Badisches Klosterbuch

Das badische „Klösterreich“

Österreich wird im frommen Volksmund auch bisweilen als „Klösterreich“ bezeichnet – und wer an Baden und Hohenzollern denkt, vergegenwärtigt sich nicht sogleich die ganze Kirchen-, ja Klostergeschichte, die in diese Landstriche eingezeichnet ist. Das Christentum hat buchstäblich diese Geschichte geschrieben, in der Vielfalt der Ordensgemeinschaften, die unverwechselbar und auch vergänglich durch die ihnen eigene Spiritualität, nicht weniger auch durch die Verbindungen mit weltlicher Herrschaft Zeiten und Räume geformt und gestaltet haben. Drei Bände haben die Herausgeber Jürgen Dendorfer und Wolfgang Zimmermann nun vorgelegt und mit all ihren tüchtigen, kenntnisreichen Mitarbeitern eine wahrhaft monumentale, nahezu majestätisch prachtvoll anmutende Klosterschau vorgelegt.

Demütig werden die kostbaren Bücher als „Nachschlagewerk“ bezeichnet, und gewiss sind sie auch dies, denn die Leser können Klöster oder auch nur kleine Refugien für Ordensleute einzeln studieren, anhand von Fotos der verbliebenen Ruinen und den kundig erstellten Begleittexten Einblicke in längst Geschichte gewordene Klausen nehmen. Blättern ist erlaubt, um sich die bleibende Pracht der heutigen benediktinischen Erzabtei Beuron anzuschauen und gedankenvoll, vielleicht meditierend die Bauten, Kunstwerke und Kirchen zu betrachten. Kleine „Schwesternsammlungen“ bestanden oft nur für kurze Zeit, manche Kollegiatstifte mehrere Jahrhunderte. Sichtbar wird, wie weit die Verwüstungen der Säkularisation zu Anfang des 19. Jahrhunderts die badische Klosterwelt versehrten, ja oft auf schändliche Weise vernichteten. Die napoleonischen Kriege, befeuert, getrieben und beflügelt vom Ungeist der Französischen Revolution, waren nicht nur Gewaltakte gegen die Völker im Herzen Europas, sondern auch ein ideologischer Feldzug gegen Sakralbauten und das Christentum.

Die Verflechtungen der Klöster zur Wirtschaft werden aufgezeigt, ebenso wird von den Autoren die je eigene Spiritualität der Konvente vorgestellt und die „religiöse Ausstrahlung durch Wallfahrten“ gewürdigt. Was aber überhaupt ist ein Kloster? „Klöster im eigentlichen Sinne gab es in Alemannien dann in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Das bedeutet Klöster als von der Welt abgegrenzte, geschützte Räume, die dadurch dem Einzelnen Askese ermöglichten, gleichzeitig aber das Leben in Gemeinschaft mittels Regeln verbindlich organisierten. Somit wäre dies eine nach innen auf die geistliche Vervollkommnung des Einzelnen zielende Lebensform, die zugleich das gemeinschaftliche Leben in Gebet und Arbeit regelte, und infolge nach außen nicht nur religiöse, sondern auch wirtschaftliche und politische Effekte entfaltete.“ Die benediktinische Ordensregel war prägend, doch die eigentliche Spiritualität hätte zumindest partiell theologisch gewürdigt werden können. In der zitierten Beschreibung wird dies zwar angedeutet, aber doch verkürzt, denn die Ordensleute lebten nicht mehr für sich selbst, sondern auf Christus hin und verschwanden auch, je nach dem Charisma ihrer Gemeinschaft, als Einzelne in der Kommunität. Sie versahen dort ihren Dienst und hatten ihren Oberen Gehorsam zu leisten. Die hier erwähnte „Vervollkommnung“ steht also quer zu allen Fantasien der Selbstverwirklichung, die heute bis in den Raum der Kirche hineinreichen. Die klösterliche Existenzweise sah die Hingabe an Gott vor, ein Leben im Gebet und in Arbeit für die Gemeinschaft.

