Gilles Lellouche: Beating Hearts

Sonnenfinsternis für bebende Herzen

Eine Liebesgeschichte aus den wilden Achtziger Jahren versucht, die Klassengrenzen zu überwinden und scheitert doch an der beinharten Realität einer ungenannten nordfranzösischen Küstenstadt. Die wohl ebenso beinharte Romanvorlage lieferte der Ire Neville Thompson. Eine bahnbrechende neue Art des Narrativs über die Jugend, das erste Verliebtsein und die Adoleszenz.

Clotaire (François Civil) spielt den harten Kerl aus dem Viertel. Vor der Schule lauern sein Bruder, Freunde und er dem Schulbus auf und kommentieren jedes einzelne Mädchen, das aussteigt. Darunter auch Jacqueline "Jackie" (Adèle Exarchopoulos), die Clotaire nicht nur intellektuell, sondern auch emotional überlegen ist. Als kleines Mädchen verlor sie ihre Mutter bei einem Autounfall und lebt nun mit ihrem Vater (Alain Chabat) in einer nordfranzösischen Kleinstadt. Obwohl die beiden aus völlig unterschiedlichen Schichten stammen, verlieben sie sich ineinander und erleben eine wunderschöne Zeit am Strand, in Diskotheken und beim Tanzen. Eine Choreografie zu "A Forest" von der englischen 80er-Jahre-Band The Cure ist der emotionale Klimax, von dem ab sich die Spirale immer mehr nach unten dreht. Auch ein Kaugummi spielt eine zärtliche Rolle in dem Coming-of-Age-Drama, das mit viel Einfühlungsvermögen von Lellouche erzählt wird. Denn Clotaire gerät trotz der Schönheit - die er mit Jackie erlebt - auf die schiefe Bahn. "Typen wie ich wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen", sagt er erklärend zu Jackie, als sie ihm seine zunehmende Abwesenheit zum Vorwurf macht, "aber keine Sorge: Ich werde Großes schaffen", fügt er tröstend hinzu. Zu den jugendlichen Streichen, die Clotaire mit seinen Kumpels verübt, gesellt sich bald handfeste Kriminalität. Während sie in romantischen Vorstellungen schwelgt, wird Clotaire bei einem Überfall in einen Mord verwickelt und muss dafür gerade stehen. Er wird zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt für einen Mord, den der Sohn des Bandenchefs begangen hat. "Glaub mir, wenn einem nichts gefällt, enttäuscht einen auch nichts", riet ihm einst sein Vater. Jetzt beginnt er, es zu begreifen.

457 Jackieworte oder Das Gewicht der Worte

Als er nach zehn Jahren vorzeitig entlassen wird, sucht er als Erstes nach Jackie. Dann sucht er sowohl den ehemaligen Boss der Bande als auch dessen Sohn auf. Für seine Loyalität gegenüber der Bande und der sog. Gangsterehre (nichts zu verpfeifen, nicht mit den Behörden zusammenzuarbeiten) erntet er nur Spott. Demütig nimmt er den Verlust von Jackie um ihretwillen (sie ist inzwischen glücklich verheiratet) auf sich. "Ich war jung und von Häßlichkeit umgeben. Ihre Tochter war das einzig Schöne", gesteht Clotaire ihrem Vater. 457 Worte (457 "Jackie"worte) hat er von ihr gelernt und im Gefängnis jede Bedeutung nachgeschlagen. Die Schicksale der beiden entwickeln sich unaufhaltbar wieder aufeinander zu und am Ende kommt es zu einer Katastrophe, die am Anfang des Films schon vorweggenommen wurde. So setzen sich alle Puzzleteile wieder zusammen. Doch dann wird, im letzten Drittel des Films, ein alternatives Ende erzählt, eines, in dem beide glücklich miteinander werden. Sowohl die Erzähltechnik, als auch die Kameratechnik sind bei Beating Hearts einzigartig und gleichzeitig verführerisch. Lellouche arbeitet mit Rückblenden und Spiegeln und verwendet viele Motive aus der Jugendsprache. So bedeutet das "ouf" im Titel eigentlich fou, also verrückt, eine verrückte Liebe also, Amor fou.  Vor allem aber eine Hommage an die eigene Jugend, das Gefühl das Verliebtseins und das Versprechen auf das absolute Glück, das wohl jede/r von uns einst einmal fühlte, als die Windmühlen des Erwachsenseins einem noch nicht im Weg standen.

Gilles Lellouche baut auch komödiantische Elemente in seine Tragödie, etwa, wenn sich die beiden Jugendfreunde wiederbegegnen, ein. "Weißt du, was wir machen? Wir holen die verlorene Zeit nach!", ermuntert Clotaire seinen Freund Lionel. Voller zärtlicher Details und mit einem gekonnt eingesetzten Soundtrack. Neben The Cure, kommen auch "Child in Time" von Deep Purple oder "Rock`n´Roll" von Daft Punk u. v. a. zur Geltung. Aber auch ein französisches Chanson von Serge Lama "D'aventures en aventures" wird kunstvoll in die Geschichte verwoben: "Mais d'aventure en aventure/De train en train, de port en port/Jamais encore je te le jure/Je n'ai pu oublier ton corps."

Ein Film wie ein Rausch, eine einzige Hommage an das Gefühl, Berge versetzen zu können und unbesiegbar zu sein. Aber auch eine klare Erklärung, dass Liebe zwar die Jahrzehnte überdauern, den Klassenunterschied aber dennoch nicht überwinden kann. Schon jetzt der beste Film des Jahres 2024/25. Ungelogen.

Gewinnspiel
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Beating Hearts
Beating Hearts
Originaltitel: L’amour ouf
Laufzeit: ca. 123 Minuten
Originaltitel: L’amour ouf
EAN 4006680105727

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