Kunst

Die Geburt der Moderne

Das Bauhaus hat der Moderne seinen Stempel aufgedrückt, wie kaum eine andere Kunst-Schule. Immer noch ist ungeklärt, wie die Hochschule für Gestaltung in ihrer 14-jährigen Existenz und mit nur etwas mehr als 1.200 Schülern zu solch historischer Bedeutung gelangen konnte. Noch heute stehen das Bauhaus und seine Produkte für einen modernen Lebensstil und kultivierten Geschmack. Allerdings lebt mit den Bauhausklassikern auch der Urwiderspruch seiner Produkte auf, Massenbedarf statt Luxusbedarf zu schaffen. Aber Stahlrohrmöbel à la Breuer oder die Wagenfeld-Lampe sind heute vor allem Ausdruck eines gehobenen Lebensstils.

In diesem Jahr wäre das Bauhaus neunzig Jahre alt geworden. Wäre, denn das historische Bauhaus ist im Sommer 1933 in Berlin geschlossen worden. Mit zahlreichen Ausstellungen wird in diesem Jahr das Jubiläum der erfolgreichen Kunst- und Designschule begangen.

Die erste große Ausstellung gastierte im Frühjahr in Weimar und war über die ganze Stadt verteilt. Sie trug den Titel „Das Bauhaus kommt aus Weimar“. Die Ausstellung war das Gravitationszentrum zahlreicher Folgeschauen, die in Bauhaus-Orten in ganz Thüringen stattfanden und noch stattfinden. Die Weimarer Exposition widmete sich vor allem der Vor- und frühen Geschichte des Bauhauses, den einzelnen Werkstätten und ihren Meistern, zeigte zahlreiche historische Aufnahmen und Originaldokumente aus der Gründungsphase. Daneben konzentrierten sich die Kuratoren auch darauf, das Lokalkolorit zu nutzen, welches Weimars berühmteste Söhne Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Nietzsche hinterlassen hatten.

Die zweifellos größte Bauhaus-Werkschau gastiert derzeit im Berliner Martin-Gropius-Bau. Unter dem Titel „Modell Bauhaus“ versammelt sie Bauhaus-Produkte bekannter und auch wenig bekannter Bauhäusler aus fast 30 Museen. Ab November wird die Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art (MOMA) zu sehen sein. Der gleichnamige Ausstellungskatalog versucht, den Blick auf das Bauhaus zu öffnen. Die Mannigfaltigkeit von Konzepten und Inhalten sollen deutlich machen, dass das Bauhaus „ein radikales Experiment der Entgrenzung, Entkategorisierung und Zusammenführung“ war.

Das Bauhaus wurde 1919 als Zusammenschluss der Hochschule für bildende Kunst und der Kunstgewerbeschule von dem Architekten Walter Gropius in Weimar gegründet. In einem Brief an Ernst Hardt schrieb Gropius 1919, dass er das Bauhaus nicht in Berlin oder anderswo hätte gründen können, sondern nur Weimar als „ideengeschichtlich ausgezeichneter Ort, an dem Tradition und Innovation aufeinander trafen“, infrage kam. An diesem Ort konnte das Bauhaus aufgebaut werden, doch nachdem ihm die neu gewählte, nationalkonservative thüringische Regierung die politische Unterstützung entzog, musste es 1925 nach Dessau umziehen. In Dessau blieb die Hochschule für Gestaltung bis 1932. In der Zeit entstanden die Meisterhäuser, das Bauhaus-Lehrgebäude sowie die Wohnsiedlung Dessau-Törten. Der Gründungsdirektor Walter Gropius verließ 1928 das Bauhaus und Hannes Meyer übernahm bis 1930 dessen Funktion. Ab 1930 führte Ludwig Mies van der Rohe die Schule, die er nach dem Dessauer Gemeinderatsbeschluss vom 1. Oktober 1932 zur Schließung des Bauhauses nach Berlin umsiedelte und dort noch einige Monate als private Institution weiterführte. Am 20. Juli 1933 kommen die Lehrkräfte des Bauhauses zu dem Schluss, dass sie dem Druck der inzwischen regierenden Nationalsozialisten nicht länger standhalten können und schließen die Schule.

