Literatur

Feier der Sprache

Nach seinem viel gerühmten Erstlingswerk "Der Wettermacher" vor beinahe zehn Jahren und Silber und Salbader (1999) hat Peter Weber mit Bahnhofsprosa sein drittes Buch veröffentlicht. Wie meist nach einem so erfolgreichen Erstlingswerk, wie "Der Wettermacher" es war, wurde viel spekuliert, ob der Autor mit seinem zweiten Buch die Erwartungen erfüllen kann. Er konnte. Und er kann noch mehr, wie sein neuestes Buch beweist. Der Text bezieht seine Stärken einerseits aus der formalen Strenge (vier Teile, jeweils in sechs Unterkapiteln unterteilt), und andererseits aus der synästhetischen Perspektive des Erzählers, aus welcher er es schafft eine ganz eigene Welt zu kreieren.

Die Geschichte spielt - wie der Titel es bereits erwarten lässt - in einer Bahnhofshalle und der Erzähler führt den Leser durch seinen Bahnhof: "Ich sitze in der Bahnhofshalle im üppig aufwachsenden Gerede, das zum Gebrabbel wird, die Decke entlangufert. Wieder und wieder hatte ich festgestellt, dass es im Hauptbahnhof Orte gibt, an denen das Gerede aufwächst wie in der Sixtinischen Kapelle, wo es ein einmaliges Gerede gibt, zusammengesetzt aus Sprachen aller Welt." Das Zentrum der Bahnhofshalle bildet die "Mutteruhr", welche gleichzeitig auch als "Treffpunkt" dient. Von der "Mutteruhr" aus unternimmt der Erzähler Erkundungen in alle Richtungen. Oftmals hat man das Gefühl, die Beobachtungen seien dem Delirium des Halbschlafs entnommen; so überlagert sich zum Beispiel eine Fahrt im Schlafwagen mit einem Aufenthalt im Spital.

Peter Webers Erzählung ist auch eine Erzählung über das Hören. Die Bahnhofshalle wird, wie auch der Raum des Textes, akustisch vermessen. Das "üppig aufwachsende Gerede" zerteilt der Erzähler, indem er von Zeit zu Zeit "Schiff!" oder "Fisch!" ruft. Sobald jedoch das Ohr dem "höllischen Lärm" der Bahnhofshalle entflohen ist, wo das "geübte Weghören" überlebenswichtig ist, vermag es über die Begrenztheit der Halle hinaus, ins "Offene" zu hören: "Nach der Arbeit entferne ich die Stöpsel, lege mich im Zimmer aufs Bett, lasse den Ohren freien Lauf, sie eilen durch die Stockwerke ins Offene."

"Bahnhofsprosa" ist nicht Alltagsbeobachtung und erzählt keine Anekdoten von Menschen, die ihren Zug gerade verpasst haben. Sondern hier feiert die Sprache sich selbst. Peter Weber gelingt es eine phantastische, manchmal auch etwas bedrückende Sprache zu kreieren, welche ganz unmerklich beim Leser zu klingen und widerhallen beginnt. Lesenswert ist dieses Buch auch, weil mit grosser Sorgfalt mit Sprache umgegangen wird.

Bahnhofsprosa
Peter Weber

Bahnhofsprosa


Suhrkamp 2002
132 Seiten, gebunden
EAN 978-3518413548

Der Alltag des Schriftstellers in seiner doch nicht ganz so kleinen Welt

Gauß' unaufgeregter, aber nicht unaufregender Einblick in zwei Jahre seines Alltags ist vergnüglichste Lektüre auf höchstem Niveau.

Lesen

Lebenslange Freundschaft

Die lang erwartete Fortsetzung des Erfolgsbuches erzählt die Jugendzeit der beiden Freundinnen Lila und Lena und ihre ersten Erfahrungen mit Sex: die eine macht sie durch Heirat, die andere am Strand. Ein neapolitanischer Heimatroman.

Lesen

Amerikas schreibendes Gewissen

Nichts ist so wahrscheinlich, wie der Untergang. Ob im Iran, in Kolumbien, auf dem südchinesischen Meer oder mitten in Amerika. Der Jung-Autor Nam Le erzählt eindringlich und schonungslos von den Schattenseiten des Daseins und zwingt uns, der Brutalität des Lebens ins Gesicht zu schauen.

Lesen

Medusa: Der Schrecken der Weiblichkeit

Medusa, eine Figur der griechischen Mythologie, wird in diesem unterhaltsamen Buch von der Antike bis zur Gegenwart vorgestellt und in ihren zeitlichen Interpretationen und Rezeptionen dargestellt.

Lesen

Marxistische Gourmets

Dieses sehr unterhaltsam zu lesende Buch, das 1985 erstmals erschienen ist, versammelt vier bekannte Erzählungen und ein Theaterstück von André Müller, dem bekennenden Marxisten und Gourmet.

Lesen

Türkei in Lesehäppchen

Nachdenkliche und spannende Geschichten aus der Türkei. Schade, dass diese Autoren im deutschsprachigen Raum fast völlig unbekannt sind.

Lesen
Aus der nahen Ferne
Die Mutter
Die Geschichte des Regens
Hundert Tage
Der Fremde
Der Sieger bleibt allein
Lila, Lila
Die Geschichte von Herrn Sommer
Im Westen nichts Neues
Sonnenfinster
Frauen, die Blumen kaufen
Frühstück bei Tiffany
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018