Der Makel in einer spektakulären Karriere?
"Eine Kindheit wie ein Roman" lautet der Untertitel dieses gut geschriebenen Buches, das sich tatsächlich wie ein Roman liest, wie ein schlechter, denkt man sich zu Beginn, weil da ein klassischer Kotzbrocken geschildert wird – der beleidigte Steve Jobs bestreitet zuerst seine Vaterschaft –, doch merkt man schnell, dass dieses Buch keine Abrechnung mit dem berühmten Vater ist, sondern ein einfühlsames und eindrückliches Dokument sowohl ihres Vaters als auch ihrer Mutter, recht komplexen, schwierigen Menschen mit dunklen Seiten – heftige Stimmungsschwankungen sind beiden eigen.
Die Tochter hält fest: "Für ihn war ich ein Makel in seiner spektakulären Karriere, passte nicht in die Geschichte von Grösse und Tugend, die er sich wohl für sich wünschte. Meine Existenz ruinierte seine Bilanz. Für mich war es genau andersherum: je näher ich ihm wäre, umso weniger müsste ich mich schämen – er war Teil der Welt und würde mich ins Licht katapultieren."
Steve Jobs wurde adoptiert und entdeckte später, dass er eine Schwester hat – die Schriftstellerin Mona Simpson. "Sie waren jeder für sich erfolgreich geworden, ohne von der Existenz des andern gewusst zu haben. Beide hatte einen Sinn für Ästhetik; meine Vater kaufte teure Lampen, Teppiche und Bücher, während Mona Flohmärkte nach alten Quecksilberglühbirnen, Holzfiguren, Tellern mit Magnolienmuster, Gläsern mit Silberrand durchkämmte." Wieder einmal wird deutlich – die Gene sollten nicht unterschätzt werden.
Mona setzte sich für Lisa und ihre Mutter ein und machte sich dafür stark, dass Jobs ihnen ein Haus kaufte. Auch verewigte Mona sie, zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater, in einem Buch (das ist eben, was Schriftstellerinnen so tun – beschreiben, was sie beobachten), was die junge Lisa enorm irritierte. "Ich war gekränkt gewesen, meine Sachen auf den Seiten zu entdecken; es war, als hätte sie mir die Geschenke wieder weggenommen. Und dennoch inspirierten mich Monas Bücher dazu, selber schreiben zu wollen."
Doch Lisa Brennan-Jobs erzählt nicht alleine die Geschichte ihrer Eltern, die beide auf ihre jeweils eigene Art und Weise enorm fordernd sind. "Die Geschichte meiner Eltern ist nicht vollständig, wenn man nicht vorm Verfall der Familie meiner Mutter erzählt, davon, dass ihre Mutter psychisch krank wurde, als meine Mutter zwölf war."
Sie habe keine vermarktbaren Fähigkeiten, sagte der Vater einmal zur jungen Lisa (nach der übrigens ein Computer benannt ist, was Jobs lange Zeit bestritt). Verständnisvoll kommentiert sie: "Ich hatte ihn weder beeindruckt noch täuschen können. Er wusste, dass all diese Sachen nicht viel wert waren, und sorgte sich um meine Zukunft."
Ab und zu habe ich mich gefragt, ob ich wirklich all diese Details aus der Kindheit der Autorin wissen muss. Auch habe ich mich gewundert, dass sie sich an so vieles so genau erinnern kann, ich selber erinnere mich nämlich nur an weniges aus meiner eigenen Kindheit. Und dann gab es auch die Details, die ich nun wirklich nicht zu wissen brauchte: "Unterwegs machten wir halt, um in einem teuren Lebensmittelladen Sandwiches zu kaufen, und als ich später im Auto sagte, ich müsse mal, wedelte mein Vater mit einer leeren Wasserflasche." Mit anderen Worten: Nicht jeder Furz von Steve Jobs ist berichtenswert.
"Beifang" ist einerseits ein einfühlsames und differenziertes Porträt schwieriger Eltern und schildert andererseits eine hoch ambivalente Jugend, in der sich die Bewunderung für den Vater mit Angst vor ihm mischt.
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