Zu keiner Zeit war das Bauhaus und dessen Wirken ein in erster Linie künstlerisches Experiment. Konfrontiert mit den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit und der Vorgeschichte des 1. Weltkrieges hatte es immer auch einen politischen und sozialen Anspruch. In Gedenken an Friedrich Nietzsche, der knapp zwanzig Jahre vor der Bauhausgründung in Weimar gestorben war, wollten die Bauhäusler der Barbarei des Krieges mit Stil Einhalt gebieten. Um damit erfolgreich zu sein, musste dieser Stil das Volk in seiner Lebenspraxis zusammenhalten. Die Versöhnung von Architektur, Kunst und Handwerk und damit eine neue Bindung dieser drei Bereiche an die gesellschaftlichen Ansprüche rückten in das Zentrum des Bauhauses. Bereits im Gründungsmanifest wird dieser Anspruch deutlich. „Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird. Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.“ Mit diesem Satz ist die Programmatik des Bauhauses auf den Punkt gebracht. Lyonel Feiningers im kubistischen Stil gehaltene Kathedrale auf dem Deckblatt des Manifests, ein funkelnder Kristall der Architektur, gilt als das Symbol dieses Programms.

Die soziale Grundausrichtung fand sich auch in der inneren Struktur der Schule wieder. Als Werks- und Künstlergemeinschaft fanden unter dem Dach des Bauhaus Architekten, Bildhauer, Maler, Designer und Handwerker aller Art zusammen und inspirierten sich gegenseitig. Die Vermittlung der gestalterischen Grundlagen in den Vorkursen und die anschließende Umsetzung des Gelernten in den Werkstätten schweißten Kunst und Handwerk zu einer elementaren Einheit zusammen. Aus dieser Einheit heraus sollten Antworten auf die sozialen Fragen der Zeit gefunden werden.

Die Einrichtung des Vorkurses war entscheidend für den späteren Erfolg des Bauhauses. Er bot die richtige Mischung aus avantgardistischer Zukunftsmusik und schulischer Ausbildung. Der Kunstpädagoge Johannes Itten vermittelte in den ersten Jahren den Studenten die Grundlagen der Gestaltung. Wie zentral er für den Erfolg des Bauhaus’ war, macht ein Zitat von Gropius’ damaliger Frau Alma Mahler deutlich: „Wenn du mit deiner Idee des Bauhauses Erfolg haben willst, dann musst du Itten berufen.“ Auf dessen Vorkurse baute die Ausbildung in den Werkstätten auf, in denen sich jeweils ein Form- und ein Werkmeister den Studenten und ihren Arbeiten annahmen. Diese schulische Struktur der Lehre am Bauhaus ermöglichte die ideale Synthese aus handwerklicher Grundausbildung und künstlerischer Lehre. Nach Ittens Vorstellung sollten so „die schöpferischen Kräfte und damit die künstliche Begabung der Lernenden“ freigemacht und die Köpfe der Studenten „von aller toten Konvention befreit“ werden. Nach dessen Austritt aus dem Bauhaus übernahm der Ungar László Moholy-Nagy den Vorkurs. Er setzte die Grundausbildung mit dem Schwerpunkt der Erforschung des künstlerischen Rohmaterials fort. Erst die Neubetrachtung und -erforschung der bekannten Materialien in ihrer Beschaffenheit und ihren Möglichkeiten ermöglichte später die visionäre Kunst des Bauhauses.