Im badischen Raum bestand eine „eindrucksvolle Dichte an geistlichen Gemeinschaften“ am Ende des Mittelalters: „Nahezu alle frühen, am Beginn des 8. Jahrhunderts gegründeten Klöster bestanden um 1500 noch, und somit fast 800 Jahre nach der Gründung. Vergegenwärtigt man sich dies, dann wird deutlich, wie tief der Einschnitt durch die Reformation war.“ Martin Luthers Ziel war die „Abschaffung“ des monastischen Lebens. Der Geist der Weltlichkeit wütete: „Monastische Gelübde seien nicht mit der von Christus geschenkten Freiheit, die allen Gläubigen in gleicher Weise zugesprochen ist, zu vereinbaren.“ Kirche und Mönchtum fanden kaum Fürsprecher.

Mancher Ordensmann wurde zu einem eifrigen Reformator. Klöster wurden geplündert und mitunter niedergebrannt. Jahrhunderte später verschärfte sich die Agitation gegen die Klöster durch die Aufklärung: „Besonders die Bettelmönche wurden zum Ziel von Spott und Satire. Die aufgeklärte Publizistik stellte die Frage nach der Nützlichkeit der Gemeinschaften in den Mittelpunkt ihrer Forderungen. Der monastische Grundgedanke, dass Gebet und Gottesdienst über allen weltlichen Ansprüchen stünden, verlor seine gesellschaftliche Legitimität.“ Doch im 19. Jahrhundert gab es auch Wieder- und Neugründungen, so etwa 1863 in Beuron, als das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift neu als benediktinisches Männerkloster errichtet wurde.

Auch die Romantik trug zur Besinnung auf die monastische Lebensform bei: „Das mittelalterliche Mönchtum wurde aus katholischer Sicht zum Inbegriff des Christlichen, zum Träger der abendländischen Kultur. … Die Rückbesinnung auf die Geschichte eröffnete – wieder einmal – dem monastischen Leben neue Zukunftsoptionen.“ Gewürdigt werden auch eremitische Kleinklöster, die besonders in Baden und Hohenzollern verbreitet waren. Diese Behausungen für geistliche Gemeinschaften befinden sich zuweilen in der „Bergeinsamkeit“, andere lagen auf gewisse Weise verborgen vor der Welt, abseits aller Reise- und Handelswege: „Sie stehen einerseits in einer uralten monastischen Tradition des eremitischen Rückzugs in die Einsamkeit, die theologisch schon im Mittelalter gegenüber den konventualen Klöstern oft gering geschätzt wurde, und andererseits dokumentieren sie die spirituellen Bedürfnisse von Frauen und Männern, die auch fern der Städte den Rückzug aus der Welt angestrebt haben. Von einigen ist die genaue Lage bekannt, vereinzelt sind auch ihre Bauten überliefert.“

Die Vielfalt der Klöster wird in diesem dreibändigen Werk auf einzigartige Weise deutlich, die Geschichte der Stifte und Abteien wird sichtbar, kenntnisreich vorgestellt, stilistisch nüchtern und anschaulich beschrieben. Kirchliche Kunstwerke lassen sich auf Fotografien bestaunen und geistlich betrachten.

Es ist unstreitig, dass das „Badische Klosterbuch“ von wegweisender, bleibender Bedeutung sein und als Standardwerk der regionalen Kirchengeschichte gelten wird. Wer sich gelegentlich eine spirituelle Vertiefung wünscht, wird sicher durch diese Bücher motiviert sein, sich etwa die Ordensregel des heiligen Benedikt zu beschaffen und zu studieren. Ein solches Werk darf die interessierte Leserschaft immer wieder zur Hand nehmen und dabei verweilen. Wer das badische „Klösterreich“ und seine Spuren in der Gegenwart für sich entdecken möchte, mag sich vor Ort ein eigenes Bild machen und die Christentumsgeschichte in Deutschland aus nächster Nähe entdecken. Eine verborgene Frage scheint zudem auch auf: Der christliche Glaube war einst eine solche, für uns heute unvorstellbare kulturprägende Kraft. In der Blütezeit des römisch-katholischen Glaubens konnte ein Reichtum an Klöstern entstehen – und wie verhält es sich heute? Ist es vorstellbar, dass der Glaube im Herzen Europas aufs Neue reiche Früchte tragen könnte? Solche Gedanken und Überlegungen können bei der Lektüre dieser wertvollen, faszinierenden Bände, denen eine große Leserschaft zu wünschen ist, entstehen.

Badisches Klosterbuch
Badisches Klosterbuch
Klöster, Stifte und religiöse Gemeinschaften in Baden und Hohenzollern. Von den Anfängen bis zur Säkularisation.
2016 Seiten, gebunden
3 Bände im Set
EAN 978-3795438470

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