaß 1251 und 1338. Die Entwicklung von der Gegenburg zur Stadtgründung Balduinstein in den Jahren 1319 bis 1339 stellt Lorenz Frank dar. Olaf Wagener skizziert kurz die Belagerung von Thurant und die Bedeutung des Bleidenbergs als Einführung für die kunstgeschichtliche Betrachtung der Kapelle auf dem Bleidenberg von Udo Liessem. Mit den Belagerungswerken vor böhmischen Burgen hat sich Tomáš Durdik beschäftigt, mit Belagerungsburgen in Niedersachsen Thomas Küntzel. Olaf Wagener verfolgt das Schicksal von Belagerungsburgen nach dem Ende der Belagerung.
Der Schlussbeitrag von Andrea Höller über Belagerungsburgen in Japan zur Zeit der Shôgune (14.-19. Jahrhundert) bietet einen hochinteressanten Einblick in außereuropäische Architektur und Kriegskunst.
Das abschließende Autorenverzeichnis weist zwar leider keine biographischen Informationen der Autoren auf, dafür aber deren Kontaktadressen.
Obwohl noch reichlich Forschungsbedarf besteht - auch dies ein Ergebnis der Tagung - lässt sich doch jetzt schon deutlich erkennen, dass die Spuren der in den allermeisten Fällen lediglich für den Zweck der Belagerung errichteten Anlagen in den Quellen und vor Ort schwer zu finden und zu interpretieren sind. So problematisch die Definitionen der einzelnen Belagerungswerke sind, so vielfältig sind die taktischen und strategischen Überlegungen für das Betreiben eines solchen militärisch und logistisch äußerst anspruchsvollen Unternehmens. Abgesehen von den immensen Kosten für das Belagerungsgerät ist ja nicht immer die Eroberung der Burg das eigentliche Ziel einer Belagerung, sondern sie kann ebenso gut den Zweck haben, den Feind zu einem Entscheidungskampf - einer Schlacht mit dem zum Entsatz anrückenden Heer - zu verlocken. Aus mancher Belagerungsburg ist gar eine Stadt erwachsen. Wie wichtig bei der Forschung die Zusammenarbeit von Historikern, Kunsthistorikern, Architekten und Archäologen ist, wird hier mehr als offensichtlich demonstriert.
Die Texte des Sammelbandes sind auch für Laien gut zu verstehen und geben insgesamt einen gelungenen Einblick in die Welt der mittelalterlichen Belagerung. Wenn auch nüchterner als Roman und Film, so gelingt es ihnen, einige neuere Erkenntnisse und ein ebenso plastisches wie reales Bild der Abläufe zu vermitteln. Zahlreiche Abbildungen (Zeichnungen, Karten/Pläne, Fotos) tragen ihren Teil dazu bei. Kurzum: wer sich mit Burgen beschäftigt, kommt an diesem Band nicht vorbei.
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