Das zukunftsorientierte Schaffen des Bauhauses sollte stets bis in die Gesellschaft hineinwirken. Oder wie es der Gründungsdirektor Walter Gropius zur ersten Bauhaus-Ausstellung 1923 formulierte: „Die Schaffung von Typen für die nützlichen Gegenstände des täglichen Gebrauchs ist eine soziale Notwendigkeit.“

Dieser Anspruch findet sich bereits in einem Grundsatzpapier wieder, mit dem er im Februar 1922 die Arbeitsweise am Bauhaus neu ausrichtete. Darin forderte er die Produktion „typischer Einzelstücke“, die das „Handwerk und die Industrie für ihre Formen als richtungsgebend aufnehmen“ sollten. Damit rückte das Schaffen von Prototypen für die industrielle Herstellung von Alltagsgegenständen in den Mittelpunkt der Bauhaus-Ausbildung. Doch nur selten gelang es, ein Bauhaus-Produkt zu präsentieren, das die industrielle Reproduktion ermöglichte. Die Bauhäusler waren noch zu sehr mit ihren expressionistischen, surrealistischen oder dadaistischen Wurzeln verbunden. In der frühen Phase des Bauhauses wurden die expressionistisch-esoterischen Züge unter dem Begriff der „gotischen Weltanschauung“ vereint. Gropius forderte Lehrkräfte und Schüler auf, sich von dieser Weltanschauung der Avantgarden der Moderne zu lösen, da man ansonsten zwar kostbare aber unnütze Gegenstände schaffe. Stattdessen plädierte er für eine andere, lebensnahe Arbeitsweise, um für die Allgemeinheit nützliche Gegenstände zu schaffen. Damit begann ein für den Lehrkörper und die Studentenschaft schmerzhafter und verlustreicher Prozess der Hinwendung zur Zweckrationalität.

Am stärksten verdeutlicht die Entwicklung von Marcel Breuer die Neuausrichtung des Bauhauses. Stellt man seinen 1921 mit Gunta Stölzl entworfenen Afrikanischen Stuhl neben seinen Clubsessel, den er nur fünf Jahre später entworfen hat, wird die Verdrängung des Expressionismus zugunsten einer größtmöglichen Rationalität offensichtlich. Trotz aller Bemühungen gelang es dem Bauhaus aber erst unter der Leitung von Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, Bauhaus-Produkte für die serielle Industrieproduktion herzustellen.

Der Mythos des historischen Bauhauses baut vor allem darauf auf, dass es die Avantgardisten aller Fachbereiche unter einem Dach zusammenführte. Schon allein das Gründungspersonal (Walter Gropius, Lyonel Feininger, Johannes Itten, Gerhard Marcks) wirkte wie ein Magnet auf die interessierte Studentenschaft. Dazu kam, dass im Laufe der Jahre die bekanntesten Vertreter der europäischen Avantgarde an die Hochschule gerufen wurden, darunter Personen wie Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, Josef Albers, Georg Muche, László Moholy-Nagys oder die beiden späteren Direktoren Mies van der Rohe und Hannes Meyer. Ehemalige Studenten wie Herbert Bayer, Marcel Breuer und Gunta Stölzl übernahmen wichtige Lehrfunktionen am Bauhaus. Um Genialität und Umfang des Schaffens dieser Künstler zu erfassen, konsultiert man bestenfalls die Kataloge beider Ausstellungen, da sie sich in ihren unterschiedlichen Ausrichtungen wunderbar ergänzen. Während die Weimarer Schau die Produktivität der Bauhäusler in den Vordergrund schob, stellt die Berliner Exposition die Genialität und Modellhaftigkeit einzelner Werke in den Vordergrund.

Was ist heute vom Bauhaus geblieben? Neben den Ikonen des modernen Lebens vor allem der Anspruch, neue Wege zu gehen, um adäquate Antworten auf die sozialen Fragen seiner Zeit zu suchen. Erst die bunte Mischung der Stilrichtungen und Avantgarden in allen Bereichen von Kunst und Handwerk machte das ständige Oszillieren der Konzepte und Ideen möglich, das die historische Bedeutung des Bauhauses begründet. Keine Publikation hat dies bisher derart plastisch veranschaulicht, wie der Ausstellungsband „Modell Bauhaus“. In 68 Aufsätzen zu jeweils einem exemplarischen Objekt bringt der Band dem Leser nicht nur die Kreativität der Bauhäusler nahe, sondern es gelingt ihm auch, den Modellcharakter der einzelnen Werke in der Kunstwelt zu verdeutlichen. Darüber hinaus vermittelt der Ausstellungsband einen umfassenden Eindruck des Lebens und Schaffens am Bauhaus. Tafeln zu den einzelnen Jahreskapiteln ermöglichen die zeithistorische Einordnung der Abläufe am Bauhaus in die politischen und gesellschaftlichen Begleitumstände.

Eine solche Zeitleiste zur Einordnung der Ereignisse am Bauhaus in die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse liefert auch der Katalog der Weimarer Ausstellung. Allerdings ist er auf die Weimarer Zeit beschränkt. Diese erfasst er aber nahezu vollständig, lässt kaum ein bedeutendes Werk aus, welches in der Zeit zwischen 1919 und 1925 in den einzelnen Werkstätten und Kursen entstanden ist. Darüber hinaus bietet der Katalog die Möglichkeit, die Vorgeschichte des Bauhauses in Weimar und damit seine emotionale Verwurzelung mit der Stadt zu verstehen. Zahlreiche historische Fotografien verdeutlichen das Leben am Bauhaus. Die abschließenden gesonderten Betrachtungen von Goethes Farben- und Metamorphosenlehre auf die des Bauhauses sind allerdings schon eher etwas für absolute Kenner des Bauhauses.

„Das Bauhaus kommt aus Weimar“ ist ein gelungener Katalog, der das frühe Bauhaus in Weimar in all seinen Facetten mit Texten, Fotografien und Abbildungen beleuchtet. Mit insgesamt 380 Seiten ist er allerdings etwas zu umfangreich geraten. „Modell Bauhaus“ hingegen ist kein Ausstellungskatalog im eigentlichen Sinne, sondern eine Bild-Text-Biografie der Kunsthochschule, die ein umfassendes Bild des gesamten historischen Bauhauses und seiner Rezeption liefert. Hier ist keine Seite zuviel, und auch dieser Band hat immerhin 376 Seiten.

All jenen, denen dies zu viel Lesematerial ist und die eher eine kurze Einführung in 14 Jahre Bauhaus wünschen, sei der zur Berliner Ausstellung dazugehörige Audioguide empfohlen, der in der Reihe „Kunst zum Hören“ erschienen ist. In knapp 80 Minuten bringt er dem Hörer und Betrachter anhand 37 ausgewählter Bauhaus-Werke, die in einem separaten Band abgebildet sind, die Geschichte der einflussreichsten deutschen Kunstschule eindrucksvoll nahe.

Nachtrag: Der größte Gewinn der Weimarer Bauhaus-Ausstellung liegt wohl darin, dass durch die langjährige Vorbereitung endlich über ein Neues Bauhaus-Museum nachgedacht wird.

Klassik Stiftung Weimar, Ulrike Ackermann, Ulrike Bestgen (Hrsg.): Das Bauhaus kommt aus Weimar. Deutscher Kunstverlag. Berlin/München 2009. 380 S. 35,- €, ISBN: 342206883X. Modell Bauhaus. 1919 – 2009. Hatje Cantz Verlag. Ostfildern 2009. 376 S. 39,80 €. ISBN: 3775724141. Kunst zum Hören. Modell Bauhaus. Hatje Cantz Verlag. Ostfildern 2009. 48 S. & ca. 80 Min. 39,80 €. ISBN: 3775724508 Die Berliner Ausstellung „Modell Bauhaus“ kann noch bis zum 4. Oktober 2009 besucht werden. www.modell-bauhaus.de
Das Bauhaus kommt aus Weimar / Modell Bauhaus

Das Bauhaus kommt aus Weimar / Modell Bauhaus


2009
380 / 376 Seiten
Deutscher Kunstverlag / Hatje Cantz

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